Harvestehude: Die Geschichte hinter den Stolpersteinen

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Hinter diesen Steinen stehen Namen und Biographien Archivfoto: wb
 
Inge Grolle (rechts) und Christina Igla haben sich mit den Stolpersteinen in der Bramsallee und der Hallerstraße beschäftigt Foto: Timm

Inge Grolle und Christina Igla schreiben Buch über ihre Spurensuche in der Brahmsallee und der Hallerstraße

Von Frank Berno Timm
Harvestehude
Dies ist ein außergewöhnliches Gespräch. Vielleicht, weil das Grauen, über das hier geredet wird, sich sowieso jeder Beschreibung und jedem Begreifen entzieht. Inge Grolle (85) und Christina Igla (61) haben sich mit einer Gruppe Ehrenamtlicher daran gemacht, die Geschichten zu erforschen, die sich mit den Stolpersteinen in der Brahmsallee und der Hallerstraße verbinden. Das entsprechende Buch hat fast 490 Seiten. Das Geschehen an der Ecke Hallerstraße/Brahmsallee ist alltäglich: Eltern bringen am Nachmittag ihre Kinder nach Hause, eine Baustelle döst offen vor sich hin, Busse fahren vorbei: der Lärm der Großstadt, von ein paar Piepmätzen lässig übertönt. Inge Grolle und Christina Igla warten schon: Sie haben sich mit 150 Stolpersteinen und über 90 Biografien auseinander gesetzt. Hier in der Brahmsallee sind oft gleich mehrere der Steine in das Pflaster vor den Hauseingängen eingelassen. Langsam gehen wir die Häuser ab: Immer wieder fallen neue Namen, Geschichten von Verfolgung, gescheiterter Emigration, von Mord und nur selten von Überleben. Die Stolpersteine erinnern an die früheren, jüdischen Bewohner der Häuser, hinter dem Innocentipark, sagt Inge Grolle, „gibt es keine Steine mehr“. Als sich Deutschland Österreich einverleibte, sei die Haller- in Ostmarkstraße umbenannt worden – so liest man es auf alten Plänen noch. Und dort kann man sehen, dass es auf dem Gelände der heutigen Grindelhochhäuser durchgehende Straßen und viele einzelne Grundstücke gab. Kann man Völkermord beziffern? Wie viele Juden lebten zur Zeit der Nazidiktatur hier? Im Grindel und Eimsbüttel seien es 15 Prozent der Bevölkerung, im übrigen Stadtgebiet ein bis zwei Prozent gewesen, antwortet Inge Grolle. Damals, fügt Christina Igla hinzu, seien ja auch Deutsche in den Warthegau (heute Polen) gegangen, um Aufbauarbeit zu leisten, damit habe man sich beruhigt. „Wenn aber von einem Haus mit zwölf Parteien von einem auf den anderen Tag acht weg waren, dann musste man das doch merken“, meint Inge Grolle. In den Geschichten, die die beiden Frauen erzählen, ist auch davon die Rede, dass sich Juden vor den ersten Pogromen auf dem Land nach Hamburg zu ihren Verwandten retteten in der irrigen Hoffnung, hier wären sie sicher. Andere flüchteten nach Belgien, nach Holland und wurden umgebracht, als die Deutschen dort einfielen. Wir gehen Schritt für Schritt von Haus zu Haus. An der Brahmsallee Nr. 6 sprechen wir von Max und Henny Hoffmann. Sie nahmen, weil Max nicht mehr als Vertreter arbeiten durfte, Untermieter auf: Siegfried und Martha Hess. Die beiden, erzählen Christina Igla und Heike Groll, haben hier geheiratet, wollten eigentlich nach Shanghai auswandern und so vor dem Tod fliehen. Aber sie wurden nach Lodz de-portiert und 1942 nach Chelmo verschleppt und umgebracht. Im Buch, das die beiden Frauen mitgebracht haben, findet sich die Familiengeschichte bis in kleinste Details. Wie war es möglich, das zu erforschen? Die jüdische Gemeinde selbst habe die Deportationslisten zusammenstellen müssen, heute finden sich viele Akten im Staatsarchiv. Heike Grolle berichtet, nach den Pogromen von 1938 hätten die Juden eine Sondersteuer zahlen müssen. Die Spuren alleinstehender Frauen zu finden, sei schwieriger gewesen, sagen die beiden.

Nachbarn interessiert


Der Anwohner Oliver Staabs spricht uns an, fragt nach dem Projekt, bekommt einen Flyer der Buchvorstellung. Warum tut man sich ein solches Projekt an? Heike Grolle, selbst ausgebildete Historikerin, sagt, sie habe es „als Verpflichtung empfunden“. Rudolf Kalver, ein zweiter Nachbar, fragt, ob sich die Frauen mit der Geschichte der Häuser befasst hätten, der zwangsweisen Abtretung an deutsche Eigentümer. Christina Igla sieht eine „Verpflichtung, an die Menschen zu erinnern“, die Stolpersteine seien wie ein kleiner Grabstein. Nachbar Kalver hat Nachkommen der Opfer, die die Stolpersteine besuchten hereingebeten. Diese Begegnungen, sagt er, seien eine Fortsetzung der erlebten Erinnerung der Verstorbenen.

Buchvorstellung am 18. Oktober


Inzwischen geht das heutige Leben weiter, als wäre damals nichts geschehen. Ein Mann leert die Briefkästen am Eingang der Straße. Die ersten Herbstblätter liegen auf dem Weg. Manche haben hier Patenschaften für die Stolpersteine übernommen, andere stellen Blumen auf, die dann allzu schnell verschwunden sind. Das Buch „Stolpersteine in Hamburg, Grindel I“, wird am 18. Oktober um 19 Uhr im Bezirksamt Eimsbüttel, Ferdinand-Streb-Saal, Grindelberg 66, vorgestellt. Die Landeszentrale für Politische Bildung hat bisher 18 stadtteilbezogene Bücher mit Lebensgeschichten hinter den Stolpersteinen herausgegeben. In Hamburg gibt es über 5.000 solcher Steine.

Weitere Infos: Stolpersteine in Hamburg
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