WIR sind Eppendorf

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Ob der Schornsteinfeger Glück bringt? Mark Trojahn (Mitte) gesellte sich zu einigen Mitgliedern der Initiative WIR sind Eppendorf, die vor den alten Häusern in der Eppendorfer Landstraße Aufstellung genommen hatten, die für ein Neubauprojekt abgerissen werden sollen. Foto: Hanke
 
Protest vor dem Bezirksamt: Eppendorfer Bürgerinnen und Bürger wollen den Charakter des Stadtteils erhalten. Foto: ch

Bürgerinitiative gegen Abriss alter Gebäude

Von Dr. Christian Hanke

Eppendorf. Aufstand in Eppendorf! Alteingesessene Bewohnerinnen und Bewohner des Stadtteils haben sich in der Initiative „WIR sind Eppendorf“ zusammengeschlossen, um eine weitere Veränderung des Stadtteils in ein hochpreisiges Wohnviertel mit gesichtslosen Neubauten zu verhindern. Das neuste und größte Bauprojekt der letzten Jahre am Eppendorfer Marktplatz, das den Abriss von fünf Häusern der ersten Eppendorfer Bebauung zur Folge hätte (das WochenBlatt berichtete), brachte das Fass zum Überlaufen. „Wir erachten es als absurd, dass Investoren und Politik diesen Teil Eppendorfs ausgerechnet dadurch beleben wollen, dass sie ihm das Herz herausreißen. Machen die alten Häuser, ihre langjährigen Mieter und individuelle Einzelhändler doch genau den Charme aus, der Eppendorf zu einem der begehrtesten Stadtteile Hamburgs macht“, schreibt die Initiative in einem Memorandum, das sie kürzlich der Bezirksversammlung Hamburg-Nord übergab. Es gärte schon lange im Stadtteil. Unmut über die Wandlungen des einst gemischten, zeitweise durch Künstler und andere Kreative belebten Eppendorfs in ein ruhiges Wohnviertel für Besserverdienende wuchs. Leerstände und Neubauprojekte rund um den Eppendorfer Marktplatz lassen nun Befürchtungen aufkommen, dass das alte Zentrum des Stadtteils langsam aber sicher gesichtsloser Einheitsarchitektur von heute weichen wird. Am Südende des Eppendorfer Marktplatzes wird bereits neu gebaut.

Leerstände

Das Projekt von Alstertreu Immobilien in der so genannten kleinen Eppendorfer Landstraße bis zur Ecke Martinistraße würde das Stadtbild im Zentrum Eppendorfs gravierend verändern. Eine Zeile kleiner Vorstadthäuser mit dem markanten Eckhaus des Restaurants Tre Castagne würde durch fünfstöckige Etagenhäuser ersetzt werden. In unmittelbarer Nähe stehen außerdem markante Eckbauten in der Martinistraße, Ecke Erikastraße das frühere Café/Hotel Schaub und Ecke Schottmüllerstraße mit dem früheren Café Neo ganz oder fast leer. Rund 120 Eppendorferinnen und Eppendorfer versammelten sich kürzlich in der Aula der früheren Wolfgang-Borchert-Schule, und fassten ihren Unmut über die Entwicklung des Stadtteils in einem Memorandum zusammen, das der Bezirksversammlung Hamburg-Nord übergeben wurde.
„Wir EppendorferInnen sagen Nein! zum geplanten Abriss der historischen Gebäude und alten Kastanien rund um das Alte Brauhaus (Tre Castagene) am Eppendorfer Markt - vor allem aber zu den vorgelegten Neubauplänen“. So beginnt das Memorandum. Für die fünf vom Abriss bedrohten Häuser „gibt es architektonisch zahlreiche Möglichkeiten, Altes und Neues so miteinander zu verbinden, dass Charme und dörflicher Kern erhalten bleiben“, findet die Initiative, die sich nicht grundsätzlich gegen Veränderungen in diesem Bereich wendet.
„WIR sind Eppendorf“ fordert, dass über die Neubaupläne unter Beteiligung der Initaitive neu verhandelt wird und für die besagten Flächen ein Architektur-Wettbewerb ausgeschrieben wird. Sie fordert außerdem Milieuschutz für das „historische Stadtbild Eppendorfs“ und als Modellprojekt die Einrichtung eines Plan- und Gestaltungsbeirats „zur Entwicklung zukunftsorientierter, sozialverträglicher und kulturrelevanter Konzepte in unserem Stadtteil“, in den neben unabhängigen Experten auch von der Initiative benannte Bürger berufen werden sollen. Das Memorandum wendet sich gegen „klotzige Neubauten und Glaspaläste“ und fordert eine 30-Prozentquote sozialen Wohnungsbau auch in Eppendorf sowie gesetzliche Regelungen im Fall von Mietleerstand und der Vernachlässigung von Bausubstanz und Wohneigentum. Im speziellen Fall des Neubauprojekts am Tre Castagne zweifeln viele Mitglieder der Initiative daran, dass die dortigen Häuser wirklich so marode sind, wie der Investor behauptet.

Reaktionen

„Die Wohnungen sind total in Ordnung. Nur der Keller ist sanierungsbedürftig“, erzählt Petra Hinterthür, die in einem der Häuser das Guanyin-Zentrum für chinesische Lebenskunst betreibt.
„Was hier passiert ist ein Dominoeffekt. Ein Haus nach dem anderen wird abgerissen“, befürchet Marthe Friedrichs, die frühere Betreiberin des Kabaretts Mon Marthe, die sich der Initiative angeschlossen hat.
Der Investor, das Bezirksamt Hamburg-Nord und die in Hamburg-Nord regierenden Parteien SPD und FDP stehen unverändert hinter dem Bauprojekt, reagieren zum Teil verärgert (Investor), teilweise erstaunt auf die massive Kritik der Initiative, zumal das Bauprojekt schon im Anfangsstadium der Planung zweimal in der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Davon wußten viele Mitglieder der Initaitive allerdings nichts. „Ich habe viel Geld investiert, auch um die Anwohner rechtzeitig zu informieren, und nun wird hier eine miese Stimmung verbreitet“, sagte Florian Kämereit, der Inhaber der Immobilienfirma Alstertreu, einer Hamburger Tagesszeitung. Hans-Peter Boltres, der Bauderzernent in Hamburg-Nord, hält die Planung für „ein sehr gutes Beispiel für eine gelungene Stadtrepartatur“. GAL, Die Linke und Ekkehart Wersich (CDU Eppendorf) stehen dem Bauvorhaben dagegen kritisch gegenüber. (ch)
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