Hamburg: Ein Museum für Pressglas

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Pamela Wessendorf zwischen ihren „Schätzen“ Fotos: Schlichtmann
 

11.000 Objekte: Pamela Wessendorf bewahrt ein Stück Industriegeschichte

Von Klaus Schlichtmann


Hamburg. Tausende Autos fahren jeden Tag an dem kleinen, unscheinbaren 50er-Jahre-Pavillon an der Bürgerweide vorbei - und kaum einer der Insassen wird wissen, welch ein Schatz sich hinter den Scheiben dieses halbrunden Gebäudes in Borgfelde befindet. Ein Schild neben der Eingangstür gibt einen ersten Hinweis: „Pressglas-Pavillon“ steht darauf – es ist das einzigartige Privatmuseum von Pamela Wessendorf (61) aus Winterhude.

Wo bis vor rund elf Jahren die Artikel eines technischen Großhandels lagerten, glänzen jetzt auf einer Fläche von 150 Quadratmetern und auf insgesamt 750 Metern Regallänge über 11.000 (!) Produkte aus Pressglas – in dieser Zusammenstellung ist es eine der weltweit größten Sammlungen ihrer Art. Butterdosen mit Kaiser-Wilhelm-Portrait, Bierseidel mit feinen Ornamenten, Fußschalen, Tafelaufsätze mit Schmuckvögeln und einer Aphrodite im Jugendstil, Karaffen und Kannen im Art Deco-Look, Salzstreuer, Briefbeschwerer, Teller in allen Formen und vielen Farben - kaum ein nützliches oder dekoratives Pressglas-Exponat aus vergangenen Epochen, das es hier nicht gibt.
Dokumentation als Ziel
Das hat seinen Grund: „Ich habe mir zum Ziel gesetzt, die Produktion der zahlreichen Glashütten im deutschsprachigen Raum aus den Jahren von ca. 1890 bis 1950 mit mindestens einem Stück jedes Musters und jeder Form zu dokumentieren“, erklärt Pamela Wessendorf. Über dieses Ziel ist sie längst hinaus geschossen, denn inzwischen gehören auch Pressglas-Objekte aus dem frühen 19. Jahrhundert sowie die Produktionen anderer europäischer und amerikanischer Glashütten zum Pavillon-Bestand.
Kristallglas imitiert
Pressglas – das Glas der armen Leute, wurde früher gespottet.Denn im Gegensatz zum geblasenen, geschliffenen Glas wurde das mehrere hundert Grad heiße und flüssige Sand-Quarz-
Gemisch im Pressglas-Verfahren in eine schwere Form aus Metall gepresst, die zuvor in Handwerksarbeit mit Ornamenten und Mustern verziert wurde. So konnte das teure Kristallschliffglas massenhaft und preiswert imitiert werden - eine sichtbare Pressnaht am fertigen Produkt ließ sich allerdings nicht vermeiden, ebensowenig die stumpfere Oberfläche und die weicheren Konturen. Pamela Wessendorf: „Wegen seiner industrie- und kulturhistorischen Bedeutung möchte ich dem Pressglas mit meiner Sammelleidenschaft aber zu der Wertschätzung verhelfen, die es verdient!“
Begonnen hatte alles vor rund 26 Jahren, als Pamela Wessendorf auf dem Flohmarkt am Turmweg nach Keramik-Artikeln für ihre Schwester Ausschau hielt. „Leider ohne Erfolg“, lacht sie, „stattdessen entdeckte ich eine kleine, rosafarbene Karaffe mit vier Gläsern.“ Es war der Grundstock für ihre jetzige Sammlung.
In den ersten Jahren fand sie ihre überwiegend rosafarbenen Tassen und Teller, Vasen, Schalen und Zuckerdosen meist noch auf Flohmärkten, auch bei Freunden, Bekannten und Verwandten wurde sie fündig. Das ehemalige Kinderzimmer ihres Sohnes in Winterhude wurde schließlich zum Pressglas-Atelier umfunktioniert. Schon damals – Pamela Wessendorf hatte gerade mal knapp 1.000 Objekte – fragte ihr Ehemann Armin vorsichtig an, ob es denn nicht allmählich reichen würde... Das Gegenteil war der Fall.
„Vor gut zehn Jahren habe ich den Pavillon in Borgfelde dazu gemietet und meine Sammlung dorthin verlegt!“ Durch die Einführung des Internets und der damit verbundenen weltweiten Recherche-Möglichkeiten und Vernetzung mit Gleichgesinnten expandierte die Pressglas-Sammlung innerhalb weniger Jahre gewaltig, hinzu kam die eine oder andere Übernahme von Sammlungs-Auflösungen.
Besucher aus aller Welt
Mittlerweile steht Pamela Wessendorf mit rund 30 Sammlern
in Deutschland in Kontakt, weltweit kommen noch einmal 100 dazu. Einige von ihnen haben die Extrem-Sammlerin auch schon besucht, sie reisten sogar aus Australien, Südafrika und den USA an. Auf Flohmärkten ist Pamela Wessendorf kaum noch unterwegs. Vor einiger Zeit allerdings – sie hatte ihren Mann auf einer Dienstreise nach China begleitet – wurde sie bei einem Antiquitätenhändler in Peking fündig – und erwarb dort eine seltene sächsische Zierdose von 1934.
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