„Mon Marthe“ hilft ihrem Dorf

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Marthe Friedrichs schreibt auf, was ihr nicht gefällt. Sie ist in Eppendorf durch ihr klares Bekenntnis zur Hilfsbereitschaft bekannt Foto: flü

Marthe Friedrichs engagiert sich in Eppendorf für Nachbarn und Hilfesuchende – und bloggt

Eppendorf In Eppendorf ist Marthe Friedrichs bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund. Das liegt nicht nur daran, dass sie jahrelang das legendäre Eppendorfer Kabarett „Mon Marthe“ geführt hat. Vor allem für ihr Engagement im Stadtteil ist sie angesehen. „Mir macht es zu schaffen, dass das Haben so sehr in den Vordergrund rückt. Ich weiß, wer ich bin und ich muss nichts haben“, sagt Marthe Friedrichs, der die Entwicklung in Hamburg und insbesondere in Eppendorf gar nicht gefällt. Marthe Friedrichs wurde 1946 als Tochter eines Redakteurs geboren, wuchs in der Geschwister-Scholl-Straße auf und verbrachte ihr ganzes Leben in Eppendorf. Sie ist nicht nur eine kritische Zeitzeugin des Stadtteils, sondern hat diesen auch mitgeprägt. Von 1974 bis 2001 betrieb sie die Kleinkunstbühne an der Tarpenbekstraße / Ecke Lokstedter, die 1984 als Kabarett unter dem Namen „Mon Marthe“ deutschlandweit bekannt wurde. Hier machten unter anderen Mario Barth, Thomas Hermanns und Dieter Nuhr ihre ersten humoristischen Gehversuche. Die ehemalige Buchhalterin Friedrichs führte die nicht-subventionierte Bühne mit allem, was dazu gehört und gründete außerdem einen Förderverein für Kleinstbühnen.

Kritik wird gebloggt


Was in ihrem Stadtteil passiert, gefällt Marthe Friedrichs gar nicht: „Das nimmt hier so eine negative Entwicklung wie in Pöseldorf. Hier wird auch das Leben weichen, wenn die 08/15-Cafés aufmachen und große Ketten kleine Handwerker und Einzelhändler verdrängen. Bauherren schaffen nur noch Handelsgüter, Bewohner werden durch steigende Mieten verdrängt. Es führt zu Ghettoisierung“, befürchtet Friedrichs, die ihre Beobachtungen zum aktuellen politischen Geschehen scharfzüngig in ihrem Internet-Blog aufwww.klar-text.over-blog.com und auf www.wir-sind-eppendorf.de festhält. Friedrichs wehrt sich aber nicht nur mit Worten, sie ist mit konkreter Nachbarschaftshilfe tätig: „Früher war es selbstverständlich, dass Nachbarn sich helfen. Ich hatte eine tolle Familie, die immer sehr hilfsbereit war. Heute müssen das Ehrenamtliche machen. Das System ist krank.“ Bevor eine alte Dame mit geringer Rente Geld für einen Handwerker ausgibt, steigt sie deshalb ohne viel Gedöns selbst auf eine Leiter und bringt eine Jalousie an. Im Nachbarnetz-Café von MartiniErleben bietet sie Lese- und Formulierungshilfe bei schwierigen Schriftstücken und die Begleitung zu Ämtern an. „Mir fiel auf, dass besonders die älteren Frauen, von denen es in Eppendorf viele gibt, nach dem Tod ihrer Männer richtig Probleme hatten. Sie vertrauten sich mir an und ich versorgte sie mit Informationen wie sie Hilfe im Haushalt bekommen, an Grundsicherung kommen oder an eine Stiftswohnung, weil die alte Wohnung von der Rente nicht mehr bezahlt werden kann.“ Es sind nach Friedrichs‘ Erfahrungen aber nicht nur alte Menschen, die Hilfe brauchen: „Auch ein türkischer Gemüsemann hatte seine Probleme mit dem Papierkram. Bei Ärztepfusch gebe ich die Adresse der unabhängigen Patientenberatung weiter. So mancher hätte niemals gedacht, dass er mal arbeitslos wird und dass auch Selbständigen Unterstützung vom Sozialamt zusteht.“ „Marthe kann das“, heißt es deshalb im Stadtteil, wenn es um schwierige Fragen geht.

Hilfe zur Selbsthilfe


Dabei hat die streitbare Eppendorferin bei aller Hilfsbereitschaft auch gelernt, sich abzugrenzen: „Es kommen ganz oft Leute auf mich zu, die glauben ich könnte auch ihre ganzen anderen Probleme, die sie sich durch Ignoranz verdient haben, lösen. Sie erwarten jemanden, der Hellsehen und Wunder vollbringen kann. Da verabschiede ich mich schnell wieder. Mir ist wichtig, dass sich Menschen selber helfen lernen. Es gibt von mir nur Hilfe zur Selbsthilfe, weil sonst gleich wieder das nächste Problem vor der Tür steht.“ Das Sprichwort von der rauen Schale mit dem weichen Kern bewahrheitet sich auch bei Marthe Friedrichs. Denn der entschiedenen Ansage, „nicht zum Dauer-Mülleimer für den Frust der Anderen zu werden“, folgt sogleich ihr klares Bekenntnis zur Hilfsbereitschaft: „Es lohnt sich, weil die Leute meistens sehr dankbar sind und man sieht, wie sich ihr Leben entspannt und sie wieder fröhlich werden!“ (flü)
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