Hamburg: Wie Medizin die Klinik-Architektur veränderte

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Das UKE um 1900: ein Park voller Patientenpavillons Foto: UKE
 
Einmalige Baukunst: Professor Dr. Adolf-Friedrich Holstein in dem original rekonstruierten Sektionssaal im Medizinhistorischen MuseumFoto: ch

Teil 2 der UKE-Serie: Von Pavillonbauten und einem museumsreifen Saal

Hamburg. Das Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) wurde 1889 als größtes und am konsequentesten konzipiertes Pavillonkrankenhaus Europas erbaut. Doch schon wenige Jahre nach der Eröffnung wurde diese Grundidee in Frage gestellt und neu überdacht. Bis heute hat sich das Gesicht des UKE teilweise erheblich verändert. Im zweiten Teil unserer Serie zum 125-jährigen Geburtstag des UKE stellen wir deshalb die Architektur des Klinikums im Wandel der Zeit vor.
1896 stellte der Hygieniker Richard Pfeiffer fest, dass der Keimgehalt der Luft nicht mit der Sterblichkeit bei Infektionskrankheiten in Verbindung zu bringen sei. Bereits 1890 hatte der Wiener Chirurg Theodor Billroth, einer der Choryphäen seines Faches im 19. Jahrhundert, geäußert, dass „das Baracken- und Pavillonsystem als solches keinen unbedingten Schutz gegen accidentelle Wundkrankheiten und Infektionskrankheiten zu bieten vermag“. Curschmanns bahnbrechende Idee erhielt erste Risse. „1896 wurde das Pavillonsystem aufgegeben. Der medizinische Fortschritt ermöglichte es inzwischen, dass Krankheitsübertragungen auch in mehrstöckigen Krankenhausgebäuden unterbunden werden konnten“, erzählt Professor Adolf-Friedrich Holstein, langjähriger Mediziner am UKE und Begründer des Medizinhistorischen Museums im früheren Gebäude der Pathologie. Außerdem erwies sich die Unterhaltung der Pavillons als zu teuer. „Die Pavillons benötigten viel mehr Personal als ein Krankenhaus in einem Gebäude. Jeder Pavillon hatte sogar einen eigenen Heizer“, berichtet Professor Holstein.
So entstanden auf dem Eppendorfer Krankenhausgelände in den folgenden Jahren große mehrstöckige Gebäude. Erst die Frauenklinik, dann 1912 das so genannte Erikaschwesternhaus und 1913 das Gebäude der Pathologie, zwei schöne Backsteinbauten, errichtet vom legendären Hamburger Oberbaudirektor Fritz Schumacher. Das Erikaschwesternhaus hat seinen Namen übrigens von der Erikastraße.
Die ersten Schwestern des UKE waren zunächst in einer Villa an der Erikastraße Nr. 1 (heutige Schottmüllerstraße) untergebracht, die dessen Besitzer zu diesem Zweck zur Verfügung gestellt hatte. So wurden sie die „Erikaschwestern“.
Ab 1915 erlahmte die Bautätigkeit, zunächst bedingt durch den Ersten Weltkrieg, dann vermutlich wegen der Überlegungen Schumachers, ein Universitätskrankenhaus in Groß Borstel zu errichten. 1941/42 wurden für den Neubau der Chirurgie erstmals Pavillons abgerissen.
Weitere Pavillons wurden während des Zweiten Weltkriegs durch Bomben zerstört. Das UKE erhielt schwere Treffer. Kein Gebäude blieb unzerstört. Das Pavillonsystem war damit auch architektonisch arg durchlöchert. Der Neuaufbau nach dem Krieg vollzog sich in geschlossenen zusammenhängenden Gebäudekomplexen, die allerdings bezüglich ihrer Lage und Konstruktion noch Pavillon-Charakter hatten. Es entstanden Gebäude für die Hautklinik, die Orthopädische Klinik, die Hals-, Nasen-, Ohren Klinik, die Neurologische Klinik und die Kinderklinik. Ab 1955 wird das UKE-Gelände fast voll gebaut. Eine neue Frauenklinik (1958-1969), die Psychiatrische und Nervenklinik (1961-1967), eine neue Augenklinik (1967-1970) und die Zahnklinik (1984-1988) sind die wichtigsten Gebäude.
Von der grünen Parklandschaft, in die die Pavillons der Gründerzeit eingebettet waren, war fast nichts geblieben. Der technische Fortschritt und immer neue medizinische Teilgebiete forderten ihren Tribut.

Architektonisches Sammelsurium

Das UKE-Gelände gestaltete sich um die Jahrtausendwende als ein völlig uneinheitliches Sammelsurium von Baukörpern aus den verschiedenen Epochen seiner Geschichte. 2008/9 wurde aus dem Stückwerk wieder ein großes Ganzes. Das UKE erfuhr die umfassendste Umstrukturierung seiner Geschichte. Ganz im Gegensatz zur Gründungskonzeption wurde nun ein großer zusammenhängender Baukörper, das Neue Klinikum, das Zentrum des Krankenhauses. Nahezu alle Kliniken fanden hier neue Räumlichkeiten und Möglichkeiten.
Im Zuge der Verselbstständigung des UKE, das nun einen eigenen Etat zu vertreten hatte, wurden viele Gebäude aufgegeben. Medizinnahes Gewerbe und eine eigenständige Klinik zogen auf das UKE-Gelände. Das Eppendorfer Krankenhaus hatte mal wieder ein neues Gesicht bekommen.
Und es bekam ein Museum. Im früheren Gebäude der Pathologie – einem Fritz-Schumacher-Bau –wurde auf Initiative von Professor Holstein das Medizinhistorische Museum eingerichtet, in dem auch die Geschichte des UKE nachvollzogen werden kann. Schmuckstück des Museums ist der original rekonstrierte frühere Sektionssaal. Auf den ist Professor Dr. Adolf-Friedrich Holstein besonders stolz: „Einen solchen Saal in der ursprünglichen Form gibt es sonst nirgendwo in Deutschland.“ (ch)
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