Hamburg: Sackt Eppendorf ab?

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Woher kommen die Risse an diesem Haus in der Erikastraße? Ist es auf Wasser im Untergrund zurückzuführen? Anwohner wollen Gewissheit Foto: Hanke
 
Edith Aufdem-brinke entdeckte am Markt Risse an Häusern

Risse in Fassaden am Eppendorfer Marktplatz. Grundwasserabsenkung unter Verdacht

Von Christian Hanke
Hamburg. Haben Grundwasserabsenkungen bei Neubauten Risse im Mauerwerk von Altbauten zur Folge? Sackt Eppendorf ein? Diese Fragen werden seit einigen Monaten heiß diskutiert, seitdem für ein Bauvorhaben in der Eppendorfer Landstraße, den „Eppendorfer Höfen“, über 20 Monate Wasser in die Alster abgepumpt wurde, um die Baugrube trocken zu halten. „Es knackt in den Altbauten. Überall sind Risse zu sehen. Sie kommen immer wieder, nachdem sie ausgebessert wurden“, erzählt einer, der sich umgesehen hat, aber nicht genannt werden möchte. In der Tat, an vielen Fassaden rund um den Eppendorfer Marktplatz sind feine kleine Risse zu sehen, die kaum auffallen, wenn man nicht genau hinsieht. Doch, sind diese Schäden tatsächlich durch Grundwasserabsenkungen entstanden, oder nagt nicht nur einfach der Zahn der Zeit an den alten Häusern?

Geologe: Keine Gefahr für die Statik

In der letzten Sitzung des Regionalausschusses Eppendorf/Winterhude waren Fachleute aus der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) geladen, die über Eppendorfs Grundwassersituation aufklärten. Geologe Lothar Moosmann erläuterte den Eppendorfer Untergrund. Torfschichten, in die nicht hineingebaut werden darf, um nicht Setzungen zu erzeugen, die die Standfestigkeit des Neubaus und der Umgebung gefährden, liegen in Eppendorfs Mitte, in der die „Eppendorfer Höfe“ gebaut wurden, so tief, dass die Baugrube sie nicht erreichte. Also keine Gefahr für die Statik, so der Geologe. „Der Bereich Eppendorfer Landstraße ist ein stabiler Baugrund“, sekundierte Diplom-Ingenieur Hartmut Dittrich.

Das sehen die Initiative „Wir-sind-Eppendorf“ und das neugebildete „Augias-Team“ um Stadtteilaktivistin Edith Aufdembrinke anders. „Die Baugrube war knapp zehn Meter tief, da ein Untergeschoss und eine Tiefgarage gebaut wurden. Damit wurde über sieben Meter ins Grundwasser hineingebaut“, hat sie recherchiert. Die Baustelle lag auf einer Höhe von 5,41 Metern über Normal Null (NN). Bei 3,69 Meter über NN liegt hier der Grundwasserspiegel. Ungefährdet könnte nur 1,40 Meter in die Tiefe gebaut werden, da zu den 3,69 Meter ein Sicherheitsabstand von 0,3 Metern hinzugerechnet werden müsse.

Wasser wurde abgepumpt

Soll´s tiefer sein, muss entweder eine Grundwasserabsenkung erfolgen oder es muss in einer abgesicherten Bauweise wie zum Beispiel dem Trogbau gebaut werden. Dafür müssen Stahlwände tief in die Erde gerammt werden, bis sie auf festen Untergrund treffen. Der Investor der „Eppendorfer Höfe“ entschied sich für die Grundwasserabsenkung. Wasser wurde abgepumpt, nicht nur Grund-, sondern auch Alsterwasser, das bedingt durch das abgepumpte Grundwasser in den Untergrund, quasi zurück nach Eppendorf, gedrückt wurde. Dabei entsteht eine „dauernde Durchflussbewegung“, die den Boden verändern kann, so das „Augias-Team“. Weil die offene Baugrube nun von Alsterwasser geflutet wurde, musste über 20 Monate Wasser abgepumpt werden. Womit die Investoren offenbar nicht gerechnet hatten. Dabei hatte das Ingenieurbüro Weber-Poll am 30. März 2012 gewarnt: „Aufgrund der deutlich tieferen Baugrube gehen wir nach Rücksprache mit dem Bodengutachter davon aus, dass eine Grundwasserabsenkung nicht mehr möglich ist. Somit müsste eine wasserdichte Baugrube hergestellt werden.“ Die Folgen der Durchflutungen in Eppendorfs Untergrund waren zu beobachten: „Gehwegplatten verkanteten und darunter waren beschädigte Leitungen zu sehen“, so Edith Aufdembrinke. Alle Anwohner in einem weiten Umkreis der Baugrube hätten benachrichtigt werden müssen. Aber nur die direkten Anwohner erhielten Kenntnis und Entschädigungen für Risse in den Wohnungen. Aber: Bisher habe niemand Schäden gemeldet, so das Bezirksamt Hamburg-Nord und die Stadtentwicklungsbehörde.

Edith Aufdembrinke glaubt: „Kein Hauseigentümer möchte öffentlich machen, dass sein Besitz durch Beschädigungen an Wert verloren hat.“ Das „Augias-Team“ kommt zu dem Schluss: „Es darf nicht ins Grundwasser hineingebaut werden.“ Was unsere Vorväter auch wohlweislich vermieden haben. Die schönen Altbauten von Eppendorf und Winterhude haben ganz geringe Tiefen, liegen alle oberhalb des Grundwassers. Für die drei Fachleute der BSU war die Grundwasserabsenkung indes unbedenklich. „Unsicherheiten über den Untergrund gibt es allerdings immer. Die Durchlässigkeit war etwas falsch eingeschätzt worden“, räumte die Referatsleiterin Grundwasser, Claudia Holl, ein. Das „Augias-Team“ macht für das ihrer Ansicht nach leichtfertige Bauen in Alsternähe die 2006 erlassene Globalrichtlinie zur Vereinfachung des Baugenehmigungsverfahren des Hamburger Senats verantwortlich. Wenn nach dem dadurch möglichen „vereinfachten Bauverfahren“ entschieden wird, können die Gutachter und Architekten der Investoren die Verantwortung für die Planung übernehmen.

Mitglieder der Initiative „Wir-sind-Eppendorf“ und Karin Haas von den Linken zeigten sich im Regionalausschuss von den Ausführungen der BSU nicht überzeugt. Da noch Redebedarf zum Thema besteht, beantragten die Linke und CDU zeitnah eine Informationsveranstaltung durchzuführen. Darüber befindet der Hauptausschuss am 2. Dezember. (ch)
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