Verkäuferin auf Zeit

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Von gut erhalten bis antik: Sogar eine Zink-Wärmflasche ist hier noch zu haben, wie Heike zeigt Foto: Haas
 
Gemütlicher Treffpunkt „Mein Regal-boden“: Waltraut Haas (mit gelbem Hut) im Kreis ihrer neuen „Kolleginnen“ Foto: Haas

Selbstversuch von Wochenblatt-Autorin Waltraut Haas bei „Mein Regalboden“

Groß Borstel Endlich loslassen und ausmisten! Nur: für den Müll ist vieles zu schade... Es online oder auf Flohmärkten verticken: Das kostet zu viel Zeit und Mühe… Ich starte mit einer „Buchbefreiungsaktion“: Viele gelesene Werke warten auf neue Leser.
Weiter geht es mit gut erhaltenen Handtaschen und Schuhen. Dann ein kritischer Blick in Küche, Kleiderschrank und ach, auf die Deko-Artikel. Jetzt heißt es: Stark sein, aufräumen und tütenweise ab nach Groß Borstel. Das dortige Geschäft „Mein Regalboden“ hat mich zur Aufräum-Aktion animiert. Seit Juni 2014 betreibt Heike Pöpperl an der Borsteler Chaussee 114 diesen Laden der besonderen Art, einzigartig in ganz Hamburg. Als hätte Heike meine Gefühlslage erraten, erklärt sie ihre Grundsätze: Sie setzt auf Nachhaltigkeit, ist mit mir gegen die Wegwerf-Mentalität. Zudem bleibe ich die Verkäuferin meiner Schätze, Heike bekommt 20 Prozent für alle Sachen (ab 100 Euro nur noch zehn Prozent), die sie für mich verkauft. Dafür miete ich ihre Stellflächen. Über jeden Verkauf werde ich per E-Mail informiert. Geduldig weist Heike mich ein. Dann muss ich bezahlen: erschwingliche wöchentliche Beträge. Dazu kommt noch eine Kaution. Schon bin ich überzeugt: Zwei Regalböden und drei Kleiderbügel miete ich für fünf Wochen zum Preis von vier. Dann folgt ein letzter ungewohnter Akt: Preisschilder ausfüllen und gut sichtbar auf meinen Schätzen anbringen.

Nur in gute Hände abzugeben!


Aber ich bin in guter Gesellschaft. Meine neuen Kolleginnen – wir sind schnell per Du – haben Erfahrung und beraten mich bei der Preisgestaltung. Am liebsten würde ich noch vermerken: „Aber nur in gute Hände abzugeben!“. Dann ab aufs Regal, möglichst hübsch drapieren und dekorieren. Mein Lederrucksack wird ganz oben mit Handtaschen und dem Filzhut zum Blickfang. Das Fuchsfell ist schon Stunden später verkauft. Nach fünf Wochen verzeichne ich ein stattliches Plus. Natürlich bin ich „infiziert“, ich reinvestiere. Denn meine strenge Musterung zu Hause geht ja weiter. Nach jedem Verkauf gilt es, Lücken zu füllen und gleich wieder Neues anzubieten. Bevor Sachen zu Ladenhütern werden, kommen sie aufs Spendenregal. Den inzwischen stattlichen Erlös von 700 Euro überreichte Heike kürzlich an den Jugendclub Groß Borstel.

Klönschnack über Schnäppchen


Wöchentlich besuche ich meine Regalböden und komme mir vor wie in einem gemütlichen Treff unter Nachbarn. Im Wohlfühl-Klima von Gleichgesinnten klönen wir und freuen uns über gerade erstandene oder verkaufte Schnäppchen. Kunden mit schmalem Geldbeutel werden ebenso fündig wie Raritäten-Sucher. Auch ich schaue mich regelmäßig um. Die elektrische Cromargan-Espressokanne für sensationelle 15 Euro muss ich haben und den handgeknüpften Läufer für meinen Flur: nur 34 Euro! Supergünstige Bücher kaufe ich – Zuhause ist ja wieder Platz! –
und exquisite Geschenke: das Ledernotizbuch mit handgeschöpftem Papier etwa, die Bronzeglocke in Herzform oder den pinkfarbenen Leinenschal.

Geschäftsidee ging auf


Mit mir sind noch mehr Leute infiziert – junge bis hochbetagte. Die älteste Kundin ist 94. Heikes Geschäftsidee ging gut auf, „Mein Regalboden“ floriert –
der unspektakulären Geschäftslage zum Trotz. Schon ihre liebevolle Schaufenster-Deko zieht Kunden magnetisch an. „Leute kommen sogar aus Eppendorf und von weiter her“, sagt Heike. Sie stammt aus Kassel, dort hat sie die Idee abgeschaut. Jetzt ist die gebürtige Hessin mit der sozialen Ader selber begeistert von der Resonanz. Und die kommt nicht von ungefähr. Denn sie hat ein Händchen für die adrette Ladengestaltung und die Präsentation des vielfältigen Angebots. Nicht zuletzt sorgt ihre allen Kunden zugewandte Art für die lockere, freundschaftliche Atmosphäre. Wie sie dazu kam? Als die Jobsuche mit 50 schwierig wurde, machte Heike Pöpperl aus der Not die Tugend der Umorientierung: „Ich wollte etwas Sinnvolles tun, was ich mit 70 auch noch kann“, erklärt die ausgebildete Familientherapeutin.(wh)
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