Reime auf die Heimat

Anzeige
Hatte die Idee zum klischeefreien Hamburg-Buch: Gestalter Michel Löwenherz mit seinen alten Industrie-Stempeln Foto: flü
 
Drei Hamburger Künstler haben ihren Hamburg-Reiseführer entworfen Repro: flü

Künstler-Trio entwirft Hamburgs ersten klischeefreien Reiseführer

Von Miriam Flüß
Eppendorf
„Alles ist käuflich, doch nicht Atmosphäre / nirgendwo wird sie verpackt. Leichtes verduftet, zurück bleibt das Schwere. Unter den Bögen nur Parkraum und Leere. Rattern der U-Bahn im Takt“, so skizziert Dichter Andreas Greve den Isemarkt in seiner Reim-Reportage. Die Idee zu einem völlig neuem Reiseführer kam Gestalter Michel Löwenherz, als er sich in einer großen Buchhandlung Hamburg-Reiseführer ansah, die nur so vor Klischees trieften. Seine „Hamburger Hoods“, wie er die Stadtteile der Hanseaten nennt, fand er in den Büchern nicht wieder. Stern-Illustrator Til Mette und Andreas Greve, der mit seinem „lyrischen Lastenrad“ viel rum kommt in Hamburg, ließen sich schnell von der Idee der „nicht-verkitschten Bestandsaufnahme“ begeistern. „Drei bekloppte Leute sehen Hamburg“, fasst Michel Löwenherz das Buchprojekt zusammen. „Wir leben gern hier. Aber Liebe braucht nicht blind zu machen.“ Mit sehr liebevollen aber auch sehr scharfen Blicken knöpfen die drei Künstler sich die Stadtteile vor. Neben Eppendorf nehmen sich die Autoren auf 120 Seiten 53 weitere Hamburger Stadtteile vor und aufs Korn. Vom Isemarkt-Reim ist Michel Löwenherz, der in Eppendorf aufgewachsen ist und nun in Rotherbaum lebt und arbeitet, begeistert: „Ich war immer mit meiner Großmutter auf dem Isemarkt, das ist ein Stück Heimat!“ 1962 in der Haynstraße Ecke Eppendorfer Landstraße geboren, wuchs er im „gesellschaftlich noch sehr gemischten Eppendorf“ auf. Musikalisch sozialisiert wurde der studierte Musiker im Onkel Pö und im Kinderchor der Staatsoper, mit dem er als Schüler des Gymnasiums Eppendorf auch mit Placido Domingo auf der Bühne stand. „Das Pö war sehr klein, sehr schmutzig und sehr schwarz. Mitten in Eppendorf spielten Weltstars. Das hat mich völlig weggehauen.“ Heute ist Eppendorf allerdings eine Heimat, auf die er sich nicht mehr so recht einen Reim machen kann. Als Mitte der 1980iger Jahre die Wandlung zum schicken Stadtteil einsetzte, Musik und Kultur mehr und mehr verschwanden, siedelte der Künstler in die Grindelallee um. Andreas Greve reimt dazu: „Weit entrückt den Armutsfalten, Sorgenghettos, Jammerbuchten liegt es stilvoll wohlbehalten. Bleigefasste Mietenspiegel.“ Dass Hamburg es auf 104 Stadtteile bringt war den Künstlern zu Beginn ihrer Recherche allerdings nicht klar: „Da fand sich bald jeder in einer Krise wieder und wir haben alles auf 54 Stadtteile zusammen gedampft“, erzählt Löwenherz lachend. „Wir merkten auch schnell, dass nicht die geographischen Grenzen einen Stadtteil ausmachen sondern die gefühlten. Das Uni-Viertel und Pöseldorf liegen zwar in einem Stadtteil, aber dazwischen liegen Welten.“ Til Mette illustrierte die gereimten Reportagen in dem ihm eigentümlichen Stil zwischen kindlich-naiv und impressionistisch, Löwenherz gestaltete Text und Bild liebevoll mit alten Industriestempeln. Auch viel Neues hat Michel Löwenherz auf seiner Hamburg-Recherche gelernt, so etwa über den Isemarkt, den er seit seiner Kindheit regelmäßig besucht: „Der liegt gar nicht in Eppendorf, das ist Harvestehude!“ Und bestätigt damit wohl die eigene Stadtteil-Theorie: Gefühlt liegt der Markt eben doch in Eppendorf.
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige