Zurück in die alte Heimat

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Schwester Gertrud (82) freut sich auf das neue Mutterhaus in Eppendorf Foto: Gehm
 
Schwester Gudrun (74) bastelt elektronische Weihnachtskarten mit dem Laptop Foto: Gehm

Eppendorfer Diakonissen freuen sich auf neues Mutterhaus in den Bethanien-Höfen

Von Dagmar Gehm
Eppendorf
Schickes Outfit, Make-up, modische Frisur. Und verheiratet war sie auch mal. So gar nicht will sie in das Bild passen, das man sich von einer Diakonisse macht, einer Ordensschwester, die ihr Leben in den Dienst anderer stellt, Tracht trägt und enthaltsam lebt. Ganz anders Oberin Silviana Prager-Hoppe. Seit 2007 arbeitet sie für das Diakoniewerk Bethanien e.V., seit 2011 ist sie neben der Schwesternschaft in Frankfurt auch leitende Schwester der
Diakonissenschwesternschaft in Hamburg. Von ihr wurde sie als zivile Oberin gewählt, ist also keine eingesegnete Diakonisse. Trotzdem: „In mir sehen die Diakonissen ein Stück weit ihre Mitschwester, und manche sind stolz auf ihre moderne Oberin.“ 
Waren es 1911 noch 138 Schwestern des evangelisch-methodistischen Bethanien-Vereins, sind es heute nur noch 32 im Alter zwischen 62 und 102 Jahren, die im Ruhestand leben. Einige davon wohnen in Pflegeheimen; im Mutterhaus, das sich zur Zeit in Alten Eichen in Stellingen befindet, sind es noch 22. „In den 70er Jahren wurde es versäumt, die Arbeit als Diakonisse für junge Frauen attraktiv zu machen“, bedauert die leitende Schwester. Aktiv ist nun keine mehr. „Fachkräfte ersetzen jetzt die Diakonissen. „Sie kümmern sich mehr um Projekte, wie z.B. die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Suchtkranken“.Nach vielen Entbehrungen eines Lebens für Gott und für andere genießen die alten Diakonissen nun einen Ruhestand ohne finanzielle Sorgen, ohne Angst vor der Einsamkeit. „Alles, was sie brauchen, bekommen sie von der Stiftung“, sagt Schwester Silviana. Trotzdem – einige sind noch in der Kirchenmusik tätig, übernehmen den Einkauf für andere, lesen ihnen vor, halten Wache bei Sterbenden. Und sind keine Spur von weltfremd. Entspannt sitzt Schwester Gudrun (74) in blauer Tracht und weißer Haube vor ihrem Laptop, entwirft und versendet elektronische Weihnachtskarten. Sie hat einen Computerkurs belegt, einen Führerschein besitzt sie, und früher hatte sie – wie andere auch – ein Auto. „Im Krankenhaus Bethanien habe ich über 40 Jahre als Krankenschwester gearbeitet“, berichtet die fitte Diakonissin. „Natürlich waren auch männliche Patienten dabei – kein Problem.“
Wie sie hat auch Schwester Gertrud (82), die ursprünglich aus Zwickau stammt, nie bereut, dem Orden beigetreten zu sein. „Die meisten von uns verstehen sich als Familie“, sagt die deutlich jünger aussehende Diakonisse. „Als Lebens-, Dienst- und Glaubensgemeinschaft. Wir leiden mit den anderen und helfen uns gegenseitig.“
Kaum können sie es erwarten, nach vier Jahren in Stellingen im Juli endlich wieder in die alte Heimat nach Eppendorf zurückzuziehen. Dort ist ihr ehemaliges Quartier, das Bethanien Mutter- und Feierabendhaus, abgerissen worden, um durch die Bethanien-Höfe ersetzt zu werden. Wesentlich komfortabler wird die neue, alte Unterkunft dann ausgestattet sein. Im „Neuen Mutterhaus“, das auch den Gottesdienstsaal und die Gemeinderäume der Gemeinde Hamburg-Nord der Evangelisch-methodistischen Kirche beherbergen wird, bekommt jede Diakonisse ein eigenes Zwei-Zimmer-Apartment mit Bad, Küche, Balkon/Terrasse und Abstellraum. „Den ersten Advent haben wir bereits im neuen Haus verbracht“, freut sich Schwester Silviana.
Schon am 22. Dezember wird sie mit den Diakonissen im schön geschmückten Speisesaal Weihnachten feiern. „Mit Gottesdienst, Singen, Erzählen und Geschenken.“
An Heiligabend, den sie dann bei den Diakonissen in Frankfurt verbringt, kommt ein Pastor zu den Schwestern nach Alten Eichen.
Beten und arbeiten, keine Familie. „Nein, eine andere Lebensform habe ich mir nie gewünscht“, beteuert Schwester Gudrun und klappt energisch den Laptop zu.
Manchmal wird sie wegen ihrer Tracht, die sie seit 1959 tagsüber immer trägt, angesprochen. „Wir sind so etwas wie evangelische Nonnen“, sagt sie dann, „nur nicht so strengen Richtlinien unterworfen wie die katholischen.“(geh)
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