Hamburg: Zimmer mit Einsicht

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Rüdiger Burgess (52, im Hintergrund), Tochter Antonia (16), Tochter Malve (11), Ehefrau Paja (41) sowie Ella (11), Freundin von Malve bei der Schlüsselübergabe an der Rezeption mit Nachtportier Oliver Bulas (28)
 
Die Lobby vom Hotel Hamburg in der Grindelallee 117 Fotos: Schlichtmann

Die Kunstaktion „Hotel Hamburg“ lädt zum Wohnungstausch

Hamburg. Man muss schon ein wenig skurril sein und Phantasie haben - aber das kann man dem Hamburger Künstler Jan Holtmann unterstellen. In diesen Tagen sorgt er mit seinem Projekt „Hotel Hamburg - eine Stadt besucht sich selbst“ wieder für Aufsehen. Noch bis zum 20. Juli gibt er allen Einwohnern der Stadt die Möglichkeit, ihre Wohnung gegen eine andere Unterkunft einzutauschen - für ein, zwei Nächte oder auch länger. Schnupperurlaub in einem anderen Stadtteil quasi - und das funktioniert so: eine ehemalige Wäscherei in der Grindelallee 117 wurde detailgetreu in die Lobby inklusive Bar des „größten Hotels“ Deutschlands umgebaut, hier finden während der Aktion auch jeden Abend (kostenlose) Konzerte statt.

Aufforderung

Die Lobby ist Anlaufstation für alle Hamburger, die an dieser einmaligen Performance teilnehmen wollen. Voraussetzung: Man ist bereit und hat das Vertrauen, seine eigene Wohnung einem anderen, fremden Menschen zu überlassen. Dafür erhält man dann an der Rezeption den Schlüssel zu einer anderen Wohnung („Hotel-Zimmer“) - ohne vorher zu wissen, wo man die Nacht in fremden Betten verbringen wird. Das kann die Dreizimmer-Wohnung in Bramfeld sein, ein Single-Appartement in Eppendorf oder auch ein Reihenhaus in Wandsbek - umsonst. Wer der Mieter oder Eigentümer dieser Hotel-Quartiere ist, erfährt der „Gast“ nicht. Und: Bis 12 Uhr mittags muss er wieder auschecken - kann sich dann aber einen weiteren Schlüssel für eine andere Wohnung geben lassen, solange er seine eigenen vier Wände zur Verfügung stellt. Initiator Jan Holtmann: „Das Ganze ist eine Handlungs-Aufforderung: Reist in euer eigenen Stadt! “

Einchecken in der Lobby

Für Bedenkenträger ist dieses Kunstprojekt sicher nichts. Familie Burgess gehört nicht zu ihnen. Sie hatte keine Bedenken, ihre Fünf-Zimmer-Wohnung am Fischmarkt für eine Nacht einer Fremden zu überlassen, die sie weder voher noch nachher zu Gesicht bekam. Familie Burgess - Vater Rüdiger (52), Ehefrau Paja (41), die Töchter Antonia (16) und Malve (11) sowie ihre Freundin Ella (11) - gehörte zu den ersten Hotelgästen. Die Fünf checkten abends gegen acht Uhr in der Grindelallee ein, gaben ihren Wohnungsschlüssel ab und erhielten dafür den Schlüssel zu einer sehr kleinen Dreizimmer-Altbau-Wohnung im Schanzenviertel: „Alles sehr sauber und ordentlich, beinahe penibel“, berichtet Paja Burgess. Im Gegensatz zu ihrer Wohnung: „Die haben wir ganz bewusst unaufgeräumt hinterlassen, sogar der Esstisch war nicht abgeräumt, das Buch „Venus im Pelz“ noch aufgeschlagen. Warum? „Wir wollten unseren persönlichen Lebensraum so hinterlassen, als wären wir gerade mal kurz weg gegangen.“ Den Kühlschrank hatte Paja Burgess noch aufgefüllt und einen Zettel auf den Tisch gelegt. „Willkommen in unserem Theater“ stand darauf. Der Kühlschrank in ihrer Gastwohnung war leer. Beinahe asketisch auch die Einrichtung - keine Schränke, statt Tapeten roh belassenes Mauerwerk, spartanisch, aber ästhetisch. „Singlewohnung, männlich, wahrscheinlich Lehrer oder Dozent, um die 40 Jahre alt, ordnungsliebend“, lacht Paja Burgess.
Abends ist sie mit ihrem Mann Rüdiger dann noch einmal vor die Tür gegangen in ihrem neuen „Urlaubs-Stadtteil“.Haben die Schanze erkundet, Wein getrunken, während die Kinder auf Sesseln und einem Sofa im Wohnzimmer schliefen. Am nächsten Vormittag ging‘s zurück in die eigenen vier Wände.

Zweiter Anlauf

„Unser unbekannter Gast hat sich‘s bei uns gut gehen lassen“, stellte Paja Burgess fest. Es war offenbar eine junge Frau, die sich über die Vorräte im Kühlschrank gefreut hat und auch über die DVD, für die sie sich entschieden hatte.
Warum Familie Burgess bei diesem Projekt mitgemacht hat? „Durch die fremde Wohnung erhält man vertrauliche Einblicke in das Leben anderer. Und man lernt andere Stadtteile ein wenig kennen.“ In den nächsten Tagen will Ehepaar Burgess wieder im „Hotel Hamburg“ einchecken - diesmal ohne die Kinder ...
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