Kruizenga schließt - die Chefin weint

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Chefin Christine Kruizenga (r.) und ihre langjährige Mitarbeiterin Mercedes Finger: Die Mitarbeiterin hat wieder einen Job Fotos: Hanke
 
Stammkunde Michael Schliemann bedauert die Schließung von Kruizenga sehr: „Hier trifft man so nette Leute.“

Dem Traditionsgeschäft für Delikatessen fehlt Laufkundschaft fürs Überleben. Ende Oktober ist Schluss

Von Christian Hanke
Hamburg. Einer der renommiertesten Lebensmittelgeschäfte Hamburgs, Kruizenga in der Maria-Louisen-Straße, wird Ende Oktober schließen. Das hochwertige Vollsortiment mit 23 Beschäftigten rechnet sich nicht mehr. „Wir haben uns hingesetzt und mit Experten Planspiele gemacht. Aber wir kamen unterm Strich nur zu dem Ergebnis, das Geschäft vernünftig abzuwickeln“, erzählt Christine Kruizenga, die mit ihrem Mann Geert-Jans, dem Enkel des Firmengründers, das Delikatessengeschäft führt. Wie viele Stammkunden ist Rita Blank-Lübbe immer noch fassungslos: „Das ist so schade. Meine Großeltern und meine Eltern haben hier schon gekauft. Hier gibt es Spezialitäten, die man woanders nicht bekommt.“ Und was machen die Kruizengas, denen das Haus an der Maria-Louisen-Straße gehört, nach dem 31. Oktober? „Daran haben wir noch keinen Gedanken verschwendet. Wir wollen das Geschäft erst einmal in Ruhe abwickeln“, berichtet Christine Kruizenga, die sich gefasst gibt: „Wir jammern nicht. So ist es eben.“, aber doch traurig ist: „Letzten Sonntag habe ich alle halbe Stunde geweint.“
Auch Michael Schliemann kann es nicht glauben. „Das macht so viel Spaß hier zu kaufen. Man trifft so viele nette Menschen. Es ist richtig traurig“, sagt der Stammkunde. Christine Kruizenga und das Verkaufspersonal kennen die meisten Kunden mit Namen. Viele kaufen nur bei ganz bestimmten Angestellten.
Bei Kruizenga wird nicht nur verkauft. Hier bestehen langjährige persönliche Bindungen. Von Stammkunden lebte das Geschäft, aber es sind nicht mehr genug. Es fehlt die Laufkundschaft, und die ist immer wichtiger geworden. An einem Nachmittag mitten in der Woche ist der Laden leer.
Noch bis zur Jahrtausendwende hat´s mit den Stammkunden funktioniert. „Früher haben die Kunden bei uns bestellt. Das wurde dann abgeholt. Die wohnten in den Villen um uns herum. Das sind nicht so viele Menschen. Deshalb ist das hier keine Einkaufsmeile“, erzählt Christine Kruizenga.
In den vergangenen zehn Jahren ging der Verkauf zurück. „Die Menschen sind mobiler geworden. Sie kaufen mal hier und mal dort. Der Wettbewerb wurde härter“, sieht Christine Kruizenga Gründe für den Niedergang. Früher trafen sich bei Kruizenga auch Prominente in einer kleinen Bar hinten im Laden. Romy Schneider war hier und viele andere von Funk, Film und Fernsehen. Unternehmen bestellten Präsentkörbe und vor Weihnachten war bei Kruizenga „der Teufel los“.
„An allen Adventssonntagen haben wir voll durchgearbeitet“, erzählt Mercedes Finger, seit 36 Jahren bei Kruizenga. „Wäre viermal im Jahr Weihnachten, hätten wir kein Problem gehabt zu überleben“, flachst Christine Kruizenga. Noch in den 1990-er Jahren waren in dem Delikatessengeschäft etwa 60 Mitarbeiter beschäftigt.

Erfahrene Kräfte

„Es hat richtig Spaß gemacht“, erzählt Mercedes Finger, die bereits einen neuen Job in einem ähnlichen Lebensmittelgeschäft in Blankenese hat. Um die Zukunft ihrer Angestellten braucht sich Christine Kruizenga keine Sorgen zu machen. Die erfahrenen Fachkräfte, die im Schnitt etwa 25 Jahre hier beschäftigt sind, werden mit Kusshand genommen. (wb)
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