Die Geheimnisse alter Schriften

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In „guten, alten Zeiten“ wurden mehr Postkarten geschrieben als heute. Die „Sütterlinstube“ überträgt ehrenamtlich, was man sich damals zu sagen hatte Repro: Krause
 
So sieht der Titel „Hamburger Wochenblatt“ in Sütterlin aus Grafik: C. Wessels

Der Verein „Sütterlinstube Hamburg“ kann sie entziffern – Senats-Auszeichnung zum 20. Geburtstag

Von Thomas Oldach
Hamburg-Nord
Finden Sie beim Aufräumen auf dem Dachboden oder im Keller auch manchmal Briefe und Postkarten, die sie nicht wirklich entziffern können? Dann handelt es sich vermutlich um Zeilen, die von den Ur-Großeltern verfasst worden sind – in Sütterlin, der Anfang des 20. Jahrhunderts jahrzehntelang gebräuchlichsten deutschen Schriftform. Sütterlinschriften, meist Sütterlin genannt, sind zwei im Jahr 1911 im Auftrag des preußischen Kultur- und Schulministeriums von Ludwig Sütterlin entwickelte Ausgangsschriften. Außer der Sütterlinschrift, die eine spezielle Form der deutschen Kurrentschrift darstellt, entwickelte Sütterlin auch ein stilistisch vergleichbares lateinisches Schreibschrift­-Alphabet.

Buchstabenformen für Kinder


Es war im 19. Jahrhundert in England Mode geworden, mit der neu entwickelten stählernen Spitzfeder zu schreiben. Die sehr schräge englische Schreibschrift mit ihren großen Unter- und Oberlängen und ihrem veränderlichen Strich (Schwellzug) ist zwar dekorativ, aber technisch schwer zu schreiben. In Deutschland schrieb man damals ähnliche Schriften mit deutschen Buchstabenformen. Um den Kindern das Schreibenlernen zu erleichtern, vereinfachte Sütterlin die Buchstabenformen, verringerte die Ober- und Unterlängen, stellte die relativ breiten Buchstaben aufrecht. Die deutsche Sütterlinschrift wurde ab 1915 in Preußen eingeführt. Sie begann in den 1920er-Jahren die deutsche Kurrentschrift abzulösen und wurde 1935 in einer abgewandelten Form (leichte Schräglage, weniger Rundformen) als „Deutsche Volksschrift“ Teil des offiziellen Lehrplans. In der Folge des Normalschrift-erlasses wurde allerdings auch sie von den Nazis verboten. Als Ausgangsschrift wurde nach dem Verbot der deutschen Schrift ab 1942 in den Schulen die lateinische Schrift in einer Variante, die „Deutsche Normalschrift“ genannt wurde, eingeführt. In Deutschland gibt es verschiedene Initiativen und Vereine, die beim Entziffern von Texten in Sütterlin- und anderen alten Schriften helfen. Ein Beispiel ist die „Sütterlinstube“ in Langenhorn. Sie wurde 1996 als Arbeitsgemeinschaft zur Übertragung alter Schriftstücke von der deutschen in die lateinische Schrift durch Bewohner des Altenzentrums Ansgar in Langenhorn gegründet. In den Folgejahren kamen die Aufträge auch aus europäischen Ländern und inzwischen gehen sogar Anfragen aus allen Kontinenten ein.

Gemeinnütziger Verein seit 2006


Seit Mai 2009 ist die „Sütterlinstube Hamburg“ als gemeinnütziger Verein anerkannt. Seit 2000 haben dem Verein insgesamt 175 Mitglieder angehört. Derzeit aktiv sind mehr als 30 Mitglieder im Alter von 40 bis 90 Jahren. Im Durchschnitt der vergangenen Jahre sind jährlich rund 400 Aufträge in 6.200 Arbeitsstunden bearbeitet worden. Nach Auskunft von Erich Witte von der „Sütterlinstube“ wurden allein in den zurückliegenden drei Jahren etwa 100.000 Euro an Spenden eingenommen: „Das Geld kam zu etwa zwei Drittel der Förderung der Altenhilfe und zu einem Drittel der Förderung von Kunst und Kultur zugute.“

Austausch von Wissen


Die „Sütterlinstube“ arbeitet nahezu ausnahmslos digital. Dokumente werden als Scan per E-Mail eingesandt und am Computer bearbeitet. Die Expertise der Mitglieder ist nicht allein auf die Sütterlinschrift beschränkt, sondern umfasst auch die im 19. Jahrhundert gängigen Kurrent- und die noch älteren Kanzleischriften (16. bis 18. Jahrhundert). Kein Wunder also, dass die „Sütterlinstube“ jetzt von Kulturstaatsrätin Jana Schiedek die Medaille für treue Arbeit im Dienste des deutschen Volkes in Bronze verliehen wurde: „Der Grundgedanke der ,Sütterlinstube‘ basiert auf dem Austausch und dem Anwenden von Wissen und Tradition. Die ehrenamtlichen Mitglieder öffnen mit ihrer Arbeit der heutigen Generation einen wichtigen Blick in die Vergangenheit.“

Weitere Infos: Sütterlinstube Hamburg; E-Mail: erich.witte@suetterlinstube.org
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