KZ-Überlebende beobachten Rechtsruck

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Esther Bejarano (l.) und Erna de Vries, zwei Überlebende von Auschwitz, trafen sich kürzlich im Jüdischen Salon am Grindelhof wieder Foto: Hanke

Zwei Frauen, die Auschwitz überlebt haben, klären seit Jahrzehnten unermüdlich auf und sind besorgt

Von Christian Hanke
Rotherbaum
„In welcher Halle warst du?“, fragt die kleine Frau mit den wachen Augen. „Ich war in Halle 5“, antwortet die elegant gekleidete Dame neben ihr. „Halle 4“, entgegnet die Fragestellerin. Es ist Esther Bejarano, 91-jährige Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz und einstiges Mitglied des dortigen Mädchenorchesters, die seit vielen Jahren unermüdlich insbesondere an Schulen über die Verbrechen der Nationalsozialisten aufklärt. Auch Erna de Vries, die elegante Dame, 93 Jahre alt, hat Auschwitz überlebt und berichtet unermüdlich über ihre Erlebnisse in der Nazizeit. Beide Frauen wurden für diese Aufklärungsarbeit unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Die Hallen, über die sie sich unterhalten, standen im KZ Ravensbrück. Dorthin wurden beide am 16. September 1943 aus Auschwitz deportiert, um in der Rüstungsproduktion zu arbeiten, weil sie in der Nazidefinition „Mischlinge“ waren, nichtjüdische direkte Verwandte hatten. Ihre Rettung. Im Jüdischen Salon des Cafes Leonar im ehemals jüdisch geprägten Grindelviertel trafen die beiden kürzlich wieder zusammen. Es war ein herzliches Wiedersehen. „Erna hat mich mit ihrem Kopftuch vor Regen und Schmutz geschützt“, erzählt Esther Bajarano. Erna de Vries hatte in Ravensbrück aus der Lappenkiste des Siemens-Betriebes ein dreieckiges dunkelblaues Tuch, 1,38 Meter mal 62 Zentimeter, hergestellt, auf das sie die Vornamen vieler Mithäftlinge zunächst geschrieben und dann eingestickt hatte, um diese Menschen nicht zu vergessen. Es befindet sich heute in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. Esther konnte auf einem Todesmarsch nach Auflösung des KZ Ravensbrück fliehen. Erna wurde auf einem Todesmarsch von alliierten Truppen befreit. Wach und geistig frisch sind die beiden, voll Elan und Entschlossenheit, um jedem Gedanken aus der Nähe des Nationalsozialismus entgegenzuwirken. Erna de Vries hat gerade im Detmolder Prozess gegen einen 94-jährigen SS-Mann, der in Auschwitz beschäftigt war, als Nebenklägerin ausgesagt. „Wir leben in einer furchtbaren Zeit. Der Rechtsruck ist unheimlich groß. Man kann nicht mehr sagen: Wehret den Anfängen. Wir sind schon wieder mittendrin. Die Brandstifter sind unter uns“, findet Esther Bejarano und versprach: „Ich werde so lange sprechen, bis es keinen Nazi mehr gibt.“ Und die wachen Augen blitzen wieder. Die Arbeit lohnt sich: Eine Diskussionsveranstaltung mit den beiden Damen am nächsten Tag wird von 550 Menschen besucht, darunter sehr viele jüngere.
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