Helga Obens arbeitet gegen das Vergessen in Hamburg

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Helga Obens : die gelernte Buchhändlerin setzt im Grindelviertel Akzente gegen das Vergessen der Nazizeit Foto: Hanke

Seit 30 Jahren engagiert sich die 69-Jährige am Grindelhof

Hamburg. „Ich bin es gewohnt, anzupacken. Darin bin ich Weltmeister“, sagt Helga Obens über sich. Die 69-jährige kommt aus Bardowick bei Lüneburg, vom Lande. „Da muss man anpacken“, erläutert Helga Obens. Seit fast 30 Jahren packt sie am Grindel an. Helga Obens ist Mitglied der Initiative Grindelhof, die sich erst für die Verkehrsberuhigung der Straße einsetzte, sich aber nun seit vielen Jahren auch für die Bewahrung der jüdischen Vergangenheit des Viertels und seiner Stätten stark macht.
Die Initiative kümmert sich um die Säuberung von Stolpersteinen und des Joseph-Carlebach-Platzes, auf dem bis 1939 Hamburgs größte Synagoge stand. Helga Obens geht vorneweg. Sie organisiert die Mahnwache am 9. November auf dem Platz, in der an die Reichspogromnacht am 9. November 1938 erinnert wird.
Sie kümmert sich auch um die Lesung zur Erinnerung an die Bücherverbrennung vom
10. Mai 1933 auf dem Platz am Kaiser-Friedrich-Ufer, an dem die Nazis damals in Hamburg die Bücher ihnen unliebsamer Autorinnen und Autoren verbrannten. Sie ist Mitglied der Stiftung Auschwitz-Komitee, das seit 2010 den Hans-Frankenthal-Preis an Gruppen, Institutionen oder Einzelpersonen vergibt, die sich durch Aufklärungs- und Bildungsarbeit gegen das Vergessen der NS-Vergangenheit und gegen nationalsozialistische und neofaschistische Bestrebungen ausgezeichnet haben. Kürzlich wurde dieser Preis im Lichthof der Staats- und Universitätsbibliothek wieder an drei Gruppen vergeben.

Helga Obens war bei der Preisverleihung, begrüßte die Preisträger, die Laudatoren und Vorstandsmitglieder der Stiftung und viele alte Bekannte, die ihren Lebensweg geprägt haben. Wie Peggy Parnass, Steffi Wittenberg oder Antje Kosemund, Frauen, die Opfer des Nationalsozialismus wurden, das Dritte Reich überlebten, und seit vielen Jahren über die Nazi-Vergangenheit aufklären.
Eine junge Frau, die den Nazi-Terror nicht überlebte, stand am Anfang von Helga Obens Einsatz für die NS-Vergangenheitsbewältigung: Anne Frank. Ihr berühmtes Tagebuch las Helga Obens mit zwölf Jahren. Sie war eine Leseratte. „Auf dem Nachhauseweg von der Schule habe ich mir immer ein Buch geholt. Erst kamen die Indianer, dann Anne Frank“, erzählt die Bardowickerin. Nach der Lektüre des Tagebuchs war nichts mehr wie vorher. „Ich habe meine Mutter angeschrien: Warum habt ihr zugeguckt? Da kam die ganze Erschütterung raus“, erzählt die Grindel-Aktivistin.
Helga Obens wurde Buchhändlerin, zog nach Hamburg, arbeitete im Buchhandel, studierte an der Hochschule für Wirtschaft und Politik (HWP) und war anschließend für das Hamburger Abendblatt tätig. Auf diesen Lebensstationen lernte sie in den 1970er und 1980er Jahren viele Gleichgesinnte kennen, die über die NS-Vergangenheit aufklärten und sich für die Anerkennung von Opfern einsetzten. Darunter viele, die selbst in Konzentrationslagern inhaftiert waren oder vertrieben wurden- beispielsweise Esther Bejarano, die im Mädchenorchester von Auschwitz spielte, oder Miriam Gilles-Carlebach, eine der Töchter von Hamburgs letztem Oberrabiner Joseph Carlebach. Für sie hat die Initiative Grindelhof eine Bank auf dem Platz der Jüdischen Deportierten vor dem Logenhaus an der Moorweidenstraße aufgestellt. „Und für Miriams Mutter“, erzählt Helga Obens. Weil die Frau des Oberrabbiners sich in der NS-Zeit nicht auf eine Bank setzen durfte. Diese Gesten für die Vertriebenen sind Helga Obens wichtig.

Stolpersteine leuchten zur Mahnung

Auch der immense Kulturverlust durch die Ermordung und Vertreibung der Juden ist für sie ein Thema. Deshalb war der Dichter Erich Fried ein großes Vorbild für sie. „Der Zorn auf das Unrecht reicht nicht“, schrieb Fried Eine Devise für Helga Obens, die, nun offiziell im Ruhestand, nicht tatenlos bleibt. Sie organisiert zum Beispiel die Mahnwache am 9. November. Von 15.30 bis 17 Uhr werden acht Redner auf dem Joseph-Carlebach-Platz zum 76. Jahrestages der Reichspogromnacht lesen und sprechen. Ab 16.30 Uhr leuchten die Stolpersteine des Viertels. (ch)
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