Klare Strukturen und Regeln

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Luise Schröder leitet das Männerwohnheim in Groß Borstel seit acht Jahren Foto: Hanke

125 Jahre Heilsarmee in Hamburg. Kapitänin Luise Schröder lädt zum Fest

Groß Borstel Eine Armee feiert Jubiläum. Die Heilsarmee Hamburg wird 125 Jahre alt. Doppelter Grund zur Freude: das Jakob-Junker-Haus, das Hamburger Männerwohnheim der Heilsarmee in Groß Borstel, besteht seit 111 Jahren. Mit Feierlichkeiten an drei Heilsarmee-Standorten in Hamburg wird das 125. Jubiläum am kommenden Wochenende begangen. In Groß Borstel wird am Freitag, 29. Mai, ab 11 Uhr ein Hoffest gefeiert. Sozialsenator Detlef Scheele wird erwartet. Die Borsteler Einrichtung kann besichtigt werden. Es gibt Suppe, Kaffee, Kuchen und Kaltgetränke. Ganz Groß Borstel ist herzlich eingeladen.
Das heutige Jakob-Junker-Haus an der Borsteler Chaussee 23 wurde zwar erst 1977 errichtet, doch die Geschichte der Heilsarmee in Groß Borstel begann bereits 1904. Damals entstand hier das erste Hamburger Männerwohnheim der Heilsarmee. Der wohlhabende Kaufmann und Bergwerksdirektor Jakob Junker schenkte der Kampftruppe für die Menschlichkeit ein Grundstück mit zwei alten Häusern, in denen 81 obdachlose Männer in Schlafsälen untergebracht werden konnten. Sechs Jahre später wurde ein größeres Haus gebaut. Heute haben alle Bewohner Einzelzimmer.

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ilitärisches Vorbild


Die Heilsarmee war 1887 von dem britischen Prediger William Booth (1829-1912) als Fortführung einer Mission in berüchtigten Ostlondoner Stadtteilen gegründet worden. Weil eine straffe Organisation zur Bekämpfung des sozialen Elends als notwendig erachtet wurde, strukturierte Booth seine Mission nach militärischem Vorbild, gründete die Heilsarmee mit Soldaten (Mitglieder), Offizieren (hauptamtliche Mitarbeiter) und einem General an der Spitze (Booth).
Die Gemeindeniederlassungen nannte man Korps. Es wurden Uniformen und eine Fahne entworfen. „Ihren Auftrag sieht die Heilsarmee darin, das Evangelium von Jesus Christus zu predigen und menschlicher Not ohne Ansehen der Person zu begegnen“, so deren offizielle Verlautbarung. Mit dieser auch heute noch gültigen Botschaft leitet Luise Schröder seit acht Jahren das Jakob-Junker-Haus. „Wir versorgen die Obdachlosen nicht nur mit Unterkunft und Verpflegung. Wir sehen sie als Menschen. Wir kümmern uns um jeden einzelnen. Dabei sehen wir auf Körper, Geist und Seele“, erzählt Luise Schröder. 22 Mitarbeiter kümmern sich um die bis zu 76 obdachlosen Männer im Jakob-Junker-Haus. „Wir versuchen die Bewohner in ihrem Lebenskampf positiv zu unterstützen“, erläutert die Leiterin, die aber von den Klienten auch die Bereitschaft erwartet, ihre missliche Situation verändern zu wollen. Das beinhaltet auch der Auftrag, den die Heilsarmee von der federführenden Sozialbehörde bekommen hat. Wer sich komplett verweigert, Hilfen nicht annimmt, muss das Jakob-Junker-Haus verlassen. „Do geht überhaupt nix“, stellt Luise Schröder im schönsten Österreichisch klar. Die Leiterin weiß, dass Mitleid allein nicht weiterhilft. Sie sieht ihren Auftrag auch darin, ihren gescheiterten und gestrandeten Bewohnern Strukturen und Regeln zu vermitteln. Damit sind sie und ihr Team mitunter auch erfolgreich. Im vergangenen Jahr konnten 17 Bewohner in eine eigene Wohnung einziehen. Nur fünf mussten das Jakob-Junker-Haus wieder verlassen. Bei der Wohnungsvermittlung helfen die Mitarbeiter, zumeist Sozialpädagogen, tatkräftig mit. Sie begleiten die Bewohner, wenn gewünscht, auch zu einer Wohnungsbesichtigung, setzen sich bei Vermietern für die Bewohner ein. Derzeit ist das Jakob-Junker-Haus voll belegt. Es gibt sogar eine Warteliste. „Vier bis fünf Wochen Wartezeit sind derzeit die Regel“, berichtet Luise Schröder. Die durchschnittliche Verweildauer im Haus liegt bei zwei bis drei Jahren. Die Leiterin befürchtet aber, dass sich die Situation nicht verbessert. Wegen der immer größeren Kontingente an Flüchtlingen wird der Platz für Obdachlose immer knapper.
Und noch etwas bereitet Luise Schröder Sorgen: Die immer häufiger auftretende Einsamkeit, auch bedingt durch Internet und neue Medien. Ihr bitteres Fazit: „Wir verlernen miteinander zu reden und umzugehen.“ (ch)
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