Hamburgs neue U-Bahn-Pläne werden konkreter

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Günter Elste, ehemaliger SPD-Bürgerschaftsabgeordneter und – Fraktionsvorsitzender, ist seit 1996 Vorstandsvorsitzender der Hamburger Hochbahn AG. Am 31. Januar 2016 geht er in Ruhestand. Ein Nachfolger soll nach der Bürgerschaftswahl 2015 gesucht werden.

Hochbahn-Chef Elste im Wochenblatt-Interview: „Favorisieren Nordvariante über Hoheluft“. Was Olympia ändern würde

Von Silvia Stammer

Hamburg. Eine Olympia-Bewerbung Hamburgs könnte die U-Bahn-Pläne in Hamburg deutlich beeinflussen. Im Gespräch mit dem Wochenblatt sagte der Vorstandsvorsitzende der Hochbahn AG, Günter Elste (65), dass dann bei der U 4 sowohl ein Weiterbau („Sprung über die Elbe“) als auch ein vorgezogene Anbindung der Arenen im Volkspark denkbar sei.

Unabhängig davon haben bisherige Prüfungen ergeben, dass der Bau einer Haltestelle Universität (Johnsallee) so aufwändig wäre, dass er kaum realisierbar erscheint. An der U 4, der Strecke Richtung Horner Geest, könnte es dagegen sogar zwei Haltestellen geben. Noch in diesem Jahrzehnt könnte laut Elste auch mit dem Bau der Haltestelle Oldenfelde an der U 1 begonnen werden. In der Tendenz sprechen Prüfergebnisse eher für eine Nord- statt eine Südvariante der neuen U 5, also eher via Hoheluft statt Ottensen.

WochenBlatt: Viele Bürger sind genervt von den Baustellen für das Busbeschleunigungsprogramm. Können Sie den Unmut verstehen?
Elste: Zunächst: Es geht nicht vorrangig darum, dass der Fahrgast schneller zum Ziel kommt, sondern dass wir damit die Kapazitäten erweitern können und müssen. Wir haben seit 2006 ein exorbitantes Fahrgastwachstum, in der Steigerung vier bis fünf Mal so hoch wie davor. Bis zur Etablierung eines neuen Schienensystems dauert es mindestens zehn Jahre. Bis dahin können wir den Leuten an den Haltestellen nicht sagen, ,ihr müsst jetzt noch warten‘. Die Maßnahmen werden vom Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer durchgeführt...

WB: ... und sie verzögern sich, auch weil die Bürgerbeteiligung laut Senat einen „hohen zeitlichen Aufwand“ benötigt. Was macht diese Abläufe so schwierig?
Elste: Aus der Zeit der Stadtbahnplanung – damals war ich fast jeden Abend unterwegs – weiß ich, dass Anliegern Eigeninteresse dichter auf der Haut
ist als Allgemeininteresse. Das Problem ist, dass Sie in einem frühen Stadium der Pläne in solche Diskussionen gehen müssen, um noch etwas ändern zu können. Aber gerade dann kommen Kritiker wie einige Oppositionsabgeordnete und sagen, man wüsste ja noch nicht, was man will. Das ist dann paradox. Die Freiheitsräume sind sehr eingeschränkt.

WB: Was sagen Sie Geschäftsleuten, die ihre Existenz bedroht sehen?
Elste: Maßnahmen im Einzelnen kann ich nicht beurteilen. Aber nehmen Sie das Stichwort Mühlenkamp: Das Thema wurde hochgeschaukelt, vor allem von einigen Bezirksabgeordneten. Ich gehe davon aus, dass die Leute, die von Amts wegen planen, bestimmte Erfordernisse wie den ordnungsgemäßen Anlieferverkehr im Blick haben. Was ich nicht glaube, ist, dass die Einschränkung von Parkflächen Geschäftsleute an den Rand der Existenz bringt. Da wird in der Kritik auch überzogen. Das Thema Wutbürger finde ich sehr bedenklich. Wir sind doch in einem demokratischen Gemeinwesen, wo ein Ausgleich möglich ist. In der Stadt kann nicht jeder mit dem Kopf durch die Wand.

WB: Sie sprechen aus Ihrer Erfahrung bei der Stadtbahnplanung...
Elste: Das Thema Stadtbahn ist tot für Hamburg. An der Oberfläche ist ein Schienensystem planrechtlich nicht in einer absehbarer Zeit hinzukriegen. Wenn Opposition behauptet, das wäre mit einer Wanderbaustelle zu erledigen, lache ich mich schlapp.

