Eine unermüdliche Aufklärerin

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Esther Bejarano (88), die im Mädchenorchester von Auschwitz spielen musste, hat ihre Erinnerungen veröffentlichtFoto: Hanke
 
Esther Bejarano 1938 im Alter von 14 JahrenFoto: privat

Esther Bejarano überlebte Auschwitz und kritisiert Israel. „Erinnerungen“ als Buch

Groß Borstel. Lange hat sie geschwiegen. In den 1970-er Jahren hat sie dann ihre Erinnerungen aufgeschrieben. Jetzt sind sie als Buch erschienen. Die Rede ist von Esther Bejarano, die das Konzentrationslager Auschwitz überlebte , weil sie dort im „Mädchenorchester“ Akkordeon spielte. Die nach Palästina auswanderte, dort eine Familie gründete und nach Deutschland zurückkehrte. Die heute mit 88 Jahren in Schulen von ihrem Leben erzählt, über die Nazizeit informiert und in einer Rap-Band singt.
Ein ungewöhnliches Leben wird im Buch beschrieben: geborgene Kindheit, Todesangst im KZ Auschwitz, Aufbruch ins Erwachsensein in Israel, Rückkehr ins Land der NS-Täter und ein erfülltes, von Aufklärung über die NS-Verbrechen beseeltes Leben in Hamburg. Nüchtern und gradlinig erzählt Esther Bejarano, diese kleine, hellwache, energiegeladene Frau, die seit 30 Jahren in Groß Borstel lebt, ihre Geschichte. In Saarlouis im Saarland als Tochter des Kantors der jüdischen Gemeinde geboren, wuchs Esther mit drei Geschwistern in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Die Nationalsozialisten zerstörten die Familienidylle. Als 16-Jährige musste sie ab 1941 in einem Arbeitslager Dienst tun. Im selben Jahr wurden ihre Eltern deportiert und ermordet. Eine Schwester und deren Mann erschossen die Nazis bei einem Fluchtversuch in die Schweiz. Die anderen zwei Geschwister emigrierten schon in den 1930-er Jahren in die USA beziehungsweise nach Palästina. Esther wurde im April 1943 nach Auschwitz deportiert, kam ins kurz darauf gegründete „Mädchenorchester“. „Ich sollte das Akkordeon spielen, weil es kein Klavier gab. Das konnte ich aber gar nicht. Ich habe aber gesagt, ich könne das und habe versucht den damals bekannten Schlager „Du hast Glück bei den Frau´n, Bel Ami“ zu spielen. Das klappte, obwohl ich gar nicht wusste, was die Knöpfe auf der linken Seite des Akkordeons bedeuteten. Ich hatte aber ein gutes Gehör und habe die Akkorde erkannt. Es war ein Wunder“, erzählt Esther Bejarano, die trotz ihres schweren Schicksals sagt, dass sie viel Glück in ihrem Leben gehabt hat. Glück auch, als ihr mit sechs Freundinnen auf dem Todesmarsch nach der Auflösung des Konzentrationslagers im April/Mai 1945 die Flucht gelang und sie sich zu Amerikanern und Russen durchschlagen konnte.
Esther Bejarano ging nach Palästina, verliebte sich in ihren späteren Mann, heiratete ihn und wurde Mutter zweiter Kinder. Doch das Klima in Israel bekam ihr nicht, im doppelten Sinne: die Hitze und die israelische Politik. Als ihr Mann nach dem Sinai-Krieg nicht mehr schießen wollte, kamen sie nach Hamburg, wo Freunde von ihnen wohnten. Für die israelische Politik hat die 88-Jährige nach wie vor nichts übrig. „Ich konnte damals nicht begreifen, dass mein Volk, das diskriminiert wurde, ein anderes Volk diskriminiert. Israels Kriege waren Angriffskriege“, sagt die Anti-Nazi-Aktivistin: „Israel hat derzeit die schlimmste Regierung. Das sind Faschisten.“
Konzerte mit Rap-Band
In Hamburg hat Esther Bejarano im Kreise der jüdischen Gemeinde und unter Widerstandskämpfern aus dem Dritten Reich und Antinazis viele Freunde gefunden. Seit Jahren klärt sie an Schulen über die Nazi-Verbrechen auf und freut sich über das zunehmende Interesse der Jugendlichen. „Vor 20 Jahren haben sich die Schüler nicht getraut oder konnten nicht nach der deutschen Vergangenheit fragen. Viele Schulleiter haben es auch nicht zugelassen. Heute bestürmen mich die Jugendlichen mit Fragen und wollen mich gar nicht wieder gehen lassen. Ich habe große Hoffnung, dass diese jungen Menschen nicht vergessen, sie versprechen mir: wir werden das weiterführen.“
Die Musik spielt in Esther Bejaranos Leben unverändert eine große Rolle. Sie singt antifaschistische Lieder, gibt Konzerte - mit der Kölner Rap-Band Microphone Mafia. (ch)

Das Buch „Erinnerungen“ (ISBN: 978-3-944233-04-8) ist im Buchhandel erhältlich und kostet 21 Euro.
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