Typisch deutsch?

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Hamburg: Freilichtbühne Stadtpark |

Am vorletzten Samstag besuchte ich ein Konzert im Stadtpark und wurde an einen Ausspruch von Peter Ustinov erinnert, der auf die Frage, was ihm zu Deutschland einfällt, antwortete:
„Alles Weitere regelt ein Gesetz“.

Es war voll. Ich habe keine Ahnung, wie viele Besucher in diese schöne Freilichtbühne im Hamburger Stadtpark passen, aber es war voll. Wie einer der acht (!) Eingangs-Steher uns gegenüber schon bemerkte und damit begründete, weshalb die Besucher weder Regenschirme (?) noch Stühle, nein, auch keine minikleinen Klappstühle in die Arena hinein tragen dürfen. Wir hätten sie auch nicht VOR die große Hecke in den breiten Gang stellen dürfen. Das sei ein Fluchtweg. Komisch, eigentlich war es die Getränke- und Futter-Meile. Wo kommen wir denn dahin, wenn das ALLE machen? Wir hätten uns vom Veranstalter einen Berechtigunsgschein unter Vorlage eines Behinderten-Ausweises ausstellen lassen können. Ach ja? Zu Abgabezwecken gab es einen Tresen und ich erhielt einen Rückgabeschein.

Es war voll. Obwohl wir eine dreiviertel Stunde VOR Beginn des Konzerts eintrafen, fanden sich nur noch Stehplätze in den Heckentoren. Die Alternative wäre gewesen, sich durch die Menge zu drängeln, um in der Mitte festzustellen, dass es von dort nichts zu sehen gibt.
Aus den Erfahrungen der letzten Besuche (bei denen wir die Klappstühle mit hineinbringen durften) wanderte ich um die große Hecke und blieb schließlich an dem Tor vor der Tribüne für Rollstuhlfahrer stehen. Hier war es einigermaßen luftig und das Gefühl einer eingebüchsten Sardine ließ sich ertragen.
Auf der Tribüne für besagte Rollstuhlfahrer war es auch voll. Aber es kamen immer noch welche und sie wurden von umsichtigen Helfen des Security-Dienstes eingewiesen.

Irgendwann war kein Platz mehr auf der Tribüne. Deshalb – und das stellte sich nun erst heraus – wurden die Rollstuhl-Gäste aufgefordert, einen „Berechtigungsschein“ vorzuzeigen. Der sie berechtigte, mit eben diesen Rollstühlen einzufahren.
Die Neuangekommene hatte einen. Die als allererste auf die Tribüne gefahrene Frau hatte jedoch keinen. Dumm aber auch. Nun wurden ALLE Rollstuhl-Gäste nacheinander wieder zurückbeordert, runter von der Tribüne, denn die zu hinterst stehende – also die als erste auf die zuvor vermutlich noch freie Tribüne gefahrene – musste raus. Von der Tribüne runter und sich mit ihrem Rollstuhl sonstwo hinstellen.
Es war zwar kein Chaos ausgebrochen, dank der freundlichen Service-Frau, aber alle Bitten, dass man es doch so lassen könne, blieben ungehört. Obwohl alle damit einverstanden gewesen wären.
Es ginge nicht, die Tribüne habe Platz für 10 Rollis und nicht einen mehr.
Die Frau an vorletzter Stelle fuhr in einem E-Rollstuhl, ziemlich groß und schwer. Sie bot an, dass sie nun unten bleiben würde, sie könne auch von dort gut sehen.
Da wurde sie erstmal belehrt, dass der E-Rolli eigentlich ZWEI Scheine benötige (also zur Berechtigung, eben dort zu stehen) und zweitens wurde ihr Angebot schlichtweg abgelehnt – von besagter freundlicher Service-Kraft, die es auch bestimmt nicht böse meinte, sondern nur die Regeln ganz genau kannte.
Einige von uns mischten sich nun ein und dann erfuhren wir, dass die im E-Rolli noch eine zur Zeit gehbehinderte Schwester dabei hatte, an Krücken – die haben sie ihr am Eingang nicht fortgenommen, da hatte sie Glück, denn Krücken sind ähnlich gefährlich wie Regenschirme -, die aber auch ihren kleinen Klappstuhl opfern musste. Wie viele andere, denen man leicht ansehen konnte, dass sie die Konzertzeit nicht über“stehen“ würden.

Nachdem sich alles wieder zurecht gerückelt hatte und die Rollis brav einer neben dem anderen auf der dafür vorgesehenen Tribüne standen, ging das Konzert los. Da haben wir ja gerade noch mal Glück gehabt. Nicht auszudenken, wenn die Sache mit den Rollis irgendwie – weil der Unmut sich breitgemacht hätte – schiefgegangen wäre. Wenn die Rollstuhl-Gäste zum Beispiel einer militanten Minderheit angehört hatten......
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1 Kommentar
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Elke Noack aus Rahlstedt | 21.08.2014 | 17:41  
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