Eine Frau ohne Alter wird 100

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Smalltalk im US-Generalkonsulat: DAFC-Urgestein Marianne Clemens mit Michael Dieckmann und Star-Sopranistin Reri Grist-Thomson (v. li.) Foto: Haas.
 
Marianne Clemens: „Unruhige Zeiten in unserem Land – Erinnerungen 1912-1948. Leipzig - Ahrenshoop - Ludwigslust - Chemnitz - Hamburg“ ist bei der Leibniz Bücherwarte erschienen und im Buchhandel erhältlich. 288 Seiten. Preis: 16 Euro. (wh)v

Marianne Clemens im Interview mit WochenBlatt Reporterin Waltraut Haas

Eppendorf. Einmal pro Woche spielt sie Tennis. Regelmäßig überprüft und korrigiert sie für ihren Sohn juristische Texte auf Stil und Lesbarkeit. Ab und zu geht sie mit Freunden in die Oper. Marianne Clemens (99) führt ein abwechslungsreiches Leben. Kürzlich, vor ihrem Urlaub mit der Familie an der Ostsee, hielt sie eine launige Rede zum Freundschaftstag des Deutsch-Amerikanischen Frauenclubs (DAFC) im US-Generalkonsulat und konnte aus dem Vollen schöpfen. Lange Jahre war sie DAFC-Präsidentin, dazu prädestiniert, kulturelle Brücken zu schaffen. Denn von 1953 bis 1957 hatte die Diplomatengattin mit ihrem Mann und vier Kindern in den USA gelebt und den „american way of life“ hautnah kennengelernt.
Ihr Buch „Fremdes Land? Zweite Heimat?“ enthält Berichte und persönliche Briefe, die Marianne Clemens während des vierjährigen USA-Aufenthalts verfasst hatte. „Damals fuhr man noch über drei Wochen mit dem Schiff nach Amerika, und wir kamen wirklich in eine neue Welt.“ erinnerte sich Marianne Clemens in ihrer Rede. Auch an das Malheur kurz zuvor erinnert sie sich genau: Als ein rücksichtsloser Radfahrer sie am Dammtorbahnhof anrempelt, nach ihrem Sturz einfach weiterfährt, sie erschrocken und mit einer Schürfwunde am Knie liegen lässt, bis ihr Passanten wieder auf die Beine helfen.
Überhaupt vergisst sie wenig aus ihrem bewegten Leben. Mit viel Glück hat Gisela Clemens zwei Weltkriege überlebt. Die Inflation von 1923, die alle Leute um ihr Erspartes brachte, als man seine Kleider schneidern lassen musste, um zu sparen. „Damals war Arbeit ja überhaupt nichts wert.“ sagt sie. Oder die Machtergreifung der Nazis 1933, die ihren Vater, Landesgerichtspräsident in Chemnitz, als engagierten Liberaldemokraten seines Amtes enthoben und über Monate internierten. Die Fassungslosigkeit, als sie im Juli 1943 von einer kurzen gemeinsamen Reise mit ihrem Mann nach Hamburg zurückkommt: Überall Tote und Verwundete inmitten von Trümmerbergen – nach massiven Bombardements. Und dann endlich: Das ersehnte Kriegsende und wie man mit Lebensmittelkarten Hungerzeiten übersteht. Wie ihre Familie einfach zusammenrückt und mit Ausgebombten in der Vierzimmerwohnung am Butenfeld wohnen und leben kann, indem sie Essen und Kleidungsstücke teilen.
Damit ihre persönlichen Erinnerungen nicht verloren gehen, hat Marianne Clemens zwei weitere Bücher verfasst, „eigentlich für meine Kinder“. Aber sie sind als reflektierte Zeitdokumente allgemein lesenswert. Ein kleiner Band ist dem Häuschen aus Lehm und Schilf in Ahrenshoop an der Ostsee gewidmet: Einem Feriendomizil, in schweren Zeiten auch der Zufluchtsort für ihre Eltern, für sie und die beiden älteren Söhne. Zu ihrer großen Freude wird das Häuschen nach der Wende wieder zum Familiensitz: Marianne Clemens verbringt dort jeden Sommer.
Ein weiteres Buch enthält bedeutsame und detaillierte Erinnerungen, in der sie die Zeit von 1912 bis 1948 reflektiert. Geboren in Leipzig, verbringt Marianne Clemens ihre Kindheit und Jugend in Chemnitz bis 1933. So gerne hätte sie studiert, aber nachdem ihr Vater von den Nazis mittellos aus dem Akt geschasst wird, muss sie alle ihre Pläne „vertagen“. Bis auf die Heirat mit dem Rechtsreferendar Walter Clemens, mit dem sie nach Hamburg zieht. In der 1938 bezogenen Wohnung am Rande des UKE-Geländes lebt sie bis heute, fühlt sich als waschechte Hamburgerin.
„Wenn ich bis jetzt hörte, dass jemand 80 Jahre alt ist, dachte ich spontan so für mich: ganz schön alt.“ schmunzelt die aktive Seniorin. Von wegen schlechtes Gedächtnis: Sollte ihr mal irgendein Detail nicht gleich einfallen, hat sie ja vorgesorgt. Dann schaut sie eben schnell nach in einem ihrer drei Bücher. (wh)Marianne Clemens im Interview mit WochenBlatt Reporterin Waltraut Haas
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