Hamburg: Display statt Schulheft

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Symbolfoto: thinkstock
 
Ellen Kruse engagiert sich gegen Elektrosmog Foto: ms

Neues Schulprojekt soll mit Verspätung im November starten. Verlernen Kinder Handschriftliches?

Von Mathias Sichting
Hamburg. Sechs Schulen, bis zu 1.300 teilnehmende Schüler und knapp 900.000 Euro Kosten. Beeindruckende Zahlen für den zweijährigen Pilotversuch „Start in die nächste Generation.“ Inhalt: Schüler sollen ihre eigenen/ kostenlose Tablet-PCs im Unterricht nutzen. Beginn sollte nach den Sommerferien sein. Dieser hat sich aufgrund technischer Probleme und offener Fragen bei den von den Eltern zu unterzeichnenden Datenschutzerklärungen verschoben. Peter Albrecht, Sprecher der Schulbehörde dazu: „Es müssen noch technische Lösungen im Bereich plattformübergreifende Nutzbarkeit gefunden werden, außerdem sollen alle Eltern noch detailliert informiert werden und ihr Einverständnis erklären.“ Laut Schulbehörde soll es im November losgehen. Die wahrnehmbare Kritik an dem Schulprojekt wird bis dahin nicht verhallen. Dafür gibt es zu viele Gegner. Die Initiative „Wir wollen lernen“ schlägt Alarm: Eltern wurden bisher nicht ausreichend über das Projekt informiert, Softwarelizenzen und Endgeräte kosten viel Geld, Datenschutzerklärungen sind rechtlich fragwürdig.
Die Idee, Schüler sinnvoll im Umgang mit Medien zu schulen, ist nicht verkehrt. Tafeln und Hefte abzuschaffen und nur mit digitalen Lernmaterialien wie Laptops, Tablets und Smartphones zu unterrichten, wäre in Hamburg eine kleine Revolution.

„Projekt ist zu kurzsichtig“

An drei Stadtteilschulen (Humboldtstraße, Oldenfelde und Schule Maretstraße) und drei Gymnasien (Ohmoor, Altona und Osterbek) sollen Schüler ab November Füller, Schulbuch und Schulheft zu Hause lassen. Schulsenator Ties Rabe (SPD): „Smartphone und Tablet sollen nicht mehr heimlich unter der Bank benutzt werden, sondern Grundlage eines neuen Unterrichts sein. Für die meisten Lehrer und Schüler gehören Computer mittlerweile selbstverständlich zum Unterricht dazu.“ Walter Scheuerl, fraktionsloser Abgeordneter und Sprecher von „Wir wollen lernen“ kritisch: „So sinnvoll das generelle Ansinnen ist, Kinder und Jugendlichen mit den Möglichkeiten des Internets und digitaler Medien und Risiken vertraut zu machen, so kurzsichtig ist das Projekt.“ Konkret wirft der Sprecher dem Schulsenator vor, dass Kinder und Jugendliche, die zwei Jahre lang nur noch auf ihren iPads oder Smartphones getippt haben, jede Übung im handschriftlichen Schreiben verlieren. Themen wie Facebook, WhatsApp und andere Netzwerke sind außerdem nur einen Daumendruck entfernt. Die Konzentrationsfähigkeit der Schüler würde dadurch nachhaltig geschwächt. Professor Dr. Johannes Caspar, Hamburgischer Beauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit: „Es muss grundlegend sichergestellt sein, dass die personenbezogenen Daten der Schüler geschützt sind und nur in dem Umfang verarbeitet werden, in dem es rechtlich zulässig ist. Allerdings liegt die Verantwortung für dieses Projekt bei der Behörde für Schule und Berufsbildung. In einem Gespräch haben wir auf viele datenschutzrechtlich regelungsbedürftige Aspekte hingewiesen.“

Gefahr durch Strahlung?

Auch der Elektrosmog, der vom W-LAN ausgeht und dem die Schüler ganztägig ausgesetzt wären, ist ein Thema für die Kritiker des Projekts. Ellen Kruse, Sprecherin des BUND-Arbeitskreises Elektrosmog: „Wir sind der Auffassung, dass es nicht vertretbar ist, Kinder und Jugendliche den Strahlenbelastungen durch W-LAN auszusetzen. Schäden in einer frühen Lebensphase müssen vermieden werden. Nur kabelgebundene Lösungen dürfen zum Einsatz kommen.“ Laut Kruse hat die Weltgesundheitsorganisation WHO die von Handys und anderen Funkgeräten ausgehende Strahlung als „möglicherweise krebserregend“ für Menschen eingestuft. Am 9. Oktober veranstaltet der BUND zwischen 19 und 21 Uhr im Rudolph-Steiner-Haus, Mittelweg 11, eine Informationsveranstaltung für interessierten Eltern, Schüler und Lehrer.

Eltern müssen einverstanden sein

Schulsenator Rabe äußerte sich beim letzten „Barmbeker Klönschnack“ des SPD-Politikers Tode zur Gefahr durch Elektrosmog: „Mir hat man während der ganzen Kindheit erzählt, dass Handys das Gehirn schädigen. Meine Mutter hat mir die ganzen Zeitungen auf den Tisch gelegt. Ich sage Ihnen ganz ehrlich: Wir werden uns nach Kräften bemühen, die völlig normale Technik, die Zuhause bei den Kindern selbstverständlich ist, einzuführen. Ich nehme meine Aufgabe ernst, Kinder auf ihre Zukunft vorzubereiten.“
Das machen besorgte Eltern allerdings auch. Laut Schulbehörde sollen diese allein über die Teilnahme ihres Kindes am Projekt entscheiden. „Die selben Eltern, die ihren Kindern Smartphones kaufen und zuhause W-LAN nutzen, oder dies eben nicht tun, sollen für ihre Kinder entscheiden, ob sie an dem Projekt teilnehmen oder die Bedenken des BUND teilen. Ohne eine Einverständniserklärung der Eltern nimmt kein Kind teil“, stellt Schulbehördensprecher Albrecht fest.
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11 Kommentare
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Jaqueline Müller aus Altstadt | 09.10.2014 | 14:32  
9
renate meyer aus Lokstedt | 17.10.2014 | 18:44  
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Jaqueline Müller aus Altstadt | 17.10.2014 | 19:04  
9
renate meyer aus Lokstedt | 17.10.2014 | 19:09  
8
C. Braun aus Fuhlsbüttel | 27.11.2015 | 18:01  
9
renate meyer aus Lokstedt | 28.11.2015 | 20:24  
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C. Braun aus Fuhlsbüttel | 29.11.2015 | 21:20  
9
renate meyer aus Lokstedt | 06.12.2015 | 12:50  
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C. Braun aus Fuhlsbüttel | 06.12.2015 | 14:26  
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renate meyer aus Lokstedt | 06.12.2015 | 18:58  
8
C. Braun aus Fuhlsbüttel | 07.12.2015 | 18:45  
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