Wird Unterkunft in Eppendorf ein „Ghetto“?

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Muss künftig in einem Mischgebiet mit strengeren Emissionsauflagen leben: Drucker Michael Aldag Foto: ch
 
Schon mehrfach berichtete das Wochenblatt zu den geplanten Wohnungen Repro: wb

Rege Diskussion um geplante Wohnungen in der Osterfeldstraße. Einige Nachbarn besorgt

Von Christian Hanke
Eppendorf
Es ist amtlich: die geplanten Wohnungen für Flüchtlinge an der Osterfeldstraße wurden im Regionalausschuss Eppendorf/ Winterhude offiziell als neues Bauprojekt des Bezirks Hamburg-Nord vorgestellt. Das Interesse war riesig. Der große Sitzungssaal konnte Anwohner und benachbarte Gewerbetreibende kaum fassen. 480 Wohnungen sollen auf zwei nicht bebauten Grundstücken an der Osterfeldstraße von zusammen rund 3.700 Quadratmetern Fläche, erstmalig in Hamburg im so genannten Expressverfahren, gebaut werden. Dafür werden Gewerbeflächen, die für eine Flüchtlingsunterbringung in ein Mischgebiet, in dem Wohnungen und Gewerbe zulässig sind, umgewandelt, was seit kurzem möglich ist. Ein Beirat, Themen-Workshops und ein mit Ehrenamtlichen besetzter Runder Tisch sollen die Integration der 2.000 bis 2.500 Flüchtlinge in Eppendorf, die die Wohnungen beziehen werden, befördern. Die Wohnungen, von denen die ersten 178 bis Ende des Jahres bezugsfertig sein sollen, baut der Eigentümer der Flächen, Maas & Raffay, ohne Bezuschussung. Der Bezirk Hamburg-Nord mietet sie für 15 Jahre an. Danach werden sie dem freien Wohnungsmarkt zugeführt.

Kritik an Anzahl


Daran und an der Anzahl der Flüchtlinge entzündete sich viel Kritik der Gäste. Eine „Ghettoisierung am Rande von Eppendorf“ befürchten viele aufgrund der hohen Anzahl von Flüchtlingen. Als „Offenbarungseid“ des Bezirksamtes bezeichnete Götz von Grone von der Flüchtlingsinitiative Eppendorf die beabsichtigte Unterbringung von über 2.000 Flüchtlingen am selben Ort und schlug erneut kleinräumliche Lösungen vor. „Alle dezentralen Flächen sind in der Prüfung“, beteuerte Tom Oelrichs, der stellvertretende Bezirksamtsleiter, der außerdem erwähnte, dass kleinteilige Unterbringungen noch mehr Betreuungspersonal erforderten.

Vorgaben vom Senat


Kritik entzündete sich auch an der Tatsache, dass die Unterbringung in der vorgestellten Form bereits beschlossen ist. Die Vertreter des Bezirksamtes stellten klar, dass sie keinen Einfluss darauf gehabt hätten, dass auch in Eppendorf eine Flüchtlingsunterbringung zu erfolgen hat. „Wir haben Vorgaben vom Senat. Wir können nicht mehr über das Ob, sondern nur noch über das Wie diskutieren“, sagte Oelrichs. Das Bezirksamt erhielt aber auch Unterstützung für seine Pläne aus dem Plenum. „Eine Ghettoisierung der Wohlhabenden in Eppendorf“ stellte ein empörter Gast, der als Arzt in Wilhelmsburg gearbeitet hatte, dem Vorwurf gegenüber, die Flüchtlinge würden in ein Ghetto gepfercht. Ein Anwohner bezeichnete die Kritik an schlechten Verkehrsanbindungen, die laut geworden war, angesichts von zwei Buslinien, die durch die Osterfeldstraße fahren, und einer Haltestelle fast vor dem zu bebauenden Grundstück, als absurd. Einige Gäste schenkten sich nichts. SPD, Grüne und Linke äußerten sich überwiegend positiv zu den Reaktionen aus dem Plenum. Die Linke kritisierte die Nutzungsbegrenzung der Wohnungen auf 15 Jahre, zog aber ihren Antrag mit Forderungen nach integrativen Maßnahmen zunächst zurück, da die Verwaltung viele dieser Forderungen aufgegriffen habe. Ihre Abgeordnete Karin Haas regte an, über eine neue Schule zwischen Osterfeldstraße und dem Groß Borsteler Neubaugebiet Tarpenbeker Ufer nachzudenken.

Gemischte Gefühle


Viele Anwohner der Gewerbegebiete an der Osterfeldstraße sehen dem Zuzug von etwa 2.500 Flüchtlingen aus überwiegend arabischen Gebieten mit gemischten Gefühlen entgegen. „Konflikte sind vorprogrammiert. Das wird eine ganz eigene Welt. Auch Eppendorf wird sich ändern“, argwöhnt Christa Tapke-Jost, die in unmittelbarer Nähe der künftigen Wohnungen lebt. „Auch wenn von Familien die Rede ist, es werden auch viele alleinstehende Männer kommen“, vermutet eine andere Anwohnerin, Anette Müller-Stellemann, die dabei ein mulmiges Gefühl hat. Sie möchte eine Bürgerinitiative gründen. Nachbar Friedrich Liebtrau hat bereits 77 Fragen zu dem Bauprojekt an das Bezirksamt Hamburg-Nord gerichtet, die noch nicht beantwortet sind. Sehr verärgert über die geplanten Flüchtlingswohnungen sind auch die benachbarten Gewerbebetreibenden. Wenn das Gewerbegebiet in ein Mischgebiet umgewandelt wird, müssen sie auf die benachbarten Wohnungen Rücksicht nehmen. Für Michael Aldag, dessen kleine Druckerei genau zwischen den beiden künftigen Wohnungsflächen liegt, wird es schwierig, weil er bestimmte Emissionsgrenzen einhalten muss. „Die Lautstärke muss um zehn Dezibel gesenkt werden. Das bedeutet tatsächlich eine Halbierung des Lärms“, berichtet der Drucker, der im Viertel groß geworden ist. Auch er hat dem Bezirksamt einen längeren Fragenkatalog geschickt. Die Antwort steht noch aus.

Am 4.2., 18 Uhr, hält die Präsidentin der Architektenkammer im Stadtentwicklungsausschuss einen Vortrag, Thema „Städtebauliche Integration statt Ghettoisierung“
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