Wilde Raritäten am Straßenrand

Anzeige
Macht sich stark für ein Wildniskonzept in der Stadt: Dr. Hans-Helmut Poppendieck Foto: Haas
 
Kleine Wildnis: Im März blüht der Lerchensporn wieder an Hamburgs Straßenrändern und unter Bäumen Foto: Haas

Botaniker Hans-Helmut Poppendieck entdeckt seltene Kräuter. „Botanischer Wanderführer“ erscheint 2016

Groß Borstel Der Wildwuchs in Hamburg hat es ihm angetan. Schon seit Jahrzehnten erfasst Botaniker Dr. Hans-Helmut Poppendieck, 66, Hamburgs wilde Ecken. Dafür durchstreift er nicht nur Parks und Naturschutzgebiete, Raritäten entdeckt er schon am Straßenrand. Oder in Sandverwehungen auf asphaltierten Verkehrsinseln. Das seien „veritable Dünenbildungen im Kleinformat“, freut sich Poppendieck, denn auf ihr wachsen Pflänzchen, die sich kargen Umständen anpassen können. Ebenso schwärmt er vom Schilfgras, sonst im Sumpf beheimatet, das er auf rissigem Asphalt gedeihen sah. Das sei immerhin eine erfreuliche Entwicklung, seitdem Hamburgs Straßenränder nicht mehr mit Herbiziden besprüht würden. So kann endlich auch der Lerchensporn im März wieder am Straßenrand blühen.
In den Fußstapfen von Loki Schmidt – seinem großen Vorbild – kümmert sich der Vorsitzende des botanischen Vereins zu Hamburg auch um die wilde Vegetation von Hamburgs Hinterhöfen oder auf Brachflächen im Hafen. Ebenso konnte der Pflanzenexperte den Wildwuchs im Alsterdorfer Gleisdreieck über Jahrzehnte beobachten und dokumentieren. Deshalb schwärmt und seufzt er zugleich: Denn die ehemalige Kleingartenfläche – inzwischen ein 50-jähriger Wald ohne Eingriffe von Menschenhand – wird bald einem Busbetriebshof der Hochbahn geopfert. Dabei sei das Gebiet doch immerhin ein „wichtiger Trittstein im Biotopverbund.“ Poppendieck hat bei regelmäßigen Besuchen analysiert, wie sich ehemalige Kleingartengehölze halten konnten.
Schon vor seiner Pensionierung ging Dr. Poppendieck regelmäßig mit Studenten auf botanische Exkursion: zum alten Güterbahnhof am Kellerbleek, um die „Ruderalvegetation“ zu erfassen und das Vorkommen seltener Pflanzen zu kartieren. Den Natternkopf etwa, die wilde Platterbse oder die wollige Königskerze hat er hier wachsen sehen. Unter wieder seufzt er, denn auch dieses botanisch hochinteressante Brachgebiet wird zerstört: Wie berichtet, muss es dem Bauprojekt „Tarpenbeker Ufer“ weichen. „Umso mehr plädieren wir dafür, in Hamburg wenigstens für ein System rotierender Brachflächen zu erhalten. Denn sie bieten selten werdenden Pionierpflanzen einen Lebensraum.“

Geheime wilde Ecken


Umso mehr freut sich der Herausgeber des „Hamburger Pflanzenatlas von A bis Z“ über eine geheime wilde Ecke, die er am Salomon-Heine-Weg, Ecke Deelböge entdeckt hat. „Dort ist – geschützt von Zäunen – ein kleines Feuchtgebiet entstanden. Hoffentlich wird es noch eine Weile erhalten.“ Ein weiterer Anlass zur Freude sei, dass die kleine Moorfläche im Eppendorfer Moor – für Spaziergänger nicht zugänglich – inzwischen durch die monatsweise Beweidung von Ziegen offen gehalten werden könne. „Die Stadt bietet eben ein ganzes Mosaik unterschiedlicher Lebensräume“, erklärt Poppendieck sein Wildniskonzept. „Gerade in Hamburg sollte es wenigstens einige Gebiete geben, in denen die Bewohner die spontan und ungelenkt ablaufenden natürlichen Prozesse der Vegetation auch beobachten können. Wildnis zum Anfassen und zum Naturerleben ist besonders wichtig für Kinder.“
Die siedlungsnahe „städtische Wildnis“ sollte deshalb auch in den Pflegekonzepten für das öffentliche Grün Eingang finden. Gartenfreunden empfiehlt der Botaniker ebenso „unaufgeräumte Ecken“. Sie seien wichtig als Korrektiv einer völlig durchgeplanten Entwicklung von Menschenhand. Interessenten, die sich schlau machen wollen, bedient er im Frühjahr 2016. Dann erscheint der „Botanische Wanderführer für Hamburg und Umgebung“, den Hans-Helmut Popppendieck derzeit verfasst. Gerade erschienen ist der Band des Naturwissenschaftlichen Vereins in Hamburg: „Natur- und Umweltschutz in der Metropolregion Hamburg“, zu dem Poppendieck das Kapitel beitrug: „Seltenheit und Gefährdung der Hamburger Flora.“ (wh)
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige