Mutige Aufarbeitung auf der Bühne in Hamburg

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Das Ensemble des Stückes „Der Brief“ vom Theater 36 Foto: Theater 36

„Der Brief“: Behinderte und Nichtbehinderte spielen Stück über NS-Euthanasie

Von Christian Hanke
Hamburg. Erst einmal lockern, warm machen. Die Ensemblemitglieder des Theater 36 strecken und recken sich, machen Lautübungen: Probe auf der Bühne zum Hof im Goldbekhaus. Probe für ein besonderes Stück, das einigen Darstellern viel abverlangt. „Der Brief- Ein Spiel zwischen gestern und Heute“ handelt von einem der vielen Verbrechen der NS-Zeit: der Euthanasie, der so genannten „Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Unter diesem Begriff wurden über 70.000 behinderte und als „asozial“ bezeichnete Menschen von den Nationalsozialisten umgebracht. Ein schwieriges Thema für Theater 36, denn das Ensemble besteht aus behinderten und nicht behinderten Schauspielerinnen und Schauspielern. Eine behinderte Darstellerin wirkt auf eigenen Wunsch wegen des Themas bei dieser Produktion nicht mit. Eine andere behinderte Mitwirkende wurde 1941 geboren, hätte also selbst noch betroffen sein können. Der Vater der ältesten Darstellerin war als Oberarzt der Psychiatrie in die Euthanisieaktionen verstrickt.

Selbstentwickeltes Stück

Die Inszenierung von dem freien Theaterpädagogen und Autoren Jörn Waßmund feierte bereits im vergangenen Jahr zur Woche des Gedenkens an die Befreiung des KZ Auschwitz im Januar 2013 Premiere und wurde jetzt überarbeitet. „Wir wurden damals gefragt, ob wir dieses Thema für die Woche des Gedenkens bearbeiten wollten“, erzählt Ursula Sacha, ein Gründungsmitglied von Theater 36. Es blieb nicht viel Zeit für die Inszenierung. Deshalb nun die Überarbeitung.
Die Grundlage des Stückes, das die Gruppe selbst entwickelt hat, ist ein Brief, auf den Jörn Waßmund bei den Recherchen zum Thema Euthanasie stieß. Der Brief eines behinderten Mädchens, das 1943 von den damaligen „Alsterdorfer Anstalten“ nach Wien deportiert wurde, an eine Krankenschwester in Alsterdorf. Frieda „Fritzi“ Fiebinger, so der Names des Mädchens, schrieb von einem unfreundlichen Empfang in Wien, von Schikane, viel Arbeit und wenig Nahrung. Sie überlebte das Vernichtungsprogramm, starb aber acht Wochen nach der Befreiung an Unterernährung.
Der Brief wurde in die Inszenierung eingearbeitet, die von einer Theatertruppe handelt, die eigentlich das Thema Spielen auf die Bühne bringen will. Als einer von ihnen einen alten Teddy, einen Koffer und eben den Brief von Fritzi auf dem Dachboden findet, beschliesst die Gruppe über das Thema Euthanasie zu spielen. Beachtlich wie die Darstellerinnen und Darsteller im Alter von 22 bis 72 Jahren Behinderte, Betroffene und Nazi-Schergen aus der „dunklen Zeit“ verkörpern. Als „zuverlässig, deutsch, effektiv“ wird die Euthanasie-Zentrale T4 bezeichnet. „Manchmal muss man sich einmischen“, findet eine Betroffene. Kontrovers wird der Bezug der ältesten Darstellerin zur Euthanasie diskutiert, deren Vater mitgemacht hat. Ist auch sie schuldig?

Gemeinsames Hinterfragen

„Die ersten Gespräche in der Gruppe waren sehr spannend. Die haben für die Entwickung des Stückes sehr geholfen“, erzählt Jörn Waßmund über die Anfänge des Projekts. Die Ensemblemitglieder hatten viele Fragen, die die Inszenierung voranbrachten. Theater 36 ist ein gemeinsames Projekt von Leben mit Behinderung und dem Goldbekhaus. „Der Brief“ ist die dritte Produktion nach „Tanz der Sardine“, einem Stück nach einem Gemälde von Goya, und „Romeo und Julia“ in einer eigenen Bearbeitung. Alle, die Lust haben, können mitmachen. Viele, die gar nicht auf die Bühne wollten, als ehrenamtliche Helfer anfingen, sind inzwischen tragende Schauspieler geworden. „Da ist eine große Leidenschaft entstanden. Ich habe einigen gesagt: ihr müsst jetzt mitmachen, auf die Bühne. Die haben sich toll entwickelt“, erzählt Jörn Waßmund. Wer mitmachen möchte, wendet sich an ihn (Telefon 87 88 76 27) oder Petra Amende (Telefon 270 790-519).

„Der Brief“, Sonnabend, 25. Januar, 19 Uhr, und Sonntag, 26. Januar, 18 Uhr, Goldbekhaus, Moorfurthweg 9, Karten: Tel.: 2787020. (ch)
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