WB: Im April haben Sie und Verkehrssenator Horch (parteilos) Ideen für neue U-Bahnen vorgelegt. Eine Machbarkeitsstudie soll es aber erst nach der Bürgerschaftswahl im Februar 2015 geben. Warum dauert das?
Elste: Schon die Konzept-untersuchung ist ein Kraftakt. Wir müssen wissen, wo es hingehen soll im öffentlichen Nahverkehr bis 2040, losgelöst von der Tagespolitik. Wo ist die Nachfrage? Wo sind künftige Wohn- und Arbeitsstätten? Wo ist die Anbindung bisher nicht optimal?
Jetzt arbeiten wir aus Bordmitteln weiter, um ein Konzept vorlegen zu können, auf dessen Grundlage eine politische Entscheidung getroffen werden kann. Der Bürgermeister will dazu eine Abstimmung im neu gewählten Parlament – wir sprechen über Milliarden-Investitionen über die nächsten 15 bis 20 Jahre.

WB: Was heißt das konkret?
Elste: Seit ich denken kann, und ich wohne seit 1955 in Hamburg, wird über eine mögliche Haltestelle Johnsallee/Universität gesprochen. Hier haben wir eine unglaublich schwierige Bausituation. Wir haben das geprüft: Der Bau würde eine mehrjährige Streckensperrung bedeuten, einen Ersatzverkehr zwischen Kellinghusenstraße und Stephansplatz. Für uns als Fachleute ist diese Potenzialhaltestelle vom Tisch, aber eine politische Entscheidung gibt es dazu bisher nicht. Wenn wir den intensiv befahrenen Teil der Buslinie 5, bis Hoheluft, mit der Nordvariante der U 5 abdecken, brauchen wir die Haltestelle Johnsallee nicht. Das ist eine Abwägungsfrage. Anderes Beispiel: Der Desy-Tunnel und der Teilchenbeschleuniger Hera sind sensibler als angenommen, die würde man aber mit der Südtrasse queren müssen.

WB: Wo könnte denn zuerst mit Bauarbeiten begonnen werden?
Elste: Die Haltestelle mit dem Arbeitstitel Oldenfelde auf dem östlichen Ast der U 1 und die Ausfädelung der U2/U4 Richtung Horner Geest mit vermutlich zwei Haltestellen: Bei beiden Maßnahmen könnte - die politische Entscheidung vorausgesetzt - noch in diesem Jahrzehnt Baubeginn sein.
WB: Hamburg wird sich
möglicherweise erneut für Olympia bewerben. Wie wirkt sich dies auf die Planungen aus?
Elste: Wenn es dazu kommt, sind wir mit im Spiel. Bisher ist die U 4 bis zur Norderelb-Kante gedacht. Aber wird auf dem Grasbrook ein Olympiastadion gebaut, muss entschieden werden, ob wir den Elbsprung machen oder ob die Zuwegung anders gelegt werden soll. Für eine Anbindung der Sportstätten im Volkspark könnte man einen Bauabschnitt vorziehen, die Strecke bis Hagenbecks Tierpark, um dort entweder umzusteigen oder dort provisorisch die U-Bahn einzufädeln in die U 2.

WB: Stichwort Park and Ride. Manche Medien sprechen von „Abzocke“. Aktuell sind kostenlose Anlagen teilweise übervoll, bereits kostenpflichtige dagegen fast leer. Anwohnerquartiere werden zugeparkt. Was sagen Sie dazu?
Elste: Abzocke – auf keinen Fall. Zum einen kostet P+R-Parken mit HVV-Ticket zwei Euro pro Tag, im günstigsten Parkhaus in der City neben
dem Hühnerposten 7 Euro pro Tag. Park and Ride braucht man nur am Stadtrand und außerhalb. Dort werden die Anlagen auf Vordermann gebracht. Ob der Steuerzahler das zahlt oder der Nutzer, ist politisch entschieden. Und was die
Probleme betrifft: Ich bin nicht glücklich damit, aber das wird sich in einigen Monaten von selbst regulieren, wie Erfahrungen aus anderen Städten zeigen. (sta)

Kommentar:
Bald entscheiden

Von Silvia Stammer
Keine Frage: der Bau einer Stadtbahn als Entlastung der übervollen Bussen und Anbindung einiger Quartiere hätte viel Schönes. Angesichts des Gegenwindes, der um Alster und Elbe bei öffentlichen Bauprojekten weht, ist es jedoch nachvollziehbar, wenn Hochbahnchef Elste die U-Bahn-Pläne für eher umsetzbar und damit für sinnvoll hält. Bürgermeister Scholz (SPD) will eine breite politische Unterstützung für das 3,8-Milliarden-Euro-Projekt U-Bahn-Bau. Ob er es jedoch schafft, nach den Wahlen einen möglichen grünen Koalitionspartner ins Boot zu holen, ist fraglich. Bisher lehnen die Grünen den U-Bahn-Bau als zu teuer ab. Hamburg braucht mehr Nahverkehr. Die Entscheidung dafür muss jetzt getroffen werden, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren.
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2 Kommentare
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Wolfgang Schlie aus Farmsen-Berne | 20.08.2014 | 19:25  
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Michael Kahnt aus Barmbek | 21.08.2014 | 07:48  
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