Flüchtlingshilfe in Harvestehude

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Sabine Großkopf, Leiterin der AG Sprache der Flüchtlingshilfe Harvestehude Foto: Hanke
 
Mitglieder des Vereins Flüchtlingshilfe Harvestehude mit ihren Vorsitzenden Hendrijke Blandow-Schlegel (1.v.r.) und Heidrun Petersen-Römer (2. r.) Foto: Hanke

Fünfzehn Arbeitsgemeinschaften haben sich im Verein gegründet

Harvestehude 190 Flüchtlinge leben seit Februar in der Folgeunterkunft Sophienterrasse, dem ehemaligen Kreiswehrersatzamt der Bundeswehr an der Ecke Mittelweg. Zu 80 Prozent Familien und 20 Prozent „Alleinreisende“, vor allem Männer. Keine minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge. Alle sind als
Asylsuchende anerkannt, werden in Deutschland bleiben. Um diese Menschen aus vielen verschiedenen Ländern, insbesondere aus Syrien, Afghanistan, Irak und Eritrea, kümmert sich der Verein Flüchtlingshilfe Harvestehude, der sich schon im Februar 2014 gründete, und aufgrund des Bauaufschubs der Unterkunft wegen der Klagen einiger Anwohner (das Wochenblatt berichtete) viel Zeit hatte, sich auf seine Aufgaben vorzubereiten. 15 Arbeitsgemeinschaften konnten sich gründen und bis zur Eröffnung der Unterkunft Sophienterrasse teilweise bereits hamburgweit aktiv werden. An Personal fehlt es im Großen und Ganzen nicht. 58 Menschen aus Harvestehude und Umgebung gründeten den Verein. Inzwischen hat Flüchtlingshilfe Harvestehude 181 Mitglieder und rund 400 Unterstützerinnen und Unterstützer. Die Arbeit des Vereins läuft gut dank des großen Engagements seiner Mitglieder, einer hervorragenden Struktur und des überwiegend großen Willens der Flüchtlinge zur Integration. So lautet übereinstimmend ganz kurz das erste Fazit zur Flüchtlingsunterkunft Sophienterrasse. Von erster Wichtigkeit für die Flüchtlinge ist das Erlernen der deutschen Sprache. Dafür sorgen die rund 120 Lehrerinnen und Lehrer, die von der AG Sprache eingeteilt werden. Nicht alle sind Mitglieder des Vereins. Aber alle verrichten freiwillig ehrenamtlich hoch engagiert in den von der Flüchtlingshilfe Harvestehude eingerichteteten Kursen ihr Arbeit. Acht verschiedene Kursstufen hat die dreiköpfige Leitung der AG Sprache eingeteilt, vom Kurs für Analphabeten bis zum Level B2, in dem sich Flüchtlinge mit guten Deutschkenntnissen auf Studium oder Beruf vorbereiten. „Zehn Kurse laufen bereits seit über einem Jahr an sechs verschiedenen Standorten“, berichtet Sabine Großkopf, eine der drei Leiterinnen der AG Sprache. Mit Flüchtlingen aus ganz Hamburg sind sie gestartet, größtenteils angesiedelt an Orten rund um die Unterkunft Sophienterrasse, in Schulen, bei Pro Linguis in der Rothenbaumchaussee und in der Buccerius Law School. Von den rund 100 erwachsenen Flüchtlingen der Unterkunft Sophienterrasse hat Sabine Groß-
kopf, die rund 40 Jahre an der Universität Deutsch für Ausländer unterrichtet hat, rund 60 in die Kurse eingeteilt.

Viele Analphabeten


Schnell stellte sich heraus, dass es sich vor allem um Analphabeten und um Flüchtlinge mit besonders guten Sprachkenntnissen handelte. „Wir haben hier alles, zum Beispiel ein junges Ärztepaar aus Syrien, das schon Praktika in einem Krankenhaus absolviert. Der Mann hat bereits eine Anstellung in Aussicht. Andererseits haben wir viele Analphabeten, die, wenn sie von einem Dorf kommen, oft nur ihre Muttersprache kennen, kaum Schulunterricht hatten und überhaupt nicht wissen, wie man lernt“, erzählt Sabine Großkopf, die mit ihren Beispielen verdeutlicht, wie unterschiedlich die Menschen sind, die in den letzten Monaten nach Deutschland gekommen sind. „Da saß mir zum Beispiel ein junger Afghane gegenüber, der sprach fließend Englisch. Das hatte er bei den Amerikanern gelernt. Er war aber dennoch Analphabet“, berichtet die Pädagogin, die die Flüchtlinge aufgrund ihrer langen Berufserfahrung sehr schnell in die verschiedenen Kursstufen einteilen kann. Neu ist auch vielen Lehrern die Tätigkeit in den Kursen. Nur die Minderheit sind ausgebildete Pädagogen und nur ganz wenige haben wie Sabine Großkopf Erfahrung im Unterricht von Deutsch für Ausländer. Da auch nicht alle unbegrenzt Zeit haben, sind pro Kurs zehn Lehrer im Einsatz, die sich abwechseln. In der Regel finden die Kurse werktags jeweils vier Stunden statt. Mit höchstens 20 Teilnehmern, die sich freiwillig gemeldet haben. Und am Sonnabend bildet Sabine Großkopf viele der Lehrkräfte weiter, die nicht über einen pädagogischen Background verfügen. Sabine Großkopf ist vom Einsatz nicht nur der Mitglieder der Sprach AG begeistert: „Alle Helfer sind hoch motiviert, sie kommen aus den verschiedensten Berufen.“ Das begeistert auch Lara Hansch, die Leiterin der AG Teestube an der Vereinsarbeit für die Flüchtlinge: „Dieses Engagement hätte ich den Menschen heutzutage nicht mehr zugetraut. Ich hatte den Eindruck, dass wir uns in eine sehr egoistische Gesellschaft gewandelt haben. Ich bin sehr stolz auf die Menschen, die sich nicht zu schade sind, sich einzubringen.“ In der Teestube der Flüchtlingsunterkunft Sophienterrasse können die Flüchtlinge alles erfragen. Außerdem bekommen sie neue Nachrichten, die sie betreffen. Es ist der Kommunikationsort der Unterkunft. Sie wird gut besucht. „Es kommen auch Frauen, oft mit dem Ehemann, aber manchmal allein. Alle Flüchtlinge sind sehr höflich, freundlich und dankbar. Wir behandeln sie auf Augenhöhe. Das stärkt sie“, berichtet Lara Hansch. Das bestätigt Nicola Elsässer, die die Kinderbetreuung und den Schulkinderclub leitet, in dem Hausaufgaben betreut werden. Die Betreuung der Flüchtlinge läuft also bestens an der Sophienterrasse. Aber nur mit ehrenamtlichen Kräften ist der Sprachunterricht, die Grundlage der Integration, auf Dauer nicht zu wuppen. „Es ist eine Notlösung. Es muss Geld her, um den Sprachunterricht zu professionalisieren. Sonst schaffen wird die Integration nicht“, findet Sabine Großkopf deutliche Worte.
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