Rugby für Kinder: Hart, aber fair

Anzeige
Klein, aber oho! Die Rugby-Kids des FC St. Pauli schieben keine ruhige Kugel, sondern ringen mit großem Köpereinsatz ums „Leder-Ei“ Foto: sos
 
Juri Stoffregen (6) übt sich am weichen Schaumstoffkissen im „tackling“

Gefährlicher Männersport? Von wegen – FC St. Pauli zeigt der Jugend den „Weg zum Ei“

Von Sonja Schmidt
Winterhude Juri stürmt los. Den ovalen Ball mit beiden Händen fest umklammert. Nur ein paar Meter, dann kracht's. Mit vollem Körpereinsatz rammt der Sechsjährige seine rechte Schulter in das grüne Schaumstoff-Kissen, fällt zu Boden und legt das „Leder-Ei“ hinterrücks ab.

„Gut gemacht. Und nächstes Mal mit noch mehr Kraft“, lobt Trainerin Fanny Rögler und stellt das Kissen wieder aufrecht hin. Falltechniken üben, das ist beim Vollkontakt-Spiel Rugby besonders wichtig, erklärt sie: „Kinder haben die Tendenz auf die Hände zu fallen. Aber die Handgelenke sind schwächer als die Schultern.“
Wie man richtig fällt, das üben Juri und die anderen Kinder der U8-Rugby-Abteilung des FC St. Pauli jeden Sonnabendvormittag. Sie haben Spaß am sportlichen Gerangel und Rumtoben. Auf der Rugby-Anlage an der Saarlandstraße lernen sie von ihren Trainern das sogenannte „tackling“ – wie man den Gegner, der den Ball besitzt, zu Boden bringt oder festhält und ihm so das Spielgerät entreißt. Oder wie man ihn umstößt, bevor er die Torlinie erreicht.
„Kinder raufen gern, und beim Rugby können sie sich auspowern. Außerdem werden sie ermutigt, an sich zu glauben und Herausforderungen anzunehmen“, sagt Juris Mutter, Kathrin Stoffregen. Die 39-Jährige steht entspannt mit anderen Eltern am Spielfeldrand, während die kleinen Raufbolde mit vollem Einsatz durch den braunen Matsch pflügen. Seit einem Dreivierteljahr ist Juri bei Wind und Wetter mit Begeisterung auf der Anlage. Ernsthaft verletzt hat er sich noch nie.

Respekt und Würde

Rugby sieht brutaler aus als es ist, sagen die Erwachsenen. Tatsächlich hätten ihre Kinder nach dem Spiel meist nicht mal blaue Flecken. Und das, obwohl sie außer einem obligatorischen Mundschutz weder Knie- noch Ellenbogenschoner tragen. „Nur so können sie lernen, wo ihre Grenzen liegen. Dann gehen sie auch respektvoll mit ihren Mitspielern um“, sagt Stoffregen.
„Respekt vor der körperlichen Unversehrtheit und der persönlichen Würde des Gegners“, diese Leitlinie steht auch im Ehrenkodex des größten und erfolgreichsten Rugbyclubs Hamburg, der sich seit 1973 verstärkt auf die Jugendarbeit konzentriert. Und Respekt wird auch unter den Kleinsten groß geschrieben: Als ein Junge beim Laufen stolpert und stürzt, hilft ein anderer ihm hoch. Es werden sich gegenseitig die Hände gereicht, Schultern geklopft und Tränen getrocknet. Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft sind spürbar.

Ehrlicher Sport ohne Schwalben

Etwa 30 Kinder zählt die Rugby-Abteilung momentan. Es gibt vier Jugend- und fünf Schülermannschaften. „Jede Woche kommen ein, zwei Neuzugänge hinzu“, sagt Trainer Christian Falk. Der ehemalige Leistungsruderer hat den Teamsport Rugby vor fünf Jahren für sich entdeckt. Anders als in elitären Kreisen Englands, wo Rugby verstärkt an Privatschulen und Gymnasien gespielt wird, drillt der FC St. Pauli seine Mitglieder nicht auf Höchstleistung. „Es gibt Vereine, die picken sich nur die Talente raus. Bei uns kann aber jeder mitmachen, egal ob klein und langsam oder groß und schnell. Wir sind überzeugt, dass in jedem Kind Potenzial steckt“, betont der 24-Jährige.

Dass Rugby der ideale Sport für Kinder ist, findet auch Christian Haller. Mehr noch als Fußball. „Rugby ist ein ehrlicher Sport. Da gibt es keine hinterlistigen Aktionen wie diese Schwalben im Fußball“, sagt der 50-Jährige. Außerdem zeichne sich ein Rugbyteam durch einen hohen Mannschaftsgeist aus. Das gefällt auch Merete Beckmann so gut an dieser Sportart. In der Trinkpause kommt ihr Sohn Emil angelaufen und zeigt stolz seine matschbraunen Knie. „Rugby macht Spaß. Da kann ich mit den Händen spielen, das geht beim Fußball ja nicht“, sagt der Siebenjährige.

Dann schrillt die Trillerpfeife und Emil rennt zurück. Trainerin Fanny Rögler ermahnt die Kinder zur Ruhe und versammelt sie im Halbkreis um sich. „Leise, ich rede jetzt. Hört bitte zu“, ruft sie laut mit strenger Mine. „Respekt vor den Spielregeln und dem Schiedsrichter“ – auch das sind traditionelle Rugby-Werte. Den Kindern ist klar, wer der Chef auf dem Platz ist, beziehungsweise die Chefin. Es herrscht Disziplin. Auch während des Spiels – selbst, wenn man das als Nicht-Kenner kaum glauben mag. Was chaotisch aussieht, unterliegt strengen Regeln. Selbst das Menschen-Knäuel, das sich flink um das braunhaarige Mädchen gewickelt hat. Eingekeilt von ihren Gegnern versucht sie sich zu befreien. Jetzt können die Kinder umsetzen, was sie vorhin beim „tackling“ gelernt haben. Und das klappt recht gut: Wie eine Klette hängt ein Gegenspieler ihr am Bein, die anderen stürzen sich seitlich auf sie. Im dichten Gedränge gibt‘s kein Entkommen mehr.

Nach Hause will keiner

Abpfiff. Und Antreten zu Nachbesprechung mit der Trainerin. Ohne Diskussion nehmen die U8-Spieler die Ermahnungen und Anweisungen an. Dann geht es weiter mit der nächsten Runde. Erst als die Trainingsstunde vorüber ist, ertönen Widerworte. Die Kinder schwitzen und sind dreckverschmiert, aber nach Hause? Nein, das will eigentlich keiner. Wie gut, dass schon in einer Woche wieder Rugby-Training ist.


Störtebeker Cup 2016
Am 4./5. Juni findet der „Störtebeker Cup“ des FC St. Pauli Rugby im Stadtpark statt. Ab 12 Uhr am Sonnabend, 4. Juni: U6 bis U12 sowie am Sonntag, 5. Juni: U14, U16 und U16 Mädchen. Ort: St. Pauli Rugbyplatz, Saarland-
straße 71 im Stadtpark
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige