Foodsharingstation am Goldbekhaus ist gefragt

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Medi Sober kümmert sich darum, dass die Kühlschränke sauber sind Foto: Holley
 
Die Foodsharingstation am Goldbekhaus gibt es seit etwa einem Jahr Foto: Holley

Das Modell Lebensmittel teilen im Selbsttest. Jeder kann ein Fair-Teiler in Hamburg werden

Von Nina Holley
Winterhude
Nach Job- und Carsharing kommt nun das Foodsharing. Ein neuer Trend, bei dem es darum geht, Nahrungsmittel zu teilen. Ob das wirklich funktioniert? Ehrlich gesagt bin ich skeptisch. Geben und Nehmen – ist das eine Eigenschaft, die den Deutschen liegt? Es ist 10 Uhr als ich zu den zwei Kühlschränken auf dem Gelände vom Goldbekhaus gehe. Der erste Eindruck: es sieht alles sehr gepflegt aus. Tatsächlich gibt es auch eine Auswahl an Gemüse, Backwaren und Joghurt. Alles tiptop in Ordnung, haltbar und wirklich gratis. Noch bin ich ein wenig gehemmt einfach so zuzugreifen. Warum nur? So ganz kann ich es mir nicht erklären. Vielleicht ist es der Gedanke und die Scham, dass andere denken könnten, ich sei bedürftig und darauf angewiesen. Vielleicht ist es auch, weil ich nicht mit einer Umsonst-Mentalität aufgewachsen bin, sondern nach dem Motto: Wer etwas haben möchte, muss dafür auch bezahlen. Dabei macht der Gedanke hinter den insgesamt fünf Foodsharing Fair-Teilern in Hamburg Sinn. „Es gibt viele Lebensmittel, die täglich weggeworfen werden und das möchten wir so verhindern“, erklärt Foodsharing-Botschafterin Anke Buchwalder. Ein Projekt das ankommt. Von privat für privat, so funktioniert es. Wer etwas übrig hat, bringt es zum Kühlschrank, wer etwas benötigt, nimmt es sich heraus. Simpel und effektiv, schämen muss sich hier niemand für irgendwas, wie Medi Stober von der Künstlergemeinschaft Goldbekhof e.V. bestätigt. Sie kümmert sich zusammen mit Kollegen darum, dass die Kühlschränke sauber sind, verdorbene Produkte entsorgt werden. „Wir sind alle erstaunt, wie viele Menschen vorbeikommen und wie groß der Bedarf ist. Es ist aber auch Wahnsinn wie viele hier Essen abgeben“, sagt sie.

Kühlschränke fast leer


Ich treffe Renate Mars. Eine Frau mittleren Alters, die schon lange in Winterhude wohnt und öfter für den hilfebedürftigen Sohn einer Bekannten vorbeischaut. „Ich dachte zuerst, dass man hierfür vielleicht eine bestimmte Legitimation benötigt, aber es kann wirklich jeder mitmachen. Das finde ich klasse.“ Diesmal hat sie leider kein Glück. Es ist mittlerweile 12.15 Uhr und die Kühlschränke nahezu leer. Brötchen hingegen sind noch reichlich vorhanden. Was ist nur innerhalb von zwei Stunden passiert, während ich im Viertel unterwegs war? „Der Standort in Winterhude läuft wirklich sehr gut“, bekräftigt Anke Buchwalder noch einmal. Weshalb das so ist, bleibt wahrscheinlich ein Rätsel. Aber hier gibt es viel Publikumsverkehr, eine Bushaltestelle ist direkt an der Straße und vielleicht spielt auch der ein oder andere zufällige Besucher eine Rolle. Studentin Marleen Linke verwundert viel mehr, dass die Aktion ausgerechnet im schicken und aufstrebenden Viertel so gut ankommt: „Man würde ja eigentlich mehr davon ausgehen, dass es eher zu alternativeren Stadtteilen wie der Sternschanze oder Altona passt. Umso schöner, dass das Projekt nicht nur darauf reduziert ist und wenn sich auch hier die Menschen immer mehr von der Kauf- und Konsumwelle entfernen.“ Sie selbst hat den Winterhuder Foodsharing Fair-Teiler durch Zufall bei einem Besuch in der angrenzenden Bar „Chapeau“ entdeckt. „Da ich manchmal etwas verplant einkaufen gehe, habe ich öfter mal zu viel. Dann bringe ich zum Beispiel Brot zur Station.“ Eines sei ihr besonders klar geworden: „Es geht nicht ausschließlich um Bedürftigkeit, es geht um Nachhaltigkeit und nicht die Frage: Habe ich Geld für einen Salat, sondern macht es Sinn, wieder einen neuen zu kaufen?“

System funktioniert


Damit bringt sie es wohl auf den Punkt. Meine Scham ist verschwunden und dann kommt auch noch Simon Hennemann vorbei, der als Künstler auf dem Gelände arbeitet. Er erzählt von Butter, Pilzen, Paprika und türkischer Pide, die er mit nach Hause genommen hat. „Es ist immer wieder bewundernswert, wenn die Kühlschränke wieder aufgefüllt werden und ganz toll ist vor allem das Engagement aller, die zusehen, dass alles immer in Ordnung ist.“ Alle, die nicht nur auf Verdacht zum Fair-Teiler gehen möchten, können sich übrigens im Internet unter www.foodsharing.de informieren, was es aktuell im Kühlschrank gibt. Am Ende bin ich wirklich von den Foodsharing Fair-Teilern überzeugt und siehe da: Zurück zu Hause finde ich gleich so einiges im Vorratsschrank, was ich definitiv zum Goldbekplatz bringen kann.

Weitere Infos: Foodsharing
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