„Wir sind mittendrin!“

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„Aus Betroffenen Beteiligte und Mitstreiter machen.“ Martin Eckert will auch im Ruhestand engagiert bleiben Foto: Haas

Martin Eckert vom Verein ‚Leben mit Behinderung‘ hält Rückschau

Winterhude Mit einem Festakt am vergangenen Montag wurde er feierlich in den Ruhestand verabschiedet. „Die Beiträge zur Feier waren für mich eine Bestätigung, dass wir als Verein mittendrin sind“, freut sich Martin Eckert über die Reden. Seit 1992 war er als engagierter Geschäftsführer von Leben mit Behinderung Hamburg (LmBH) tätig. Jetzt nimmt er sich Zeit für einen Rückblick. „Als große Elternorganisation genießen wir nicht nur die Anerkennung der Sozialbehörde sondern auch von Institutionen aus Kultur, Sport, Schule und Weiterbildung: Alle sind als Kooperationspartner bei uns mit von der Partie.“ Er sagt bevorzugt „wir“, wenn er über seine Arbeit spricht und meint den Elternverein von LmBH, in dem er sich jahrzehntelang schon ehrenamtlich engagierte, und der bis 1995 noch „Hamburger Spastikerverein“ hieß.
Mit der Geburt von Tochter Anna 1977 sollte sich alles in seinem Leben ändern: Anna kam mehrfachbehindert auf die Welt. Der aus dem Sauerland stammende Journalist war gerade von München nach Hamburg gezogen, arbeitete mit beim Umbau der Hamburger Morgenpost. Eckert gab seinen Beruf auf, wurde Hausmann, in den ersten drei Jahren voll und ganz mit dem Start seiner Tochter ins Leben beschäftigt. „Die Tage waren nicht einfach, und die Nächte wurden richtig kompliziert.“ erinnert er sich. Als Anna ohne seine Vollzeit-Betreuung auskommt, studiert Martin Eckert Sonderpädagogik an der Uni Hamburg, „um mich fachlich aufzurüsten“, sagt er. Danach arbeitet er für „Zusammen“, eine Zeitschrift für Fachleute und betroffene Familien, die sich mit schwerbehinderten Menschen befasst. Er beschäftigt sich sehr intensiv mit der Reform des veralteten Vormundschaftsgesetzes, das noch Entmündigungen vorsah: „Mit dem neuen Betreungsrecht fand sich ein milderes Instrument, seitdem müssen Betreuer im Interesse behinderter Menschen handeln und ihre Wünsche berücksichtigen.“
Als LmBH-Geschäftsführer wurde aus seinem Ehrenamt 1992 sein Beruf. Auch Fragen nach Höhepunkten in seiner Laufbahn beantwortet er mit „Wir“: „Wir konnten so vieles bewirken.“ setzt er an. „Aus Betroffenen Beteiligte und Mitstreiter machen, das ist es vielleicht.“ Man müsse nicht gleich die ganze Welt verändern. „Aber statt Jammern gilt: Machen. Gemeinsam machen.“ So habe er im Kreis der betroffenen Eltern viel erreichen können: Die Entlastung von heute rund 500 Familien etwa, durch Helfer, die stundenweise die Betreuung ihrer Kinder mit Behinderung übernehmen. Oder auch deren Urlaubsbetreuung, die Angehörigen Zeit zum Durchatmen verschafft.
Dann die Entwicklung von neuen Wohnformen, die den Assistenzbedarf berücksichtigt. Und der Ausbau neuer Wohnangebote in anderen Stadtteilen. Inzwischen gibt es Wohnungen und Hausgemeinschaften wie etwa am Eisenwerk, wo Erwachsene mit Behinderung weitgehend selbständig und selbstbestimmt leben können, gleichzeitig gelte es, sie vor Vereinsamung zu schützen.
„Ohne uns Eltern geht es nicht.“ bilanziert Martin Eckert seinen Rückblick. „Aber zugleich muss es auch ohne uns gehen: Denn was wird aus unseren Kindern, wenn wir nicht mehr sind?“ Hier sei die Solidarität der nachfolgenden Generationen gefragt.
Ein Generationswechsel vollzieht sich jetzt mit Martin Eckerts Abschied: Die Juristin Kerrin Stumpf, bislang seine Stellvertreterin, übernimmt die Geschäftsführung. Eckert bleibt weiter aktiv als ehrenamtliches Mitglied. „Noch bin ich nicht richtig im Ruhestand angekommen.“ (wh)
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