Mühlenkamp wird zur Unfallfalle

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Auf dem Mühlenkamp wird ein Fahrbahnteiler zur Stolperfalle Foto: Schmidt
 
Elisabeth Chopas stürzte beim Überqueren des Mühlenkamps und verletzte sich schwer Foto: Schmidt

Immer mehr Verletzte wegen Fahrbahnteiler

Winterhude Der Schock sitzt noch tief. Das sieht man Elisabeth Chopas an. Hinter einer dicken Schicht Make-up verbirgt die 82-Jährige eine rund drei Zentimeter lange Narbe auf ihrer Stirn. „Die Brille hat sich regelrecht in meine Stirn gebohrt. Ich habe fürchterlich geblutet“, berichtet die Hamburgerin. Im vergangenen Sommer ist die Rentnerin im Stadtteil Winterhude über den umstrittenen Fahrbahnteiler gestürzt, der im Zuge der Baumaßnahmen für die Busbeschleunigung am Mühlenkamp errichtet wurde. An der Ampel Ecke Poelchaukamp wollte sie nur schräg über die Straße gehen – da war es schon passiert: Die Hamburgerin stolperte über den sechs Zentimeter hohen Asphalthügel vor ihren Füßen, fiel aufs Gesicht, brach sich Nase und den kleinen Finger. Dabei wollte sie doch nur kurz zum Bäcker. Das traurige Ergebnis: sechs Wochen Gips und viele Monate starke Schmerzen. „Ich hatte zahlreiche Nachteile durch diesen Unfall.“ Ebenso wie Kaja v. M. aus Winterhude. Sie stürzte an der Ecke Gertigstraße über einen vorverlegten Teil der Insel, verletzte sich drei Schneidezähne und brach sich Ellenbogen und Knie. „Ich musste Schmerzmittel nehmen und bin bis heute auf Hilfe beim Einkaufen angewiesen. Diese Insel ist eine Unverschämtheit“, schimpft sie.
Die traurigen Geschichten der beiden Frauen sind keine Einzelfälle: Vor zwei Wochen hatte die Initiative „Unser Mühlenkamp“ einen Aufruf gestartet und öffentlich nach Passanten gesucht, die Opfer der „Stolperfalle“ geworden waren (das Wochenblatt berichtete). „Die Dramatik ist, dass sich mittlerweile weit über 50 Personen bei uns gemeldet haben. Und es werden immer mehr“, sagt der Vorsitzende der Initiative, Bernd Kroll. Und weiter: „Viele nehmen den Streifen gar nicht wahr, dafür ist er zu schlecht markiert.“
Nicht nur ältere, gebrechliche Menschen, auch junge Mütter mit Kinderwagen sowie Männer und Frauen mittleren Alters seien schon beim Überqueren des hügeligen Trennstreifens gestürzt. „Ein einfacher weißer Streifen in der Mitte der Straße gemäß Straßenverkehrsordnung hätte völlig genügt. Wir als Initiative fordern: Dieser Blödsinn muss sofort weg!“ Der Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer (LSBG) beruft sich indes auf die einjährige Testphase der Maßnahmen am Mühlenkamp. „Es gibt einen klaren Auftrag der Bürgerschaft für unser Vorgehen. Wir halten uns an den ausgehandelten Kompromiss. Deswegen werden wir zunächst das Ergebnis der vereinbarten Testphasen-Evaluation abwarten“, erklärt Richard Lemloh, Pressesprecher des LSBG.

„Insel“ soll gleich weg


„Wir können nicht länger warten. Wie viel soll denn noch passieren“, fragt sich Kroll. Und auch Wera Becker aus Winterhude will den „Stolper-Wahnsinn“ nicht länger hinnehmen. Sie zog sich im vergangenen Juli ebenfalls schwere Verletzungen zu. Als sie auf dem Heimweg mit ihrem Fahrrad an der Kreuzung links in den Poelchaukamp abbiegen wollte, stürzte sie über die Trenninsel. „Ich bin zuvor sogar extra vom Rad gestiegen, weil es so wuselig war. Aber man guckt ja nach den Autos und nicht wie im Tanzkurs nach unten auf die Füße.“ Eine Woche lang war die Ärztin nach ihrem Sturz arbeitsunfähig, quälte sich mit Bandagen an Fuß und Hand und starken Schmerzen durch ihren lang geplanten Urlaub. „Das war kein schöner Urlaub. Ich konnte ja nicht mal schwimmen gehen.“ Nach einer OP fiel sie erneut wochenlang auf der Arbeit aus. „Die Verkehrsführung ist miserabel. Es gibt keinen durchgängigen Radfahrweg und die Straße ist durch die neue Begrenzung viel zu eng. Und dann haben sie diesen Fahrbahnteiler auch noch so klein gemacht, dass man ihn nicht sieht. Ich bin dafür, dass er verschwindet“, resümiert die verärgerte Ärztin.
Fast täglich melden sich auch bei Ralph Larouette vom Restaurant „3 Tageszeiten“ verletzte Passanten. „Die gegenüberliegende Apotheke und die umliegenden Ärzte sind quasi zur Erstaufnahmestation avanciert“, sagt er. Dass die Forderungen für den Rückbau bislang keinen Erfolg haben, ärgert auch ihn. Der Senat werte die Vorfälle nicht als Unfälle, da sie selbstverschuldet seien. Denn viele Passanten würden die Straße nicht an den dafür vorgesehene Übergängen passieren, sondern einfach quer hinüberlaufen. „Aber die Verkehrsregeln verbieten das nicht. Dieses Argument ist realitätsfremd“, erklärt Bernd Kroll. Hinzu käme, dass die Fahrbahntrennung vermehrt zum Stau führe. Sobald ein Fahrzeug an der Seite parkt, ginge gar nichts mehr voran. „Neulich brach hier der ganze Verkehr zusammen, weil die Müllabfuhr in zweiter Reihe stand anstatt in der Haltebucht“, berichtet Kroll.

Stadt haftbar machen


Die Initiative „Unser Mühlenkamp“ nimmt die Erklärung der LSBG nicht so einfach hin. „Wir haben einen Anwalt eingeschaltet. Er prüft alle Rechtsansprüche und ob wir die Stadt haftbar machen können“, so Kroll.
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7 Kommentare
397
Rainer Stelling aus St. Georg | 03.11.2015 | 13:51  
6
Christa Bonné aus Winterhude | 04.11.2015 | 11:05  
26
Horst Holl aus Winterhude | 04.11.2015 | 12:55  
33
Timo Baumann aus Winterhude | 04.11.2015 | 17:58  
15
Mona Schmidt aus Winterhude | 04.11.2015 | 18:55  
59
Klaus Sebaldt aus Barmbek | 04.11.2015 | 22:48  
397
Rainer Stelling aus St. Georg | 05.11.2015 | 09:31  
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