In „tiefste Winkel“ blicken

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Maria Mädge arbeitete 25 Jahre ehrenamtlich als Seelsorgerin Foto: Gehm

Als Telefonseelsorgerin sprach Maria Mägde Trost und Ermunterung zu

Von Dagmar Gehm
Hamburg
Partnerprobleme, Mobbing, Arbeitslosigkeit, Trauer, Einsamkeit. Und niemand, mit dem man darüber sprechen kann, der einfach mal zuhört und dem Betroffenen seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt. Eine, die am anderen Ende der Telefonleitung zuhörte, ist Maria Mädge. 25 Jahre lang war sie Telefonseelsorgerin bei der evangelischen Diakonie – ehrenamtlich. Nichts Menschliches ist ihr mehr fremd, nie hat es ihr die Sprache verschlagen. Neulich, im Talk bei „Knut Terjung trifft…“ in der Nikolai-Kirche am Klosterstern hat die anonyme Stimme endlich ein Gesicht bekommen. Fortsetzung des Gesprächs in ihrem Reihenhaus voller Blumen und Engel in Othmarschen. 1980 kam Maria Mädge von Hessen der Liebe wegen nach Hamburg. Hinter ihr lagen eine Scheidung und 20 Jahre Tätigkeit als Radiologie-Assistentin. An der Uni hörte sie Vorlesungen in Psychologie. „Als Katholikin wollte ich in Hamburg die Ökumene kennenlernen und leben.“ Durch ein Seminar in St. Jacobi über „Carl Rogers Gesprächsführung“ öffnete sich die Tür zur Telefonseelsorge. Schon als Röntgenassistentin schaute sie ins Innere eines Menschen, nun also mit Hilfe der Psychologie in die Tiefe der menschlichen Seele.

Weiterbildung zur Familientherapeutin

„Durch viele Fenster in andere Lebensentwürfe, -geschichten und Schicksale zu sehen, empfand ich immer als Bereicherung und ließ mich auch kleinlaut werden im Schmerz um den Tod meines zweiten Mannes.“ Dass sie sich nebenbei zur Familientherapeutin und Trauerbegleiterin ausbilden ließ, half ihr bei den Telefongesprächen: „Viele Anrufer waren bereit, mich in ihre tiefsten Winkel schauen zu lassen.“ Obwohl ihre Tätigkeit manchmal anstrengend bis zur Erschöpfung war, empfand sie die Telefonate nie als Belastung.

Nahe am Menschen

Im Gegenteil: „Ich durfte Trost und Ermunterung zusprechen, helfen, neue Wegstrecken aus dem Dilemma zu erkennen. Ein tiefes Urbedürfnis in mir wurde dabei befriedigt – nahe am Menschen zu sein.“ Was bewegt einen Menschen, die Telefonseelsorge anzurufen? „Meist gipfeln lang schwelende Lebensschwierigkeiten in einer aktuellen Krise, die einen dann erst zum Telefonhörer greifen lässt.“ Einmal hat sie wohl auch ein Leben gerettet. Als eine Frau ankündigte: „Ich hänge mich auf.“ Um damit ihrem Freund, der sie finden sollte, eins auszuwischen. „Diese Rache zahlen Sie mit Ihrem Leben“, hat Maria Mädge geantwortet. „Und Ihre Eltern müssen damit leben.“ Dass die Suizid-Gefährdete danach noch ein paarmal anrief, ließ die Beraterin hoffen.

Supervisor hilft Ehrenamtlichen

Wie lange ein Gespräch dauert, entscheidet der Telefonseelsorger. „Es können zehn Minuten sein oder zwei Stunden. Meistens ist nach einer Dreiviertelstunde alles gesagt, und beide Seiten sind erschöpft. Das Wichtigste ist, die Seele des Anrufers zu erreichen. Zum Beispiel jemandem geduldig zu vermitteln, dass Einsamkeit krank macht, wenn er sich abschottet.“ Mindestens zweimal vier Stunden im Monat und ein Nachtdienst im Vierteljahr waren im Dienstplan vorgesehen. Kann man nach Stunden voller aufwühlender Gespräche einfach so abschalten? „Nach einer Tagesschicht half oft ein Spaziergang an der Elbe“, erinnert sich Maria Mädge. „Im Geist ging ich die Gespräche durch und hinterfragte mich: War ich gut bei der Sache, was hätte ich besser oder anders machen können?“ Ohnehin treffen sich die Telefonseelsorger in einem Tutorium unter Leitung eines Supervisors zweimal im Monat zur Besprechung über Gespräche.

Infos und Ausbildung

90 Ehrenamtliche arbeiten 24-stündlich bei der evangelischen TelefonSeelsorge (Telefon 0800/1110111) und 40 Ehrenamtliche bei der katholischen (Telefon 0800/1110222). Wer sich als Telefonseelsorger bewerben will, meldet sich an, es werden dringend neue Mitarbeiter gesucht! Man durchläuft eine 18-monatige Ausbildung und verpflichtet sich für drei Jahre. Erforderlich sind Empathie, Belastbarkeit und Einfühlungsvermögen. Weitere Infos: Telefonseelsorge
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