„Das Haus des Paul Levy“

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Michael Batz hat die Geschichte des Hauses Rothenbaumchaussee 26 für eine szenische Lesung zur zentralen Gedenkveranstaltung des Tages der Befreiung von Auschwitz verarbeitet Foto: Hanke
 
Am 28. Januar findet über die Bewohner der Rothenbaumchaussee 26 eine Lesung statt Foto: Hanke

Szenische Lesung über die Bewohner der Rothenbaumchaussee 26

Von Christian Hanke
Rotherbaum
Ein Haus und seine Bewohner im Wandel während der 1920er-Jahre und in der NS-Zeit. Das zeigt Michael Batz in seiner diesjährigen szenischen Lesung am 27. Januar in der zentralen Gedenkstunde an die Befreiung von Auschwitz im Rathaus. Dialoge von Bewohnern des Rotklinker- Etagenhauses Rothenbaumchaussee 26 lesen Isabella Vértes-Schütter, Jantje Billker, Gustav Peter Wöhler und Erik Schäffler: „Das Haus des Paul Levy“. Michael Batz, der seit 17 Jahren szenische Lesungen für die Gedenkveranstaltungen im Rathaus am 27. Januar erarbeitet, hat ein Jahr lang Biografien der Bewohnerinnen und Bewohner, von jüdischen wie von den vielen dem NS-Regime nahestehenden Nachfolgern und anderen recherchiert. Die Geschichten fast aller Bewohner zwischen 1922 und 1955 hat er ermitteln können. In Archiven in Hamburg, Berlin, Posen und Frankreich. Typisches und Ungewöhnliches hat er dabei herausgefunden: Die vielfach beispielhafte, aber auch besondere Geschichte eines jüdischen Hauses, das nach 1933 „arisiert“ wurde. Im Gegensatz zu den Nachbaraltbauten wurde das Haus Nr. 26 in der Rothenbaumchaussee erst 1922 erbaut. Im hanseatischen Rotklinker von den jüdischen Architekten-Brüdern Hans und Oskar Gerson. Prompt protestierte der Pöseldorfer Bürgerverein gegen die seiner Meinung nach unpassende, an ein Gefängnis oder eine Kaserne erinnernde Architektur zwischen den großen, für den Stadtteil typischen Altbauetagenhäusern aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Und noch eine Besonderheit prägte die ersten Jahre dieses Hauses: Es war ein baugenossenschaftliches Projekt. Bewohner der riesigen 220 Quadratmeter großen Wohnungen mussten Anteile an der Rothenbaum GmbH erwerben, der das Haus gehörte. „Es war eine Vorform der Eigentumswohnung und damals ganz neu“, erzählt Michael Batz. Geschäftsführer der Rothenbaum GmbH war der jüdische Rechtsanwalt Rudolf Magnus. Vor allem wohlhabende Juden zogen ein, Juristen, Kaufleute, Ärzte, ein Juwelier, die Opernsängerin Gusta Hammer und der Maler Willy Davidsohn, ein Mitglied der Hamburger Sezession, in die Atelier-Dachwohnung. Der im Titel von Batz´ szenischer Lesung erwähnte Paul Levy war Bankier, starb früh. Frau und Kinder emigrierten später. Auch Dr. Fritz Liebmann wohnte hier, Syndikus der Warburg-Bank, und letzter Testamentsvollstrecker von Salomon Heine.

Ein Haus wird „arisiert“


Nach 1933 wandelte sich das Bild. Die jüdischen Bewohner mussten ausziehen, Platz für „verdiente Volksgenossen“ im Sinne des NS-Ideologie machen. Die Berufe blieben oft dieselben: Ärzte und Unternehmer. So wohnte hier Professor Theodor Heynemann, Direktor der Frauenklinik des UKE, praktizierender Eugeniker, der NS-Opfer sterilisierte und Fördermitglied der SS war. Nach ihm ist noch heute eine Straße in Langenhorn benannt. Oder der Sackfabrikant Kurt Albert Uebel, der durch die Übernahme der „arisierten“ Firma des jüdischen Unternehmers Leopold Löwenberg zum Erfolg kam. Auch der Zahnarzt und Tennisstar Walter Dessart, der einmal im Doppel das Tennisturnier am Rothenbaum gewann, wohnte hier. Und Dr. Rudolf Brinckmann, Prokurist der Warburg-Bank, und nach der Entlassung der jüdischen Eigentümer, deren Treuhänder, der die Bank ab 1941 gemeinsam mit Johann Jacob Paul Wirtz unter dem Namen Brinckmann, Wirtz & Co weiterführte, und sich nach dem Krieg schwer tat, sie den Warburgs zurückzugeben. „Es gibt kein Thema dieser Zeit, das nicht mit diesem Haus zu tun hat“, findet Michael Batz. Auch Folter und Gewalt, die sich in unmittelbarer Nähe abspielten, im Haus Rothenbauchaussee 38, in dem sich die Gestapo eingerichtet hatte. „Nachbarn hatten gebeten, dass dort die Fenster geschlossen werden, um nicht die Schreie der Folteropfer zu hören“, weiß Michael Batz zu berichten. Nicht weit von diesem Teil der Rothenbaumchausse befand sich außerdem der heutige Platz der Jüdischen Deportierten, ein Teil der Moorweide, auf dem sich die jüdischen Bewohner des Grindelviertels zur Deportation in die NS-Vernichtungslager einfinden mussten. Batz glaubt, dass diese Aufbereitung der NS-Geschichte die damaligen Vorgänge anschaulich macht: „Man gibt vielen einen Ort.“

Die Lesung wird am 28. Januar, 10 Uhr, für Schüler im Großen Festsaal des Rathauses wiederholt, Eintritt frei.
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