Kirchen unter Spardruck

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Kirchenaustritte und alternde Gemeinden bereiten den Kirchen zunehmend Probleme Foto: thinkstock
 
Zufriedenheit bei St. Anschar: Pastor Horst-Dieter Schultz vermietet den Gemeindesaal an die Autofirmen vom Nedderfeld
 
Pastor Ulrich Thomas (St. Martinus) baut auf Vermietungen und Kooperationen

Alster-Gemeinden vorerst gut gerüstet. Synode empfiehlt Verkauf

Von Christian Hanke
Winterhude/Hoheluft Hamburger Kirchen rund um die Alster droht das Aus. Die Synode des Kirchenkreises Hamburg-Ost hat nun die Empfehlung ausgesprochen, innerhalb der nächsten zehn Jahre ein Drittel aller Gebäude aufzugeben.

Damit läutet der Kirchenkreis eine zweite Einsparphase an Gebäuden ein, nachdem zuvor Personal abgebaut wurde. Kirchenaustritte sind der Hauptgrund für die seit Jahren abnehmenden Finanzen der evanglisch-lutherischen Kirchen in Deutschland. Doch jetzt kommt eine neue Entwicklung hinzu: der demographische Wandel. „Den Kirchenmitgliedern, die sterben, stehen viel weniger jüngere gegenüber, die in die Kirche eintreten“, erläutert Remmer Koch, der Sprecher des Kirchenkreises Hamburg-Ost.

Einspar-Potenzial bei Alster-Gemeinden

Der Beschluss der Kirchensynode, der von den Kirchengemeinden mitgetragen wurde – die Synode besteht aus Vertretern der einzelnen Gemeinden – kann allerdings nur eine Empfehlung sein, denn die kirchlichen Grundstücke gehören den einzelnen Gemeinden. Nur sie selbst können über ihren Besitz entscheiden. Kirchengemeinden, die über ausreichend finanzielle Mittel verfügen, zum Beispiel durch großzügige private Unterstützer, brauchen der Synoden-Empfehlung nicht zu folgen. Für alle anderen bedeutet der Beschluss aber eine Warnung: sollten Gebäude repariert oder saniert werden müssen, steht künftig womöglich nicht mehr genügend Geld aus dem kirchlichen Haushalt zur Verfügung. Daher der Rat: Trennt euch lieber rechtzeitig von diesem oder jenem Gebäude oder verkleinert es, bevor eine Sanierung nicht mehr bezahlt werden kann. Und denkt auch über den Zusammenschluss von Gemeinden und die Aufgabe einer Kirche nach.
Kirchenkenner sehen die Alsterbund-Gemeinden, vier Kirchengemeinden aus Eppendorf, Winerhude, Groß Borstel und Alsterdorf, die seit zehn Jahren sehr erfolgreich zusammenarbeiten und Schwerpunkte gebildet haben, als besonders gefährdet an. Weil St. Martinus-Eppendorf,
St. Peter-Groß Borstel, Paul-Gerhardt-Winterhude und Martin-Luther-Alsterdorf bereits so eng miteinander vernetzt sind, und jede dieser Kirchengemeinden sich auf ein Feld der kirchlichen Arbeit spezialisiert hat, dürften richtige Zusammenschlüsse nicht mehr so schwer fallen, so die Logik. Ein akutes Problem für seine Gemeinde sieht auch Pastor Felix Moser von der Winterhuder Paul-Gerhardt-Gemeinde nicht: „Wir leben hier gut. Es mangelt nicht an den nötigen finanziellen Mitteln. Kürzlich hat sich ein Förderverein für unsere Gemeinde gegründet.“

„Wir leben hier gut. Es mangelt nicht an den nötigen finanziellen Mitteln. Kürzlich hat sich ein Förderverein für unsere Gemeinde gegründet.“ Pastor Felix Moser,
Paul-Gerhardt-Gemeinde


Doch die Entwicklung einer engen Zusammenarbeit scheiterte erst kürzlich. Bis November haben die vier Gemeinden nun Zeit, ein gemeinsames Konzept zu entwickeln. Es gibt aber auch optimistische Stimmen, die die Geimeinden trotz Mitgliederschwund gut gerüstet sehen. Aufgrund der relativ wohlhabenden Stadtteile, die sie betreuen, sind die finanziellen Ausstattungen nicht die schlechtesten. So mangelt es nicht an finanzstarken Unterstützern, an Vermietungen der Gebäude und an Kooperationen. Die Eppendorfer St. Martinusgemeinde ist zum Beispiel eine ökumenische Partnerschaft mit der Äthiopischen orthodoxen Gemeinde Hamburg eingegangen, die Gottesdienste in der Kirche abhalten und ein Büro in den Gemeinderäumen eingerichtet haben. Seit langem sind einige Räume des Gemeindehauses an die SPD-Fraktion in Hamburg-Nord vermietet.

