Gänse meiden Stadtpark

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Simon Hinrichs ist mit Graugänsen per Du. Nur von diesem Paar weiß er nichts: eine „wilde Ehe“ eben – unberingt Foto: Haas

Tierschützer besorgt um Bestand. Simon Hinrichs mahnt: Hunde anleinen

Von Waltraut Haas
Winterhude
Bis 2012 registrierte Gänseschützer Simon Hinrichs am Ententeich im Stadtpark noch vier bis sechs Brutpaare. Seitdem herrscht Gänseschwund. Ein einziges Paar begann in der vergangenen Woche mit der Brut. Es sei dasselbe Paar, das dort auch im letzten Jahr erfolgreich brütete, weiß Hinrichs. Andere hatten Pech: Einige Tiere sind verschollen, eine Gans wurde tot aufgefunden, von einem Hund aus dem Nest gerissen. „Füchse kommen nicht in Betracht, sie lassen ihre Beute niemals liegen.“ Der engagierte Gänseschützer kennt das aktuelle Brutpaar bestens. „Der Ganter mit der Ringnummer L99 schlüpfte 2007 am Öjendorfer See und tauchte zwei Jahre später im Stadtpark auf.“ Zwei Brutversuche mit einer zunächst unberingten Partnerin misslangen: „Beim zweiten Versuch wurde sie 2013 brütend auf dem Nest gerissen.“ Ein Jahr später habe Ganter „L99“ eine „Neue“ erobert, nachdem er deren Partner in die Flucht schlug: Graugans „4E5“ stamme aus dem Stadtpark. 2011 ist sie mit fünf Geschwistern auf einer Insel im Ententeich geschlüpft. Im vorigen Jahr startete „4E5“ ihren ersten und gleich erfolgreichen Brutversuch im Ententeich: fünf Gössel schlüpften.
„Wie sie es von ihren Eltern gelernt hatte, wanderte sie mit der ganzen Familie einen Tag später zum Stadtparksee. Drei Gössel wurden flügge und konnten beringt werden. Hinrichs und dreißig Gleichgesinnte beobachten die Bewegungen der Tiere im ganzen Stadtgebiet, von außerhalb melden Ornithologen abgelesene Ringnummern. Seiner Dokumentation entnimmt er tragische und glückliche Familiengeschichten von Graugänsen aus über zehn Jahren. So ist über L99 und 4E5 sowie die drei Jungen von 2015 auch bekannt, dass sie sich von Juli bis September bei Glückstadt an der Elbe aufhielten. Anfang Oktober wurde die Familie in der Wedeler Marsch, danach in der Alsterniederung nahe dem Nienwohlder Moor gesichtet. Seit Ende Februar hält sich das Paar wieder im Stadtpark auf, zwei Jungvögel kamen wohlbehalten zurück.

Achtung: Hunde an die Leine


Aktuell sieht der ehrenamtliche Gänseschützer große Gefahren durch Hunde. Auch bestens erzogene Vierbeiner sollten nicht in Versuchung geraten, etwa beim Streunen durchs Gebüsch. „Hundebesitzer ahnen oft gar nicht, dass ihre Tiere dann auf die Pirsch gehen, ihrem Jagdtrieb folgen und dabei eben auch zubeißen können.“ Ein besonders sensibler Bereich sei das Unterholz rund um den Ententeich im Stadtpark: dem Brutrevier für Graugänse, Enten, Teich- und Blässrallen. „Nester und Jungvögel sind meist gut getarnt“, betont Simon Hinrichs, „weswegen Hundeführer sie kaum erkennen.“ Während der Brutsaison, der Jungenaufzucht und der Mauser im Mai müssen Hunde deshalb rund um den Ententeich im Nordosten des Stadtparks an die Leine. Laut Hundeverordnung dürften sich die Vierbeiner auch auf den Auslaufzonen nicht ins Unterholz verabschieden – fernab von Herrchen und Frauchen. Daneben drohen noch genug weitere Gefahren – durch Zweibeiner: So werden etwa lange Angelschnüre, oft einfach abgeschnitten, vielen Vogelarten zum Verhängnis. Auch eine Graugans verendete schon: erdrosselt von den fast unsichtbaren, reißfesten Plastikschnüren. Im Herbst folgt die Jagdsaison: Selbst auf Hamburger Stadtgebiet werden laut Jagdstatistik jährlich über 500 Graugänse erlegt. „Jäger melden aber die Ringnummern ihrer Abschüsse fast nie“, erklärt Hinrichs. So führt er in seiner Statistik viele verschollene Schützlinge. Nur wenige Graugänse erreichen deshalb das stolze Alter von über 20 Jahren.
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