Hamburg: Helfen aus eigener Erfahrung

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Heidi Hamester berät an zwei Nachmittagen. Viele ihrer Patienten leiden an Depressionen Foto: Grewe

„Peer-Berater“ begleiten Patienten „auf Augenhöhe“. Hoffen auf Kostenübernahme der Kassen

Von Elke Grewe
Hamburg. Seit fast drei Jahren gibt es ein innovatives Projekt an neun Hamburger Krankenhäusern: die Peer-Beratung. Initiiert ist das Forschungsprojekt vom Universitätsklinikum Eppendorf (UKE).
Das besondere an Peer-Beratern ist, dass sie ihr Wissen über Depressionen und andere psychische Erkrankungen nicht durch ein Studium erworben haben, sondern aus eigenen Erlebnissen beziehen. Dieser neue Ansatz der Lebenshilfe von psychisch Kranken durch Gleichgesinnte (Englisch: peer) ist weltweit einzigartig. Peer-Berater haben Erfahrungen im Umgang mit Angst, Depression, Schizophrenie, Psychosen, Burnout oder Traumata. Sie hören den Patienten vor dem Hintergrund der eigenen Erfahrung zu und bieten Beistand und Beratung in Krisensituationen.

Einjährige Ausbildung am UKE

Eine von den 20 Peer-Beraterinnen in Hamburg ist Heidi Hamester. Als „Beraterin auf Augenhöhe“ bezeichnet sie sich. „Wir sind keine Therapeuten, sondern begleiten unsere Patienten nur ein Stück ihres Lebens.“ Heidi Hamester weiß, wovon sie spricht. Die frühere Sozialpädagogin wurde bereits Anfang 20 depressiv,
hat unendlich viel Therapie-Erfahrung. „Auslöser für Depressionen ist oft der Verlust geliebter Menschen, wie es bei mir der Fall war. Oder man verliert zum Beispiel den Arbeitsplatz.“ Plötzlich stellt sich eine ganze andere Grundstimmung ein, hat Heidi Hamester bei sich und ihren Patienten beobachtet. „Man mag nicht mehr aufstehen, kann seinen Tag nicht organisieren. Die Stimmung ist bedrückt.“ Zum Glück bringen viele Menschen in diesen existenziellen Krisen den Mut auf, sich selbst an eine Peer-Beratung zu wenden. Der Erfolg dieses neuen Ansatzes scheint überzeugend: „Einigen Patienten von mir ging es schon nach einem halben Jahr wieder richtig gut“, so Heidi Hamester. „Ein ganz zentraler Bestandteil der Peer-Beratung ist das Zuhören. Manche Ärzte zum Beispiel nehmen sich heute gar nicht die Zeit. Ich höre meinen Betroffenen oft eine Stunde lang zu und unterstütze sie in Ihrem Anliegen.“
Voraussetzung für die Tätigkeit als Peer-Beraterin war eine einjährige Fortbildung am Universitätsklinikum Eppendorf. „Experienced – Involvement“ nennt sich der
Lehrgang. Während der Fortbildung reflektieren die Teilnehmer ihre eigenen Erfahrungen, mit dem Ziel, andere Menschen in Lebenskrisen unterstützen zu können. „Man lernt durch verschiedene Lehr-Module den eigenen Erfahrungsschatz zu erkennen und ihn für die Arbeit als Peer-Beraterin einzusetzen“, so Hamester. Bezahlen müssen die Teilnehmer die Fortbildung, die es seit acht Jahren gibt, selbst (ex-in-hamburg.de).

Förderung läuft aus

Heidi Hamester hat seit über zwei Jahren ihr Büro für die Peer-Beratung in der psychiatrisch-psychotherapeutischen Ambulanz Alsterdorf. Es strahlt mit bunten Bildern an den Wänden und geschmackvollen Möbeln eine beruhigende Atmosphäre aus. Zwei Nachmittage, Dienstag und Mittwoch von 15-17 Uhr, ist telefonische und persönliche Sprechzeit. Die Beratungstermine gehen bis abends. Bisher begleitet Heid Hamester überwiegend Betroffene mit Depressionen. „ Vielleicht liegt das daran, dass ich selbst unter dieser Krankheit litt“, mutmaßt sie. Ob sie ihre Tätigkeit wie die anderen Peer-Berater fortsetzen kann, wird sich demnächst entscheiden, wenn sich das Forschungsprojekt dem Ende nähert. Gefördert wird die Peer-Beratung vom Bundesforschungsministeriums. „Ich bin optimistisch, was die Zukunft angeht. Meine Chefs sagen, dass die Peer-Beratung sehr positive Ergebnisse aufweist“, so Heidi Hamester. „Mich selbst bereichert die Peer-Beratung sehr“, schildert sie ihre Erfahrung. „Man kann den Menschen Tipps geben, wie eine Depression für sie erträglicher wird. Und wenn sie dann nach sechs Monaten, so lange ist die Peer-Beratung vorgesehen, aus ihrer Depression herauskommen, ist das ein schönes Gefühl.“

Kostenlose Beratung

Die meisten ihrer Klienten kommen alle 14 Tage für eine Stunde zu ihr. Die Beratung ist kostenlos „Viele gehen danach erleichtert nach Hause, haben ein besseres Gefühl. Man könnte uns deshalb auch Genesungsbegleiterin nennen.“ Sirit Schönefeld (41), Mutter von drei Söhnen aus Barmbek, hat die Beratung bei Heidi Hamester sehr geholfen: „Frau Hamester weiß wovon sie spricht. Das ist ungeheuer kostbar. Durch sie habe ich gelernt, dass ich nicht ,verrückt‘ bin, so dachte ich, als ich unter einer Depression litt. Jetzt weiß ich, es sind verschiedene Phasen, durch die ich durch muss und die vorbei gehen. Wenn man weiß, was mit einem los ist, kann man sich wieder akzeptieren und lieben.“ Sirit Schönefeld spricht ganz offen über ihre Erkrankung und möchte sich auch nicht hinter einem anderen Namen verbergen.
Für die Zukunft wünscht sich Heidi Hamester, dass es eine Einigung mit den Kostenträgern zum Beispiel den Krankenkassen gibt und die Kassen die Kosten der Beratung übernehmen. Und natürlich dass die Kliniken die Peer-Berater nach Ablauf des Projektes übernehmen. So haben einige Kliniken schon Peer-Beraterinnen befristet übernommen.

Kontakt: Peer-Beratung, Alsterdorfer Markt 8, Sprechzeiten: Dienstag und Mittwoch 15 bis 17 Uhr, Tel.: 50 77 33 62
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