„Borsteler Tisch“ stark nachgefragt

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Freude bei Peter Wagner und Sabine Huchler: sie bekommen von Maren Siewert, der Leiterin des Borsteler Tisches, Lebensmittel für den symbolischen Preis von einem Euro Foto: Hanke

Ein Jahr nach Gründung kommen wöchentlich etwa 75 Menschen. Frischware gesucht

Hamburg. 12 Uhr mittags in einem schmalen Gang neben dem Jakob Junker Haus der Heilsarmee an der Borsteler Chaussee. Etwa zehn Personen warten vor einer rot-weißen Absperrkette. Dahinter das Café der Begegnung der Heilsarmee, in dem ab 13 Uhr wie an jedem Mittwoch im Rahmen der Aktion „Borsteler Tisch“ Lebensmittel an Bedürftige ausgegeben werden. Die elf ehrenamtlichen Mitarbeiter haben auf nebeneinandergestellten Tischen bereits die meisten Lebensmittel aufgebaut, die sie heute zur Verfügung haben. Maren Siewert, Leiterin des „Borsteler Tisches“, spricht mit der einen oder dem anderen. Sie ist bei der Heilsarmee beschäftigt, unter deren Obhut die Lebensmittelabgabe organisiert ist.
Vor einem Jahr wurde der „Borsteler Tisch“ gegründet, von vielen skeptisch beäugt. Gibt es im weitgehend gutbürgerlichen Groß Borstel und in den ähnlich strukturierten Nachbarstadtteilen eine ausreichend große Nachfrage? Es gibt sie und sie wächst kontinuierlich. „Etwa 75 Menschen kommen durchschnittlich zu den wöchentlichen Terminen. Im ersten Jahr seit der Gründung kamen rund 200 Personen regelmäßig. Damit sind wir an der Kapazitätsgrenze. Wir können die Menschen kaum noch versorgen“, erzählt Maren Siewert. Dabei ist der „Borsteler Tisch“ eine regionale Lebensmittelausgabe. Die Herkunft der Kunden wird kontrolliert. Nur Menschen aus Groß Borstel, Niendorf, Lokstedt, Winterhude, Eppendorf, Alsterdorf oder Fuhlsbüttel dürfen kommen, bei Vorlage aktueller Bescheide über Arbeitslosengeld II, Grundsicherung oder Rente.

Früher Taxi gefahren, heute Grundsicherung

Die Kunden des Borsteler Tisches kommen aus allen Schichten. Auch ein Altersschwerpunkt lässt sich nicht feststellen. Probleme haben die Helfer fast nie mit ihren Kunden. Es geht sehr ruhig und gesittet zu im Café Begegnung. Peter Wagner (71) aus Groß Borstel kommt zum zweiten Mal. Er war selbstständiger Taxifahrer. „Irgendwann ging es nicht mehr“, erzählt er. Seit kurzem bekommt er Grundsicherung. „Elf Euro am Tag ist einfach zu wenig“, begründet er seinen Besuch. Sabine Huchler ist alleinerziehende Mutter und Hartz-IV-Empfängerin. Die Hälfte ihrer Lebensmittel bekommt sie beim „Borsteler Tisch“: „Um nicht immer nur Nudeln zu essen.“ Die könnte sie hier mehr als ausreichend bekommen. An Verpacktem wie Pasta und Dosen mit Suppen und Gemüse herrscht kein Mangel. Die regionale Lebensmittelausgabe wird von der Hamburger Tafel, dem großen Bruder, beliefert. Auch Brot und Brötchen gibt´s reichlich. Ein Borsteler Bäcker liefert. Andere Geschäfte aus dem Stadtteil dagegen nicht. Insbesondere die Supermärkte verweigern sich. Dabei befindet sich einer gleich nebenan. Das können die ehrenamtlichen Helfer nicht verstehen. Deshalb hat der Borsteler Tisch Schwierigkeiten, frisches Obst und Gemüse, auch Milchprodukte zu besorgen. Heute zum Beispiel kommt nichts Frisches auf den Tisch. An Pudding und Joghurt sowie an Kuchen und einigen Torten fehlt es dagegen nicht. Und für die Kinder ist auch noch Spielzeug da. Gern würden die eifrigen Helfer auch Kosmetika, Waschmittel oder Zahnpasta anbieten. Danach besteht Bedarf. Der Borsteler Tisch ist weit mehr als nur eine Lebensmittelausgabe. Er hat sogar eine Kleiderkammer und einmal im Monat kommt ein Rechtsanwalt, der kostenlos seine Dienste anbietet.

Die Interessenten stehen Schlange

Auch das Helferteam setzt sich aus ganz unterschiedlichen Menschen verschiedenen Alters zusammen. Jürgen Mylius (66) war schon Helfer beim Winternotprogramm, wurde gefragt, ob er auch hier helfen könnte und sagte zu. Telse Sauter (64) war immer in sozialen Berufen tätig, suchte eine ähnliche Tätigkeit nach der Verrentung. 37 Ehrenamtliche unterstützen Maren Siewert. Einige holen am Mittwochmorgen die Ware aus Barmbek. Die meisten arbeiten während der zwei Stunden Essensausgabe. Die Reihenfolge, in der die Kunden Lebensmittel bekommen, wird ausgelost. Trotzdem stehen die Menschen schon eine Stunde vor der Öffnung vor der Tür. Einen Euro zahlen die Kunden, unabhängig von der Menge, die sie mitnehmen. „Das hat symbolischen Charakter. Wir wollen zeigen: es ist nichts umsonst“, erläutert Maren Siewert. Alle Kunden konnten bislang bedient werden. Doch es wird knapp. Gesucht sind Geschäfte, die Frisches spenden würden. Die Ehrenamtlichen würden Obst, Gemüse und Milchprodukte auch aus Winterhude oder Eppendorf abholen. (ch)
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