„Dafür ist es nie zu spät“ – die Buchstabenwelt erobern

Anzeige
Wolfgang (l.) und Erik (r.) lernen mit Elvira Vorwald-Schwark (Mitte) Foto: Haas
 
François Huguenin am Südring: „Ob mit oder ohne Handicaps – wer lesen und schreiben lernen will, ist bei uns willkommen“ Foto: Haas

Erwachsene lernen bei „Leben mit Behinderung“ Lesen und Schreiben

Winterhude Sie können entweder gar nicht oder nicht ausreichend lesen und schreiben. Unter deutschsprachigen Erwachsenen gibt es eine hohe Dunkelziffer: geschätzt sind es um 7,5 Millionen Analphabeten. Das ermittelte eine Studie der Uni Hamburg aus der hohen Zahl der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss. Betroffene Erwachsene sollten ihren „Makel“ nicht verstecken, sie können die Welt der Buchstaben vielmehr erobern. Vier Kurse bietet „Leben mit Behinderung Hamburg“ am Südring an und kooperiert dabei mit der Volkshochschule. „Bei uns sind Menschen mit und ohne Handicaps willkommen“, erklärt François Huguenin, der die Weiterbildung für Erwachsene koordiniert. Inklusion ist schließlich in aller Munde. Welches Rezept führt zum Erfolg? Alle Kursteilnehmer kommen freiwillig. Sie lernen gemeinsam in kleinen Gruppen, mit viel Ruhe und ohne Druck. „Wer sich den wöchentlichen Lese- und Schreibkursen anschließt, entdeckt schnell seinen Spaß an den Lernfortschritten“, so der Koordinator.
Bei der Entdeckung von Buchstaben und ganzen Wörtern hilft Elvira Vorwald-Schwark weiter. „Wer nicht lesen und schreiben kann, dem entgeht doch eine große Bandbreite des Lebens“, sagt die erfahrene Sonderpädagogin im aktiven Ruhestand. Schon Straßenschilder oder Orientierungshilfen im Verkehr nicht entziffern zu können, grenze von der Teilhabe am öffentlichen Leben aus. „Deshalb liegt mir die Arbeit in den Alphabetisierungskursen sehr am Herzen“, bekennt die agile VHS-Kursleiterin, die Erwachsene aller Altersstufen gerne unterrichtet. „Dafür ist es nie zu spät. Mein ältester Teilnehmer ist 70 Jahre alt.“
Den Spaß am Lernen hat Erik (20) in kurzer Zeit bei ihr entdeckt. Stolz zeigt er gerade seinem Vater ein Schild im Foyer, liest ihm einzelne Wörter vor. Heinrich Mahler freut sich über die erstaunlichen Fortschritte seines Sohnes. Als
Kind war er eben anders, mit dem Asperger-Syndrom konnte er in der Sonderschule nicht individuell gefördert werden. „Heute will ich was Neues lesen“, wünscht sich Erik im Kurs. Elvira Vorwald-Schwark gibt ihm einen Text, der die Wörter auch bildlich darstellt – schon geht Erik mit ihrer Unterstützung eifrig ans Werk. Wolfgang, 50, kommt etwas später, nach seiner Arbeit im Stadtpark, wo er viel zu tun hat: Der Müll der Besucher ärgert ihn, am schlimmsten seien die Gassibeutel, die Hundebesitzer einfach liegen lassen. Doch dann konzentriert sich Wolfgang auf neue Wörter. Stolz liest er sie zunächst, dann macht er sich – etwas mühsamer – ans Schreiben. Man dürfe sich nur nicht lustig machen über ihn, sagt er. Übung macht schließlich den Meister. Beide Kursteilnehmer sind überzeugt: Was ihnen in der Kindheit aus unterschiedlichen Gründen nicht gelang, lernen sie eben jetzt. (wh)

Info und Anmeldungen zu Kursen am Südring: François Huguenin, Telefon 270 790-963 oder per Mail an francois.huguenin@lmbhh.de. Weitere Infos: Leben mit Behinderung Hamburg

Info zu VHS-Kurse zur Grundbildung für Erwachsene: Telefon 428 414 284 (Mo-Fr, 8:30 bis 18 Uhr)
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige