Protest gegen Fluglärm

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Ein Flugzeug beim Anflug auf die Alsterdorfer Landebahn 15/33, die in diesem Jahr alleine bis Ende Juli schon fast 7600 mal genutzt wurde Foto: ho/wb
 
Lärmmacher Triebwerk: Besonders nachts leiden Anwohner in Alsterdorf unter den landenden Maschinen Foto: nk/wb

Genervte Anwohner sammeln jetzt Unterschriften

Von Holger Hollmann
Barmbek/Alsterdorf/Winterhude. Die Unterschriftenlisten, die der Barmbeker Benjamin Schubert seit kurzem verteilt, hängen mittlerweile in Geschäften und Kitas aus. Nachbarn und Freunde kopieren sie und reichen sie untereinander weiter: Nach einem Sommer mit deutlich gestiegener Lärmbelastung durch Flugbewegungen auf der Alsterdorfer Start- und Landebahn, wollen die Bürger den Fluglärm nicht länger hinnehmen. Sie befürchten, dass der Flughafen und die Stadt, die mehrheitlich am Flughafen beteiligt ist, durch die Hintertür Tatsachen für die Zukunft schaffen wollen und dauerhaft mehr Flugbewegungen über die Landebahn 15/33 planen.

Tatsächlich hat der Lärm in den vergangenen Jahren zum Teil deutlich zugenommen. Waren es 2008 noch 3171 Starts und Landungen oder 1,9 Prozent der gesamten Flugbewegungen in Hamburg, die die Alsterdorfer über ihrem Stadtteil ertragen mussten, so donnerten in diesem Jahr allein schon zwischen Januar und Ende Juli 7588 Flugzeuge über ihre Köpfe (1259 Starts und 6329 Landungen). Grund in diesem Sommer waren langfristige Bauarbeiten an der zweiten Landebahn des Flughafens. Doch auch von 2011 (4323 Starts und Landungen oder 2,8 Prozent aller Flugbewegungen) auf 2012 (8975 oder 6 Prozent) gab es bereits mehr als eine Verdopplung der Starts und Landungen über Alsterdorf.
Was viele Anwohner besonders ärgert: Waren es früher noch eher die stürmischen Herbst- und Wintertage, an denen über Alsterdorf geflogen wurde (bei bestimmten Windrichtungen und Sturm darf die Flugsicherung die Landebahn freigeben), sind die Flieger in diesem Jahr vor allem an den schönsten Tagen des Jahres im Minutentakt gelandet oder gestartet. Dann sind Unterhaltungen im Freien kaum möglich. Nach heißen Sommertagen mussten die Fenster auch nachts geschlossen bleiben, weil sonst angesichts des Fluglärms ein Schlafen an vielen Orten nicht möglich gewesen wäre.
Besonders Kinder mussten im heißen Juli und August darunter leiden, wenn die Flieger bis deutlich nach 23 Uhr landeten und morgens schon ab kurz nach sechs Uhr wieder über Alsterdorf, Winterhude und Barmbek starteten. Grund für den Lärm-Sommer in Alsterdorf, Winterhude und großen Teilen von Barmbek waren diesmal umfangreiche Bauarbeiten an der zweiten Start- und Landebahn des Flughafens, unter der ein Tunnel für den Bach Tarpenbek entlang führt. Dieser musste repariert werden. Immerhin gab es vom Flughafen jetzt die Bestätigung, dass die bis „voraussichtlich“ Mitte September laufenden Bauarbeiten tatsächlich Mitte des Monats beendet sein sollen. Es werde keine Verzögerungen geben, so ein Sprecher.

Deutlich mehr Flüge

Doch auch die normalen jährlichen Instandhaltungsarbeiten der anderen Landebahn sorgten bereits im vergangenen Jahr für deutlich mehr Lärm-Tage im Frühsommer. „Ich verstehe nicht, weshalb man die Bauarbeiten nicht im Herbst durchführen kann, wenn die Anwohner mehr in ihren Häusern und die Fenster geschlossen sind“, sagt eine Mutter, die im Julia-Cohn-Weg an der Hindenburgstraße direkt unter dem Ende der Einflugschneise wohnt und bei der Unterschriftensammlung mitmachen will.
Wie weit die deutlich gestiegene Zahl an Flugbewegungen über der Bahn 15/33 die Menschen in Hamburg östlich der Alster belastet, zeigt der Ursprungsort des organisierten Protestes. Der liegt in Barmbek. Dort, in der Nähe der Dehnheide lebt Benjamin Schubert, der die Unterschriftensammlung initiiert hat und eine ausnahmslose Begrenzung der Flüge auf maximal 6.000 Starts und Landungen pro Jahr über die Alsterdorfer Bahn fordert, sowie ein rigoroses Flugende um 22 Uhr. Denn der reguläre Flugbetrieb geht heute von 6 bis 23 Uhr, und immer wieder starteten und landeten die Maschinen in diesem Sommer auch noch bis Viertel nach elf oder später. Auch das ist bis Mitternacht noch ohne Ausnahmegenehmigung zulässig, wenn es sich um verspätete Maschinen handelt.

Barmbeker verweist auf Frankfurter Urteil, Airport auf Arbeitsplätze

Für Benjamin Schubert werden hiermit wirtschaftliche Interessen über die Gesundheit der Hamburger gestellt. „Die Stadt könnte als 51-prozentiger Eigentümer des Flughafens sofort festlegen, dass Hamburger ab 22 Uhr wieder zur Ruhe kommen, ohne Ausnahme“, fordert er. In Frankfurt hätten Anwohner gegen Nachtflüge geklagt und vor gut zwei Jahren überraschend vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig einen Sieg errungen. Seitdem ruht der Flugverkehr nachts. Auch in der Alsterdorfer Gartenstadt gibt es bereits Überlegungen, ob juristische Schritte eine Verbesserung herbeiführen könnten. Die Alsterdorfer hatten schon vor wenigen Jahren in Sachen Lärmschutzwand erfolgreich der Deutschen Bahn die Stirn gezeigt, als es um die Ertüchtigung der Güterumgehungsbahn ging.
Der Flughafen hält die Arbeitsplätze gegen eine 22-Uhr-Grenze: „Eine weitere Beschränkung der Betriebszeiten hätte schwerwiegende Folgen für das Flugangebot und die damit verbundenen Arbeitsplätze am Flughafen“, antwortete ein Sprecher des Airport Hamburg auf WochenBlatt-Anfrage. Viele Flugziele im Süden seien dann nicht mehr von Hamburg aus anzufliegen, da man im Vergleich zu München oder Frankfurt eine Stunde länger in den Norden unterwegs sei. „Wenn diese Stunde fehlen würde, wäre die Stationierung von Flugzeugen hier für viele Airlines nicht mehr wirtschaftlich“, so der Sprecher. Und ein hier stationiertes Flugzeug sorge für rund 100 Arbeitsplätze. Unterschriften-Initiator Benjamin Schubert rechnet dagegen mit 25.000 Hamburgern, die unter starkem Fluglärm über Alsterdorf, Winterhude und Barmbek leiden. (ho/wb)
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14 Kommentare
28
Michael Lemke aus Horn | 11.09.2013 | 18:30  
12
Gerrit Moritz aus Barmbek | 11.09.2013 | 19:35  
1.240
Elke Noack aus Rahlstedt | 12.09.2013 | 09:23  
1.240
Elke Noack aus Rahlstedt | 12.09.2013 | 09:27  
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Wille Bürger aus Barmbek | 12.09.2013 | 14:33  
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Philipp Anz aus Rothenburgsort | 18.09.2013 | 21:01  
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Elke Noack aus Rahlstedt | 19.09.2013 | 13:17  
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Philipp Anz aus Rothenburgsort | 19.09.2013 | 15:26  
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Elke Noack aus Rahlstedt | 20.09.2013 | 12:59  
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Philipp Anz aus Rothenburgsort | 20.09.2013 | 13:09  
1.240
Elke Noack aus Rahlstedt | 20.09.2013 | 18:45  
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Klaus Günter Utecht aus Barmbek | 05.09.2015 | 19:17  
71
Philipp Anz aus Rothenburgsort | 05.09.2015 | 19:22  
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Elke Noack aus Rahlstedt | 06.09.2015 | 12:15  
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