Künstler, Kaufmann, Kosmopolit

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Künstler Anaisio Guedes eröffnete im Juni eine „mobile“ Kunstgalerie Foto: tal
 
Neben eigenen Werken stellt Guedes auchFiguren von Romero Britto aus Foto: tal

Wie ein Brasilianer den Hamburger Kunstmarkt aufmischt

Eppendorf Liebevoll hängt Anaisio Guedes jeden Morgen die Bilder in seiner Galerie auf, putzt den Staub von den bunten Skulpturen, die er auf die gerade aufgebauten Sockel stellt und bringt alles in Position. Zweimal die Woche (immer donnerstags und samstags) baut der 39-Jährige seine mobile Pop-Up-Galerie in einem Einkaufszentrum in Eppendorf auf. Jeweils drei Stunden morgens und abends ist er damit beschäftigt. Vier Kilogramm hat er so seit der Eröffnung der mobilen Galerie schon abgenommen, für die er extra seinen Job im internationalen Vertrieb eines Konzerns aufgegeben hat. Dennoch, die Freude an seiner Arbeit steht ihm ins Gesicht geschrieben.

„Ich wollte raus aus dem klassischen Büroalltag. Hier kann ich meiner Liebe zur Kunst freien Lauf lassen.“ Anaisio Guedes

„Ich wollte raus aus dem klassischen Büroalltag und hier kann ich meiner Liebe zur Kunst freien Lauf lassen“, erklärt der studierte Betriebswirt. Dass er einmal hier stehen würde, hätte Guedes nie für möglich gehalten. Aufgewachsen in Sao Paulo, einer der größten Städte Brasiliens, entschließt er sich mit 19 das Land zu verlassen und nach Europa zu gehen.
„Ich hatte einfach Fernweh! Dass das alles nicht so klappen könnte, wie ich es mir vorgestellt hatte, kam mir damals gar nicht in den Sinn“, erklärt er. So landet Anaisio Guedes in Brüssel – ohne Geld, ohne Sprachkenntnisse. Doch durch Zufall lernt er beim Geldwechseln einen anderen Brasilianer kennen. Dieser nimmt ihn mit in ein Hostel, wo er bereits nach zwei Tagen einen Job als Barkeeper findet. Dabei sollte die belgische Hauptstadt nur ein Zwischenstopp sein. „Mein Traum war es immer, nach Paris zu gehen – zumindest als ich noch in Brasilien gelebt habe. Doch Brüssel hat mein Herz erobert.“ Nach einem halben Jahr spricht er Französisch und Englisch fließend, lernt durch seinen Job die unterschiedlichsten Menschen kennen. Sie helfen ihm und öffnen seine Augen für die Kunst. Galerien, Museen, Kunst-Sessions und Vernissagen gehören von nun an zum Alltag des 39-Jährigen. Er beginnt selbst zu malen. Großes Vorbild: Picasso.

Für die Liebe nach Hamburg


Dann lernt Guedes eine Hamburgerin in Brüssel kennen. Herzklopfen. Liebe. Nach sechs Monaten stellt sie ihn vor die Wahl: Entweder er begleitet sie in die Hansestadt, oder die Beziehung ist beendet. Der Brasilianer entscheidet sich für die Liebe und somit für Hamburg.
Hier beginnt er zunächst in einer brasilianischen Bar zu arbeiten, doch schnell wird ihm klar: Das ist ihm nicht genug. „Ich wollte mich weiterentwickeln“, erklärt er. Er jobbt am Flughafen in einem der Duty-Free-Shops, fängt dann bei dem Herrenausstatter Ansons an und macht seine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann. Nach erfolgreichem Abschluss entscheidet er sichfür einen weiteren Ausbildungsplatz im Außenhandel und studiert nach diesem Abschluss neben seiner Berufstätigkeit weitere fünf Jahre bis er seinen Bachelor of Business Administration erreicht hat. Und all dies, obwohl er zu diesem Zeitpunkt bereits 30 Jahre alt ist. Unterdessen zerbricht seine Liebe, doch die zu Hamburg bleibt.

Aus dem Export auf den Kunstmarkt


Es folgen Stationen in Exportfirmen, bei denen er sein kaufmännisches Geschick und seine Kenntnisse in inzwischen fünf Fremdsprachen einsetzen kann. Doch wirklich glücklich war Guedes hier nie. Zwischenzeitlich lernt er seine heutige Frau kennen, das Paar bekommt ein Kind und zieht nach Groß Borstel.
Die Malerei nimmt als Ausgleich mittlerweile einen hohen Stellenwert ein, der Traum, eine Galerie zu eröffnen, manifestiert sich. 2014 entdeckt er die Räumlichkeiten im Einkaufszentrum in der Eppendorfer Landstraße 77 und entwickelt die Idee einer mobilen Galerie. Der Eigentümer ist begeistert. So eröffnet der 39-Jährige im Juni 2015 „Arte AG“, wo er von nun an Kunstwerke von Künstlern wie Romero Britto oder Anders Nyborg und seine eigenen Werke präsentiert.
Dabei achtet er immer darauf, dass er für jeden etwas dabei hat. „Wir verkaufen nicht nur Unikate, sondern auch Serien und limitierte Auflagen, so ist die Kunst für jeden erschwinglich“, erklärt er. Es läuft also alles nach Plan für den Künstler. Doch ausruhen will Anaisio Guedes sich nicht. „Ich träume von einem Kunstkaufhaus, in dem man wie ins Alsterhaus gehen und dann Kunst kaufen kann“, erzählt er, lächelt und hängt das letzte Bild für diesen Morgen an die Wand. Ein Gemälde von Anders Nyborg. (tal)
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