Wo die Zeitgeschichte wohnt

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Deutschlands einzige Forschungsstelle für Zeitgeschichte sitzt im Haus Ecke Monetastraße/Beim Schlump Foto: Hanke
 
Die Leitung: Professor Dr. Axel Schildt und seine Stellvertreterin Dr. Kirsten Heinsohn Foto: Hanke

Von Interviews mit NS-Opfern bis zum Beate-Uhse-Archiv – Forschungsstelle braucht dringend mehr Platz

Von Christian Hanke
Rotherbaum
Sie ist vermutlich einmalig in Deutschland, die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. Ein Institut, das sich nur mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts und der Zeit bis heute beschäftigt. Ein kleines Institut zwar mit gerade einmal zwölf Mitarbeitern, sechs Wissenschaftlern und sechs für die Verwaltung, aber unter historischen Regionaleinrichtungen ein Riese: 100.000 Bände umfasst die Bibliothek und rund 2.000 Interviews werden in der Werkstatt der Erinnerung, dem Oral History Archiv, verwahrt. Schließlich hat die Forschungsstelle rund 100 eigene Publikationen herausgegeben. Im schönen Verwaltungsgebäude, Beim Schlump 83 (Ecke Monetastraße) ansässig, das bis 2007 das Finanzamt Hamburg-Schlump beherbergte und als Rathaus von Köpenick in dem Film „Der Hauptmann von Köpenick“ mit Heinz Rühmann 1956 Filmruhm erlangte, stößt das Forschungsinstitut nun an seine Grenzen. „Ende nächsten Jahres ist die Kapazität des Gebäudes erschöpft“, berichtet Dr. Kirsten Heinsohn, stellvertretende Leiterin der Forschungsstelle. Das Institut platzt aus allen Nähten – Ergebnis einer Erfolgsgeschichte. Enstanden aus der an der Schulbehörde angesiedelten Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg, wurde sie 1997 als Stiftung privaten Rechts angebunden an die Universität mit dem Auftrag weitergeführt, die Geschichte Hamburgs und des norddeutschen Raums im 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart zu erforschen. „Die Geschichte des Nationalsozialismus bildet dabei immer noch einen Schwerpunkt“, erläutert Professor Dr. Axel Schildt, der Leiter der Forschungsstelle. Zunehmend aber auch die so genannte zweite Geschichte des Nationalsozialismus, die die unmittelbaren Folgen des Dritten Reichs behandelt. Zum Beispiel die Verteilung von NS- und Reichsvermögen nach dem Zweiten Weltkrieg. Weitere Schwerpunkte des Instituts sind Hamburg seit den 1950er Jahren sowie jüngere und jüngste Zeitgeschichte.

Bücher und Vorträge


Zu diesen Themen veranstaltet die Forschungsstelle Vortragsreihen und gibt Bücher heraus. In diesem Winter sprachen Fachhistoriker zum Beispiel über „Pop – ein neues Konzept der Zeitgeschichte?“ „Pop wird nicht mehr nur als Musikrichtung aufgefasst, sondern auch als zeitgeschichtliche Strömung“, erklärt Kirsten Heinsohn. Die Vorträge finden um 18.30 Uhr statt und kosten keinen Eintritt. „Wir haben ein sehr gemischtes Publikum“, konnten die Leiter der Forschungsstelle bisher feststellen. Drei Buchreihen mit insgesamt 89 Bänden hat das Institut bislang herausgegeben: die umfangreichen Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte bestehend aus Habilitationsschriften und herausragenden Dissertationen, das Forum Zeitgeschichte (Dissertationen und Projekte der Forschungsstelle) und Hamburger Zeitspuren, Qualitätsarbeiten von bis zu 200 Seiten Umfang. Herausragende und einmalige Dokumente und Dokumentationen finden sich im Archiv und dem Oral History Archiv „Werkstatt der Erinnerungen“. „Wir betreiben keine aktive Sammlungspolitik. Das können wir nicht leisten“, stellt Kirsten Heinsohn zwar klar, die Forschungsstelle kann also nur archivieren, was ihr zugetragen wird, doch das ist beachtlich genug. Nachlässe zum Beispiel oder Briefe. So erhielt Axel Schildt einmal einen Koffer mit Briefen, die ein Lehrer seinem Schüler an die Ostfront geschrieben hatte. „Auch die Gegenbriefe waren dabei, das ist selten“, erzählt Axel Schildt. Auch der Nachlass von einem Zahnarzt, der den Hamburger Gauleiter und Reichsstatthalter Karl Kaufmann kannte, stieß bei den Hamburg-Forschern auf großes Interesse. „Nachlässe, die Einblick in Hamburger Verhältnisse geben“ – so bezeichnet Axel Schildt seine Archiv-Schätze. Bundesweit bekannt ist mittlerweile das beachtliche Oral History Archiv „Werkstatt der Erinnerung“ mit rund 2000 Interviews. „Das hat 1990 mit Interviews mit in Hamburg aufgewachsenen NS-Opfern begonnen, die aufgrund des Besuchsprogramm des Senats nach Hamburg kamen“, erzählt Kirsten Heinsohn. Zwei Drittel der Interviews des Archivs wurden mit jüdischen NS-Opfern geführt.

Schwerpunkt Sexualität


Mitunter entwickeln sich Schwerpunkte auch ganz ungeplant. Durch die Übernahme des Beate-Uhse-Archivs und des Nachlases des Sexualforschers Günter Amendt zum Beispiel, der 2011 bei dem schrecklichen Verkehrsunfall in Eppendorf ums Leben kam, entwickelte die Forschungsstelle den Bereich „Geschichte der Sexualität im 20. Jahrhundert“.

Neue Medien


Neben der Forschung und dem Festhalten der Ergebnisse in Buchform beantworten die Historiker der Forschungsstelle Anfragen von Politik, Medien und Film oder schreiben Gutachten. Das wirft mitunter ganze Zeitpläne über den Haufen. „Da bleibt manchmal den ganze Tag die vorgesehene Arbeit liegen, wenn eine Anfrage vom Senat oder von Journalisten kommt“, erzählt Axel Schildt.
Zunehmend nutzt die Forschungsstelle auch die neuen Medien, um sich darzustellen. Über „Lecture to go“ können Veranstaltungen angehört oder Konferenzen angesehen werden, die die Forschungsstelle veranstaltet hat.

Weitere Infos: Die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg
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