Verkehrschaos

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Egon Teske betreibt ein Geschäft am Mühlenkamp. Auf die Schnelle kann er hier keinen Parkplatz finden: „Es ist eine kritische Geschichte.“ Foto: vk
 
Parken in zweiter Reihe ist am Mühlenkamp oft die einzige Lösung für Autofahrer. Fotos: ag (2)
 
Christoph Ploß (CDU) möchte die Situation entschärfen.

Am Mühlenkamp geht oft gar nichts mehr

Von Anne Gemeinholzer

Winterhude. Ein dunkler Kombi rangiert, um in zweiter Reihe einzuparken. Hinter ihm wartet ein Bus, um dann im Schlängelkurs weiterzufahren. Aus dem Kombi steigt ein Pärchen in den Dreißigern, steuert auf das wenige Schritte entfernte Café zu. Dass er für sein Parkmanöver ein Knöllchen riskiert, kümmert den blonden Mann wenig. „Das kostet zwar Geld“, sagt er und zuckt mit den Achseln. Man hat‘s ja, soll das wohl heißen. Situationen wie diese sind am Mühlenkamp Tag für Tag zu beobachten. Denn es gibt einfach zu wenig Parkplätze in der Umgebung. Schon für die Anwohner reicht der Parkraum nicht aus.
Wenn dann noch Auswärtige die beliebte Einkaufsmeile mit dem Auto ansteuern, wird es regelmäßig eng mit regulären Parkplätzen. Ein beliebter Ausweg: Das Auto mal schnell – mit oder ohne eingeschaltete Warnblinkanlage – in zweiter Reihe vor das Geschäft oder Café stellen. Busse, Autos und Fahrräder müssen um die Barrikaden herum zickzack fahren, Staus sind an der Tagesordnung. Genervt sein, Gelassenheit, Resignation: Was überwiegt zurzeit bei den Betroffenen am Mühlenkamp? Das Hamburger WochenBlatt fragte bei Anwohnern und Passanten, Geschäftsleuten und Polizei nach, wie sie mit dem alltäglichen Verkehrschaos umgehen. „Es gibt leider eine ganze Reihe von Zeitgenossen, die auf nichts und niemanden Rücksicht  nehmen. Die Masse der Leute weiß, dass sie im absoluten Halteverbot parkt. Aber denen ist egal, ob da noch der Bus durchkommt, Mütter mit Kinderwagen oder alte Leute mit Gehwagen“, meint Anwohner Bernd Kroll. „Ich ärgere mich sehr über die mit den großen Autos, die nicht parken können“, sagt eine alteingesessene Winterhuderin, die mit dem Rad bei Edeka einkaufte. „Es hat sehr überhand genommen mit den dicken Autos, die sich kreuz und quer hinstellen.“ Die Falschparker behinderten Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger enorm: „Man muss höllisch aufpassen, dass man niemanden mitnimmt.“ „Die Verkehrs- und Parksituation ist prekär. Ganz häufig findet man hier keinen Parkplatz“, sagt Marietta S. „Natürlich gibt es das Parkdeck von Edeka. Aber das ist mir zu umständlich.“ „Zweite Reihe-Parken finde ich problematisch, vor allem wegen der Busse“, sagt Michael Schulz, der sich mit seinem Kleinwagen im Vorteil sieht, was die Parkplatzsuche angeht. „Bei Edeka auf dem Parkdeck ist eigentlich immer noch Platz. Das ist Bequemlichkeit, wenn man das nicht nutzt“, meint er. „Normalerweise reichen die 36 Parkplätze auf unserem Parkdeck aus“, sagt auch Thomas Goller, Marktleiter von Edeka Niemerszein. „Nur samstags kommt man nur rein, wenn jemand rausfährt.“  Auch der Geschäftsmann sieht die Verkehrssituation am Mühlenkamp kritisch. „Die Politik muss das regeln“, meint er. „Wen ich bedauere, sind die Busfahrer, die oft minutenlang nicht weiterkommen.“

Keine Lösung im Mühlenkamp

„Seit fast unendlichen Zeiten schreiten wir gegen die Missstände am Mühlenkamp ein“, sagt  Michael Wilke, der im Polizeikommissariat 33 die Einsätze der Verkehrsüberwachung koordiniert. „Aber aufgrund des alten Hamburger Problems – zu viele Autos für so wenig Straßen – führen wir einen Kampf gegen Windmühlen“, sagt Wilke. Die Parksituation rund um Niemerszein am Mühlenkamp sei ein „klassisches Beispiel für die Faulheit der Leute“. „Auf dem Parkdeck sind immer Plätze frei – und unten tobt das Verkehrschaos.“ Was das Problem noch verstärke, sei die Uneinsichtigkeit vieler Parksünder: „Unsere Kräfte schreiben immer wieder die gleichen Leute auf.“ Viele ließen sich auch durch Verwarnungsgelder – zwischen zehn und 35 Euro – nicht belehren. Immerhin, so Wilke, werde bereits seit dem Frühjahr noch stärker als zuvor kontrolliert. Hintergrund sei die Umsetzung des Busbeschleunigungsprogramms des Senats. „Durch ordnungswidrig parkende Fahrzeuge werden die Busse entschleunigt. Wir haben daher von der Politik die Vorgabe, verstärkt in den Straßen zu kontrollieren, wo der Busverkehr gestoppt wird.“ Anwohner Bernd Kroll glaubt, dass die Lösung des Problems ganz einfach sein könnte: „Wenn ein Radfahrstreifen auf der Fahrbahn markiert wäre und sich jemand dann mit dem Auto dick drauf stellt, würde er garantiert öfter angesprochen als jetzt. Wenn es dann noch jedes Mal ein Knöllchen gibt, werden die Leute sich das schon gut überlegen.“ Auch Polizist Wilke meint: „An die Einsicht der Autofahrer glaube ich nicht mehr. Es geht effektiv nur noch über das Portemonnaie. Der Egoismus ist einfach stärker als die Bereitschaft, ein paar Meter zu Fuß zu gehen.“

Politiker ratlos

Auch die Bezirkspolitiker machen sich Gedanken, wie man auf dem Mühlenkamp die Barrikaden durch parkende Autos eindämmen könnte.
Denn die nerven nicht nur und kosten Zeit, sondern bergen auch Gefahren, vor allem für die schwächsten Verkehrsteilnehmer. Grund genug, einmal die betroffenen regelmäßigen Nutzer des Mühlenkamps nach ihrer Meinung zu fragen, findet die örtliche CDU-Fraktion und beantragte im Regionalausschuss eine öffentliche Anhörung.
Doch statt inhaltlicher Debatten nahmen die Regierungsfraktionen SPD und FDP das Thema zum Anlass für einen heftigen Schlagabtausch.
Die Abstimmung über eine öffentliche Anhörung wurde vertagt.„Wir haben ein Verstopfungsproblem durch das Zweite-Reihe-Parken, das die Attraktivität des Mühlenkamps mindert.
Wir wollen eine Lösung, um die Konkurrenzsituation der unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer, die ohne Frage besteht, zu entschärfen“, begründete Christoph Ploß (CDU) die Initiative der CDU.
Doch kaum hatte er den Sachverhalt dargestellt, hagelte es schon Kritik von der SPD: Die CDU nehme sich jetzt wohl nacheinander alle Straßen vor, unkte Jan Freitag.
„Dabei hätten Sie längst etwas tun können am Mühlenkamp, als Sie in der Regierungsverantwortung waren.“ Die CDU wolle die Eier legende Wollmilchsau am Mühlenkamp, legte Fraktionskollegin Dagmar Wiedemann nach: „Wenn der Autoverkehr flüssiger fährt, haben Radfahrer und Fußgänger keine Freude. Da weiß ich nicht, was eine Anhörung bringen soll.“

Konkret werden

Die CDU müsse schon konkreter werden, kritisierte Jan-Tobias Behnke (FDP). Nur mal drüber zu reden, bringe nichts.
Das Parken in Zweiter Reihe müsse konsequent mit Abschleppen geahndet werden, forderte daraufhin die SPD. „Das Problem am Mühlenkamp ist, dass jeder macht, was er will. Wir regen uns alle drüber auf, wie es seit zehn, 15 Jahren läuft.
Aber wir müssen von der Politik erst mal Lösungen reingeben und nicht alles auf der Verwaltung und den Bürgern abladen“, forderte der Grüne Kai Elmendorf, der sich einen Runden Tisch zum Mühlenkamp vorstellen könnte.
„Es ist chaotischer geworden durch aggressives Parken, eine dichtere Taktung der Busse und mehr Cafés.
Da mal anzupacken, ist eine gute Idee“, sagte Karin Haas von der Linken, die eine Veranstaltung mit betroffenen Bürgern befürwortete.
„Ich finde es schade, dass das Thema hier für den Wahlkampf herhalten muss.“
„Es gäbe einfache Lösungen für den Mühlenkamp“, äußerte sich aus dem Publikum Anwohner Bernd Kroll. „Man könnte in Höhe des Poelchaukamps eine Busspur in die Mitte der Straße legen.“  
Dann käme der Bus wieder schneller voran. „Wir würden es vom Quartier her begrüßen, wenn eine Anhörung kommt“, sagte der alteingesessene Winterhuder.

Auf der Strecke

„Bürgerbeteiligung ist uns auch wichtig“, erklärte Dagmar Wiedemann (SPD). „Aber wir wollen nicht den Bürgern etwas vormachen an einer Stelle, wo es keine Lösungen geben kann.“
Es allen Verkehrsteilnehmern Recht zu machen am Mühlenkamp, wie es die CDU wolle, sei unmöglich. Die Situation scheint tatsächlich verfahren zu sein:
So sieht das Bezirksamt jedenfalls zurzeit keine Möglichkeit, die Verkehrssituation anders zu ordnen. Laut einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der CDU sei derzeit nicht geplant, das Radfahren am Mühlenkamp – etwa durch die Einrichtung eines Radfahrstreifens – zu fördern. Begründung: „Der Mühlenkamp liegt auf der Strecke des Busbeschleunigungsprogramms.“ Aus Platzgründen kann deshalb kein Radfahrstreifen dazukommen. Um das Verkehrschaos einzudämmen, will die CDU nun entschieden gegen das Zweite-Reihe-Parken vorgehen. Ein Antrag dazu steht heute Abend im Verkehrsausschuss auf der Tagesordnung. Die öffentliche Sitzung beginnt um 18 Uhr im Großen Sitzungssaal des Bezirksamtes, Robert-Koch-Straße 17. (ag)
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1 Kommentar
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karl meier aus Winterhude | 31.08.2013 | 19:37  
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