Wenn Radler sündigen

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Erwischt: Diese Radfahrerin ist bei „Rot“ über die Kreuzung gefahren. Sie muss nun 45 Euro Verwarnungsgebühr zahlen, einen Punkt in der in der Flensburger Verkehrssünderkartei gibt‘s obendrauf Foto: Schlichtmann
 
Oberkommissar und stellvertretender Truppführer Jens Cissek mit seiner Kollegin Kerstin Beiersdorf bei der morgendlichen Einsatz-Besprechung, am Tisch: Polizei-Oberkommissar Walter Benny Foto: Schlichtmann

Das WochenBlatt unterwegs mit der Polizei-Fahrradstaffel

Von Klaus Schlichtmann

Hamburg-Nord. Sie sind wie eine große Familie – die zehn Männer und Frauen der Hamburger Polizei-Fahrradstaffel mit Sitz an der Stresemannnstraße. „Und wir sind alle freiwillig hier, nicht irgendwie strafversetzt oder zum Dienst auf dem Bike verpflichtet worden“, lacht Jens Cissek, Oberkommissar und stellvertretender Leiter der sportlichen Truppe. Bald, zum Ende des Monats, werden fünf der Radcops wieder in andere Dienststellen gehen.

So ist das geregelt, zehn Beamte im Frühling und Sommer, fünf im Winter. Obwohl – gerade jetzt mit Beginn der dunklen Jahreszeit würde die komplette Staffel auch Sinn machen. Cissek: „Im Winterhalbjahr sind zwar weniger Radfahrer unterwegs, aber immer noch zu viele uneinsichtige, die ohne Licht durch die Dunkelheit huschen und sich sowie andere gefährden!“
Fast täglich sind die Beamten in drei Schichten auf Hamburgs Straßen unterwegs, legen dabei durchschnittlich jeweils 25 Kilometer zurück.
Und regelmäßig werden in der City und den umliegenden Stadtteilen Kontrollen durchgeführt, besonders an Unfallschwerpunkten mit Radfahrer-Beteiligung. Davon gab es im vergangenen Jahr 3.024 in den 102 Hamburger Stadtteilen, dabei wurden 2.204 Radler verletzt und drei getötet. Cissek: „Und nicht selten sind es die Radfahrer selbst, die durch ihre riskante, ignorante und schlicht verkehrsgefährdende Fahrweise zu Schaden kommen.“ Oder aber eben auch durch mangelhafte oder fehlende Beleuchtung.

Bei Rot über die Straße


Ganz oben bei den Verstößen liegen die Rotlichtsünder. „Einige Radfahrer scheinen das Halten bei Rot als Empfehlung zu verstehen denn als Vorschrift. Und das Unrechtsbewusstsein bei denen ist nicht gerade ausgeprägt.“
So kürzlich bei einer Kontrolle auf dem Schulweg/Ecke Osterstraße, bei der das WochenBlatt dabei war. „Wieso, warum halten Sie denn mich an?“, schnauft ein junger Radfahrer aufgebracht, nachdem ihn die Staffel-Beamten Nicole Sellin (36) und Benny Walter (31) gestoppt hatten. „Sie sind gerade bei Rot über die Straße gefahren“, muss sich der Fahrrad-Rambo belehren lassen. „Aber die Autofahrer hatten doch noch Grün“, versucht der sein Vergehen zu rechtfertigen.

Verdeckte „Ermittlung“


Da hatte er zwar recht, aber die Radweg-Ampel zeigte bereits mindestens eine Sekunde „Rot“ „Die Ampelanlage ist so geschaltet damit die Autofahrer an dieser Stelle ohne Radverkehr von hinten nach rechts abbiegen können“, erklärt Polizeioberkommissar Walter dem Verkehrssünder die Situation.
Alles Diskutieren nutzt nichts: der Radfahrer gekommt eine Rechnung über 45 Euro - und den obligatorischen Strafpunkt in Flensburg. Kurz darauf schnarrt es wieder im Funkgerät von Nicole Sellin: „Blonde Frau, Rucksack, grauer Schal!“, gibt ein Kollege, der sich verdeckt an der Kreuzungsampel postiert hat, eine knappe Beschreibung einer jungen Rotsünderin durch. Auch sie versucht sich mit dem „noch Grün für Autofahrer“-Argument heraus zu reden - vergeblich, also: 45 Euro, ein Punkt. Dabei hat die rasante Dame noch Glück gehabt, denn ihre Radweg-Ampel zeigte schon ein paar Sekunden „Rot“ - und das kostet normalerweise gleich satte 100 Euro ...
Missachtung der roten Ampel und Fahren auf der falschen Radwegseite sind die mit Abstand häufigsten Delikte von Radfahrern – das zeigte auch eine Großkontrolle vor drei Monaten an den vier Kontrollstellen Stresemannstraße, Grindelberg, Rentzelstraße und Tarpenbekstraße. Innerhalb von sieben Stunden wurde das Rotlicht gleich 150 mal ignoriert, 16 Fahrer benutzen die falsche Radwegseite, zwölf telefonierten während der Fahrt. Die Hamburger Fahrradstaffel hat sich bewährt und war sogar Vorbild für Berlin. Dort gibt es seit dem Frühjahr nun auch Polizeibeamte auf Rädern, die ganzjährig im Einsatz sind. „Und“, gibt Staffel-Vize Cissek dem Reporter noch schmunzelnd mit auf den Weg, „wir erhalten auch im Winter weder Schmutz- noch Schlechtwetter-Zulage“. (ks)




Das sind die Bußgelder für Radler

5 Euro:

Freihändig fahren, Jemanden auf dem Sattel oder der Stange mitnehmen

10 Euro:

Fahren auf Gehweg (Ausnahme: Kinder bis 9 Jahre)

20 Euro:

Nichtbenutzung des Radweges (wo es vorgeschrieben ist), Radweg oder Einbahnstraße in falscher Richtung (Ausnahme: für Radfahrer freigegebene Einbahnstraßen in Tempo 30-Zonen), Nebeneinander fahren auf Straße oder Radweg und dabei andere behindern, Ohne Licht bei Dämmerung oder Dunkelheit

25 Euro:

Handy am Ohr

45 Euro:

Fahren über eine rote Ampel, wenn die Rotphase unter einer Sekunde liegt

100 Euro:

Fahren über eine Ampel, deren Rotphase bereits länger als eine Sekunde andauert

Ab 35 Euro Strafe gibt es automatisch einen Punkt in der
Flensburger Sündenkartei. Für Radfahrer gilt die 1,6 Promille-
Grenze. Doch bereits ab 0,3 Promille kann der Führerschein
bei Auffälligkeiten gefährdet sein.
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