Von Teilen des Gemeindehauses und einem Pastorat will sich die Gemeinde trennen und ist den Empfehlungen der Synode somit bereits gefolgt. Eine Nutzung für Flüchtlinge durch das Bezirksamt ist nicht ausgeschlossen. „Das stände uns gut zu Gesicht“, findet Pastor Ulrich Thomas. Da die Kirche 2012 grundsaniert wurde, schaut die Gemeinde gelassen in die nächsten Jahre, zumal die Martinuskirche die kleinste der vier Alsterbundkirchen ist.

Viel erneuert wurde in den letzten Jahren auch bei St. Peter in Groß Borstel. Zwei Häuser, in denen sich die Gemeinderäume befanden, wurden verkauft, ein neues kleines Gemeindehaus gebaut und der historische Högersaal für Veranstaltungen wurde saniert. Dabei machte die Gemeinde einen kleinen Gewinn. Jetzt muss nur noch die Heizung in der Kirche erneuert werden. 75.000 Euro haben die Gemeindeglieder dafür schon gespendet. „Groß Borstel ist eben ein Dorf. Die Bezogenheit auf die Gemeinde ist hier besonders“, erzählt Pastor Jens Uwe Jürgensen.

Schließlich haben die Alsterbund-Gemeinde gemeinsame Finanzen für regionale und Sachkosten. Man hilft sich gegenseitig, auch wenn ein gemeinsames Konzept zur Gebäudereduzierung nicht zustande gekommen ist. Wie Gemeinden auch ohne Bündnis mit anderen vorausschauend die Zukunft sichern, zeigen die Beispiele St. Anschar/Eppendorf, St. Markus/Hoheluft und St. Gertrud/Uhlenhorst. Die St. Anschargemeinde, die zuletzt um ihre Existenz kämpfen musste, hat sich durch viele Vermietungen und multireligiöse Gottesdienste saniert. Die Betriebe der nahen Automeile am Nedderfeld halten im Gemeindehaus ihre Betriebsversammlungen ab.
„Wir sind sehr begehrt und haben daher keine Angst um die Zukunft“, berichtet Pastor Horst-Dieter Schultz. Außerdem hat die liberale jüdische Gemeinde bei St. Anschar eine Blebe gefunden. Die St. Markusgemeinde hat ihr sehr großes Gemeindehaus abgerissen und stattdessen ein Wohnhaus mit 25 Wohnungen kreditfinanziert gebaut, in dessen Erdgeschoss die Gemeinderäume eingezogen sind. Die Mieten in guter Wohnlage werden die Gemeinde langfristig gut finanzieren, auch wenn in den nächsten Jahren noch der Kredit abgetragen werden muss. „Der alte Kirchenvorstand hat sich mit dieser Entscheidung unsterbliche Verdienste erworben“, lobt Pastor Martin Dülge.

Mit dem Verkauf eines Gemeindezentrums hat die St. Gertrudgemeinde schon vor Jahren Rücklagen für die Zukunft geschaffen. Die denkmalgeschützte Gertrudkriche wurde in den letzten Jahren aufwändig grundsaniert und modernisiert. Aber die weitere Zukunft bleibt unsicher. „Spätere Generationen müssen immer wieder die Mittel erwirtschaften, um unsere denkmalgeschützten Gebäude zu unterhalten“, warnt Pastor Frie Bräsen vor gemütlichem Zurücklehnen. Das sehen auch viele seiner Kollegen so. „Wir entscheiden jetzt über etwas, das in einigen Jahren passieren wird. Vielleicht ändert sich die Situation.

Die Gebäude sind dann weg“, gibt Felix Moser zu bedenken. „Der Weg ist mit Risiken verbunden“, findet auch Kollege Ulrich Thomas. Außerdem sind Gebäude nicht einfach nur Materie. „Das Vertraute wird in Frage gestellt“, sieht Thomas ein Problem für die Gemeinde. Und es können sich weitere Wege ergeben, wenn das eine oder andere Gebäude nicht mehr ist, insbesondere für die älteren Menschen, deren Anzahl in den Gemeinden wächst. Remmer Koch hält das nicht für ein Problem: „Senioren sind aktiver geworden. Fahrdienste können helfen.“

Ulrich Thomas sieht aber jenseits der Wirtschaftlichkeit Probleme. „Gefühle spielen eine große Rolle. Viele fühlen sich bedroht“, sieht er die Botschaft des Kirchenkreises kritisch. Martin Dülge stimmt zu: „Vor allem ältere Menschen hängen an ihrer Kirche“ und empfiehlt: „Die Gemeinden sollten eine Gebeäudereduzierung nicht als Belastung sondern als Chance sehen.“
Da hilft vielleicht ein Blick nach Westen. Wo Gemeinden Flächen nicht finanzieren können, greift der Kirchenkreis oft ein, erwirbt sie und verpachtet sie weiter. Dadurch wurde noch keine Kirchengemeinde aufgegeben.
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