Hamburger Polizei: Spendenbetrüger im Visier

Anzeige
Kriminalrat Thomas Reher (56, links) und Polizeidirektor Morten Struve (51) vom Kommissiariat 14 in der Caffamacherreihe
 
Regina Roß-Kluth (69) aus Eppendorf, die von einem Spendensammler bedrängt wurde Fotos: Schlichtmann

Tatort Klosterstern: Vermeintlich taubstumme Bettler nutzen dreist Hilfsbereitschaft aus

Von Klaus Schlichtmann
Hamburg. Bettelnde Personen auf Hamburgs Straßen gehören zum Alltagsbild, und nicht wenige von ihnen kommen aus dem Südosten Europas. Mal sind es ärmlich gekleidete Frauen mit Babys auf dem Arm, die an unser Mitleid appellieren. Dann wieder sind es Menschen, denen Gliedmaßen fehlen oder die vorgeben, ein verkrüppeltes Bein zu haben. Auch Kinder mit großen, traurigen Augen werden gerne eingesetzt, wenn es ums Betteln geht. Es ist grundsätzlich ja auch nicht verboten.
Eine Gruppe allerdings, es sind überwiegend junge Leute aus Rumänien, agiert hart an der Grenze der Legalität - und überschreitet diese auch regelmäßig. Sie sind adrett gekleidet, freundlich, manchmal sogar sympathisch, aber das gehört zu ihrem „Geschäftsmodell“. Es geht um vermeintlich taubstumme Spendensammler, die insbesondere in der City, aber auch in angrenzenden Stadtteilen unterwegs sind. Ausgestattet mit sogenannten Klemmbrettern bitten sie Passanten wortlos, sich in offiziell anmutenden Spendenlisten einzutragen - Name, Postleitzahl,Stadt und als vierte Rubrik schließlich der Spendenbetrag. Deutschlandfahne und Europasymbol auf der Liste sollen einen „amtlichen“ Eindruck vermitteln, der plumpe und teilweise in falschem deutsch formulierte angebliche Grund für die Sammlung Zweifel vertreiben („Zertificat des regionalen Verbundes. Für Taubstumme und körperlich behinderte Personen und für die armen Kinder wollen wir ein internationales Zentrum erschaffen“).
Vor allem ältere Menschen wie Regina Roß-Kluth (69) aus Eppendorf sind es, auf die es die „taubstummen Sammler“ abgesehen haben. „Der gut gekleidete junge Mann kam am U-Bahnhof Klosterstern mit seiner Liste auf mich zu, drängte mir gleich seinen Kugelschreiber auf, mit dem ich mich eintragen sollte“, sagt die frühere Sozialpädagogin. Doch bei der agilen Dame war der vermeintlich Taubstumme an die Falsche geraten. „Anfangs dachte ich noch einen Moment, ich sollte mit meiner Unterschrift auf dieser offiziell wirkenden Liste lediglich meine Solidarität mit den beschriebenen Zielen bekunden“, erklärt die Frau aus der Isestraße.

„Das ist Lug und Betrug“

Doch dann sah sie die letzte Zeile mit den bereits eingetragenen, recht hohen Beträgen - jeweils 10 bis 20 Euro immer hin.  Regina Roß-Kluth: „Das sind schon keine Almosen mehr, sondern hier geht es um relativ viel Geld. Das ist zumindest sehr dreist!“
„Das ist alles Lug und Betrug!“, erklärt Burkhard Wilke, Leiter des „Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen“ (DZI) in Berlin. Diese Einrichtung vergibt u. a. auch den Spendensiegel, der die Seriosität einer Institution bestätigt, für die gesammelt wird. „Es gibt in Deutschland keine offizielle Taubstummen-Organisation, für die gesammelt wird. Und es gibt auch keine seriösen, angeblich taubstumme Sammler - das Geld wird für andere, private Zwecke eingesteckt!“ Dies gelte übrigens auch für jene angeblich Taubstummen, die in Cafés und Restaurants wortlos Kärtchen mit der Bitte um eine Spende auf die Gästetische legen.

Agressives Betteln

Die Polizei in Hamburg sieht das Thema vielschichtiger, muss sie wohl auch. „Mit diesem Personenkreis haben wir schon seit Jahren zu tun, hauptsächlich in der City zwischen Hauptbahnhof und Dammtorstraße, auch in den Fußgängerzonen und Passagen“, erklärt Morten Struve (51), Polizeidirektor im 14. Kommissariat an der Caffamacherreihe. „Das ist eine komplizierte Gemengelage und auch eine Frage, wie eine Stadt mit diesem Problem umgeht. Sein Kollege, Kriminalrat Thomas Reher (56), ergänzt: „Betteln ist nicht verboten. Problematisch wird es erst, wenn Passanten bedrängt werden, wenn aggressiv gebettelt oder mit Nachdruck um eine Spende „gebeten“ wird!“

Wie die Polizei reagiert

Im City-Bereich agieren zur Zeit nach Polizei-Erkenntnissen neun vermeintlich taubstumme Sammler, zum Teil stammen sie aus demselben rumänischen Ort, tragen die gleichen Nachnamen. Morten Struve: „Zur Weihnachtszeit waren deutlich mehr von diesen Sammlern in der Stadt unterwegs, da mussten wir auch schon verstärkt Druck ausüben.“ Bedeutet was? „Abnahme der Klemmbretter, Strafanzeige, Platzverweise bis hin zur vorübergehenden Ingewahrsamnahme bis zum Abend, wenn die Geschäfte schließen - aber alles nur im Einzelfall. Erst, wenn eine Störung der öffentlichen Ordnung vorliegt, der Verdacht einer Straftat durch Phantasienamen auf der Spendenliste oder - im besten Fall - eine Strafanzeige eines Geschädigten, können wir als Polizei reagieren.“ Pech hatte jüngst übrigens ein vermeintlich taubstummer Sammler in der Wandsbeker Chaussee. Dort ging der Betrüger auf zwei Männer zu, bat sie, sich in die Liste einzutragen. Dumm nur, dass diese Männer Zivilfahnder der Polizei waren und den Spendensammler prompt vorübergehend festnahmen. Da fand der angeblich Taubstumme auch seine Sprache wieder - vorübergehend jedenfalls ...
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige