Brauhaus und Bäume weg

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Das alte Brauhaus an der Ecke Eppendofer Landstraße / Martinistraße war am Freitag schon fast abgerissen. Die Bäume davor sind gefällt Foto: Hanke
 
Marlies Halfter, Eppendorferin seit 50 Jahren, sieht den Abriss des Brauhauses zwiespältig: „Es war baufällig. Man hätte sich vor zehn Jahren kümmern müssen.“ Foto: Hanke

Protest von „Wir sind Eppendorf“ ohne Erfolg. Eppendorfs Mitte wandelt sich

Eppendorf Es ist passiert: Ein altes, liebgewonnenes Bild aus dem Zentrum Eppendorfs ist verschwunden. Innerhalb von wenigen Tagen wurden in der letzten Woche das Eckhaus Eppendorfer Landstraße / Martinistraße, das alte, mehrfach umgebaute kleine Brauhaus aus dem 18. Jahrhundert abgerissen und die davor stehenden ortsprägenden drei Kastanien gefällt. Polizei und ein Ordnungsdienst mussten die Baustelle schützen, um wütende Eppendorfer fernzuhalten.
Die Abbruchgenehmigung lag seit dem 10. Februar vor. Ein Bauvorbescheid zum Bau eines mehrstöckigen Wohn-und Geschäftshauses war dem Eigentümer bereits im Dezember 2013 erteilt worden.
Für die Fällung der Bäume lagen dagegen zunächst keine Genehmigungen vor. Der Eigentümer argumentierte, dass die Bäume den Bau einer unter ihnen liegenden Tiefgarage und die Anlieferungen von Material für den Neubau nicht überleben würden und plädierte deshalb für Fällung und Neupflanzungen. Gutachten bescheinigten den drei Kastanien aber Gesundheit. Die Bezirksversammlung Hamburg-Nord hatte bei Enthaltung der regierenden rot-grünen Koalition beschlossen, dass nur neu gebaut werden dürfe, wenn die Bäume stehen bleiben. Diesen Beschluss hatte das Bezirksamt wegen des bereits erteilten Bauvorbescheids für rechtswidrig erklärt. Die artenschutzfachliche Untersuchung einer Fachfirma für Baumpflege und -sanierungen bescherte den drei Kastanien jetzt das Aus. Die Baumpfleger hatten die „Nichtbetroffenheit von wild lebenden Tieren“ in den Bäumen festgestellt und daraufhin grünes Licht für das Fällen gegeben. Stunden später, in der Nacht oder am frühen Morgen, heulten die Kettensägen. Einige Tage zuvor hatte Die Linke-Fraktion Hamburg-Nord die Fällungen noch mit Hinweis auf die Entscheidung der Bezirksversammlung durch eine Beschwerde bei der Bezirksverwaltungsaufsicht verhindern können. Die Linke kritisierte die Fällungen dann als „Nacht-und-Nebel-Aktion“. Die Baumexpertin des Nabu (Naturschutzbund Deutschland) Gabriele König entdeckte in den gefällten Bäume noch nistende Vögel, zeigte sich entsetzt über die Fällung der Bäume. Götz von Grone von der Initiative „Wir-sind-Eppendorf“ bezeichnete das Urteil der Baumpfleger als „Pseudo-Gutachten“. Auch die Präsenz von Mitgliedern dieser Initiative, die sich aus Protest gegen ein erstes Neubauprojekt an der Ecke Eppendorfer Landstraße / Martinistraße und den Nachbarhäusern gegründet hatte, und eine von der Initiative beantragte einstweilige Verfügung gegen Abbruch und Fällungen konnten Brauhaus und Kastanien nicht retten. Viele Passanten blieben stehen, kamen über Abbruch und Fällung mit anderen ins Gespräch, waren meistens traurig oder entsetzt. „Das ist ja schrecklich“, entfuhr es einer Passantin.
Aber es gab auch andere, differenzierte Meinungen. „Es ist sehr schade, aber das Haus war zuletzt nicht mehr erhaltenswert. Man hätte sich vor zehn Jahren um das Gebäude kümmern müssen. Es gibt immer zwei Seiten“, findet Marlies Halfter, die seit 50 Jahren in Eppendorf lebt. Sie sagt aber auch: „Eppendorf ist nachlässig geworden. Das fängt mit der Pflege der Straßen an.“
Unter den gewerblichen Nachbarn in der „kleinen“ Eppendorfer Landstraße ist die Sorge groß, dass die Geschäfte unter den kommenden Bauarbeiten leiden werden. „Wir wollen verhindern, dass die Straße während des Bauens verkommt. Wir bekommen einen Bauzaun, Das wird kein Zuckerschlecken. Aber wir haben gute Kunden. Das ist eine schöne Ecke hier mit einer guten Nachbarschaft“, erzählt Annegret Kay, die Inhaberin von Varia - Wohnaccessoires, deren Laden unmittelbar an das Neubaugebiet grenzt, auf dem derzeit fünf weitere Häuser auf den Abbruch warten. Derzeit keine schöne Situation für Annegret Kay.
Florian Viole vom Einrichtungshaus „Einrichtung“, einige Meter weiter, Nr. 117, hofft, wie alle hier, „dass es schnell geht“ mit Abriss und Neubau und dass der Neubau „nicht so öde ausschaut“. Dem alten Brauhaus weint er keine Träne nach. Er sieht den Abriss eher positiv: „Das war schon sehr baufällig. Stattdessen entstehen dort viel mehr Wohnungen.“ Für die kleinen Häuser neben dem Brauhaus, Nr. 99-109, werden Abriss- und Baugenehmigungen gemeinsam erfolgen, so Tom Oelrichs, der stellvertretende Bezirksamtsleiter Hamburg-Nord. Die Eigentümer haben sich auf ein gemeinsames Vorgehen verständigt. Ein Termin für diese Abbrüche konnte Oelrichs noch nicht nennen. Aber sie stehen unmittelbar bevor. (ch)
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