Hamburg: Der Hundertjährige, der...

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Seine Tagebücher hütet Fritz Eichler wie einen Schatz. Seit 1928 hat er alles aufgeschrieben, was ihm wichtig erschien Fotos: Hanke
 
Fritz Eichler vor seinem Geburtshaus, Im Tale 4, in Eppendorf

...in Harvestehude wohnt und aus seinem Leben erzählt

Von Christian Hanke
Hamburg. „Ich bin ein Aprilscherz“, grinst Fritz Eichler. An Humor mangelt es dem älteren Herr nicht, der am 1. April 1914 in Eppendorf geboren wurde. Von einem ganzen Jahrhundert kann er erzählen, kann ganze Gesellschaften unterhalten, wie zum Beispiel den MontagsTreff in der Kirchengemeinde St. Johannis/Harvestehude. Manchmal verlässt ihn sein Gedächtnis, auch ist er schwerhörig, aber der Erzählfluss ist meistens ungebrochen.

Vorträge im Montagstreff

Die Gäste des Montagstreffs, einer Seniorenzusammenkunft, bei der für jeden Montag um 15 Uhr eine Referentin oder einen Referenten eingeladen wird, lauschen fasziniert, wenn Fritz Eichler spricht, denn dieser Vortragende weiß Überraschendes aus seinem Leben herauszufiltern und es auch als Sensation zu verkaufen. „Stellen Sie sich mal vor...“ So beginnt der 100-Jährige die meisten Sätze, wenn er von vergangenen Zeiten spricht. „Stellen Sie sich mal vor, damals in der Schule hat niemand eine Brille getragen. Sie sehen auf den Klassenfotos niemanden mit einer Brille.“ Brillenträger galten in den 1920er Jahren als Schwächlinge, wurden als „Brillenschlangen“ gehänselt, erfahren wir. So kam es, dass Fritz Eichler, der schon als Kind eine Brille tragen musste, dies in der Öffentlichkeit vermied.
Heute erzählt Eichler von seiner Kindheit und Jugend. Der Harvestehuder erblickte in Eppendorf das Licht der Welt, Im Tale 4, in einem Mietshaus im damaligen Arbeiterviertel des heutigen Nobelstadtteils. „Unten bei uns war ein Milchladen drin, gegenüber der Grünhöker, gleich daneben Bäcker Busch und dann der Schlachter“, beschreibt Eichler sein kindliches Umfeld, als er nach vielen Jahren wieder vor seinem Geburtshaus steht. Und an der Ecke Lokstedter Weg befand sich ein „Kolonialwarenladen“. „Da gab´s Bontsches“, erinnert sich Fritz Eichler. Zuhause wurde Platt gesnackt. „Ich musste Hochdeutsch lernen“, erzählt Eichler. Kein Auto störten ihn und seine beiden Brüder beim Spielen auf der Straße. An der Ecke Lokstedter und Schnelsener (heute Winzeldorfer) Weg befand sich ein Kino. Da wurden auch Kinderfilme gezeigt.

Immer zu Fuß

Am Ende des Lokstedter Wegs, nicht weit von Eichlers Geburtshaus, war bis 1937 Hamburgs Grenze. Lokstedt gehörte vorher zu Preußen. „Ab der Grenze ging die Straße ungepflastert weiter“, erzählt Eichler. Um Natur zu genießen, unternahmen die Eichlers Ausflüge ins nahe Groß Borstel, besuchten auch Verwandte in Schnelsen. Immer zu Fuß!
Fritz Eichler wuchs in einem Viertel von „kleinen Leuten“, von Arbeitern und Handwerkern auf. Sein Vater arbeitete bei den Wasserwerken in Rothenburgsort. Sein Sohn ist nicht gut auf ihn zu sprechen. „Er hat uns geschlagen und hat meine Mutter betrogen“, erzählt Fritz Eichler. . Auf seine Mutter lässt Eichler nichts kommen. Ihr Bild hängt noch heute in seinem Schlafzimmer. „Ich hatte eine liebevolle Mutter“, erzählt der gebürtige Eppendorfer, der bis in die Nachkriegszeit zuhause wohnte. Nach neun Jahren beim Militär, sechs davon im Krieg, kehrte Eichler nach Eppendorf zurück. Wie so viele hat er Hitler geglaubt, war am Anfang begeistert: „Es wurde alles besser, es gab Arbeit.“ Doch bald wurde ihm klar: „Er hat uns ins Elend gestürzt, dieser Gauner.“ Eichler besuchte acht Jahre lang die heutige Marie-Beschütz-Schule, zu Eichlers Schulzeiten noch Schule Erikastraße (später Schottmüllerstraße). Nach einer abgebrochenen Ausbildung auf einer Werft in Cranz, lernte er in einem Tapentengeschäft an der Grindelallee, wohin er mit dem Fahrrad fuhr. Eichler wurde ein begeisterter Radler, machte lange Fahrten bis an die Ostsee. Er war ein unternehmender, umtriebiger Typ, ging mit seinen Brüdern, die Handwerskberufe erlernt hatten, auf Wanderschaft durch ganz Deutschland, blieb in Süddeutschland, arbeitete in einem Hotel.

Tagebücher seit 1928

Fritz Eichler war zweimal verheiratet, hat aus seiner zweiten Ehe zwei Söhne, wohnte in der Breitenfelder Straße und im Abendrothsweg, mit seiner zweiten Frau im Heimweg und nun seit rund 30 Jahren in Harvestehude. Er liebte das Radfahren, klassische Musik und später seinen Schrebergarten in Groß Borstel. Alles nachzulesen in seinen Tagebüchern, die er seit 1928 geführt hat und hütet wie einen Goldschatz. Wie würde er sein Leben mit einem Satz beschreiben? „Ich bin immer aus der Rolle gefallen“, antwortet Fritz Eichler und lächelt.
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