Hamburg: Nah auf die Pelle gerückt

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Der Neubau (hinten) rückt recht nah an den ehemaligen Pferdestall (links) heran
 
Michael Wagner hat Angst um seine über 100 Jahre alte VillaFotos: Flüß

Nach Ramm-Arbeiten nebenan: Villenbesitzer klagt über Risse

Von Miriam Flüß

Hamburg. Statt Grün vor dem Fenster Risse in der Wand: Entgegen dem Bebauungsplan rückt ein Neubau zu dicht an die Alsterdorfer Villa von Michael Wagner.


„Was 1943 die Bombenangriffe überstanden hat, das wird nun der Zerstörung durch riesige Bauunternehmungen und skrupellose Investoren anheimgegeben“, sagt Michael Wagnert. Der Alsterdorfer weist auf Risse in der Fassade der gelben Villa, die sein Großvater im Jahr 1909 erwarb. Wagner wurde hier 1950 geboren, seit 40 Jahren leben er und seine Frau hier. Nun rückt ein Neubauprojekt der Ten Brinke Wohnungsbau GmbH & Co. KG an seine Grundstücksgrenze, direkt hinter dem Efeuberankten Gartenzaun tut sich eine große Baugrube auf. Laut Wagner, der auf den Bebauungsplan Alsterdorf 9 verweist, ist diese um sieben Meter zu weit nach hinten gerückt.
Der zweigeschossige Bau mit insgesamt acht Wohnungen erhält eine Tiefgarage. „Mehr als 20 Stahlträger wurden in den Boden gerammt, das gab hier ein mittleres Erdbeben“, erzählt Wagner. In der Fassade des Hauses zeigen sich seither Risse, im ehemaligen Pferdestall klafft bereits eine Zentimeterbreite Lücke und von der Wohnzimmerdecke rieselte Putz. Die Schäden wurden bereits von Mitarbeitern der Ten Brinke Wohnungsbau GmbH in Augenschein genommen, mit Gipsabdrücken sollen nun eventuelle Verschlimmerungen sichtbar gemacht werden.
Auf dem Nachbargrundstück, für das 1986 im Bebauungsplan eine Durchgrünung und „eingeschränkte bauliche Dichte“ vorgesehen war, wurden 16 Bäume gefällt. „Der Bauherr hat die Auflage bekommen, Ersatz zu pflanzen. Oder, wenn dies nicht möglich sei, 1.000 Euro pro Baum Ersatzzahlungen zu leisten“, so Wagner. Nun stehen nur noch drei alte Eichen auf dem Grundstück. Zum Erhalt der beiden Bäume auf dem vorderen Teil des Grundstückes wurde die rückwärtige Verlagerung genehmigt. Wagner befürchtet, dass die beiden Eichen die Bauarbeiten nicht überstehen werden. „Die Baugenehmigung wurde im vereinfachten Verfahren erteilt. Für die Überschreitung der Baugrenze und Entbindung der Neuanpflanzung gab es eine Sondergenehmigung“, so Wagner frustriert.
„Hätte hier jemand den benötigten preiswerten Wohnraum gebaut, hätte ich wohl nichts gesagt. Aber die Eigentumswohnungen kosten ab 500.000 Euro“, ärgert er sich. Bas Diks von der Ten Brinke Wohnungsbau GmbH verweist darauf, dass die Häuser im „hanseatischen Stil“ sich gut in den Stadtteil einfügen würden.
Laut Homepage des Maklers ist bereits die Hälfte der Wohnungen zwischen 88 und 172 Quadratmetern, die von rund 500.000 Euro bis rund 930.000 Euro angeboten werden, verkauft. „Im historischen Alsterdorf lässt es sich ruhig und zentral leben“, heißt es dort weiter. Michael Wagner befürchtet, dass von dem historischen Alsterdorf bald nicht mehr viel übrig ist. „Der Erhalt meines Elternhauses ist teuer. Ich möchte die Garantie haben, dass wir es uns auch in zehn Jahren noch leisten können, die entstandenen Schäden zu beheben“, fordert Michael Wagner. Heinrich Stüven, Vorsitzender des Grundeigentümer-Verbandes Hamburg, kann „jedem Eigentümer nur raten, eine Begutachtung der Bausubstanz vor Baubeginn vornehmen zu lassen.“

Widerspruch zwecklos?

Wagner hat Widerspruch im Bezirksamt Hamburg-Nord gegen die Überschreitung der Baugrenze eingelegt. Dieser wurde im Juli 2012 vom Widerspruchsausschuss abgelehnt: „Das geplante Bauvorhaben entfaltet gegenüber der Nachbarschaft keine erdrückende Wirkung“, heißt es in dem schriftlichen Bescheid. „Unsere Hinweise auf das Baurecht wurden meiner Meinung nach gar nicht angeguckt“, sagt Wagner. „In den letzten fünf, sechs Jahren wurde die Regelung des Bebauungsplans permanent überschritten. Das Bauamt setzt scheinbar seine eigenen Gesetze außer Kraft und die demokratischen Rechte des Bürgers gelten wohl nichts mehr.“ Den Widerspruch gegen die Überschreitung hat Wagner zurückgezogen, da er hohe Gerichtskosten ohne Aussicht auf Erfolg befürchtet. „Bei uns ist es gelaufen“, resümiert er, „aber für zukünftige Projekte in Alsterdorf ist es wichtig, dran zu bleiben.“ (flü)
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