Die neuen Nachbarn sind in Hamburg eingetroffen

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Rema Alsalti (34), mit ihrem Mann Amer Al Naqib (34) und ihren Kindern Yara (11) und Fares (5). Auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg führte ihr Weg von Damaskus nach HamburgFotos: Krause
 
Regina Barthel und Torsten Grube von der Bereichsleitung von „fördern und wohnen“

123 Flüchtlinge aus vier Nationen im Jugendpark untergebracht. Syrische Familie „dankbar“ – doch es gibt Probleme

Von Franz-Josef Krause
Hamburg. „Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen, als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, wenn hinten, weit, in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen. Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus und sieht den Fluss hinab die bunten Schiffe gleiten; dann kehrt man abends froh nach Haus und segnet Fried’ und Friedenszeiten.“ Worauf der Nebenmann erwidert: „Herr Nachbar, ja! So lass ich’s auch geschehn: Sie mögen sich die Köpfe spalten, mag alles durcheinander gehn; doch nur zu Hause bleib’s beim Alten.“ Dieses Gespräch kommt in Goethes „Faust I“ vor. Heute könnte dieses Gespräch nach der Tagesschau ablaufen. Auch heute wünschen sich viele Menschen in Deutschland, „mit all dem“ nichts zu tun zu haben. Die Realität ist anders.
Vermutlich über 100.000 Menschen werden 2013 neu in Deutschland Asyl beantragt haben. Sie sind mit ihren Schicksalen nicht Bilder aus dem Fernsehen, sondern Menschen aus Fleisch und Blut. In Langenhorn sind die neuen Nachbarn angekommen: Die ersten 123 Flüchtlinge haben im früheren Jugendpark Quartier bezogen. Das WochenBlatt sprach mit einer syrischen Familie, die vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat fliehen mussten: Rema Alsalti (34), mit ihrem Mann Amer Al Naqib (34) und ihren Kindern Yara (11) und Fares (5).

Ständige Unsicherheit

„Zwei Jahre haben wir in ständiger Unsicherheit leben müssen“, so die junge Frau, die zuhause in Damaskus als Sekretärin gearbeitet hat, „das war eine furchtbare Zeit, für uns und ganz besonders für die Kinder!“ „Wir haben uns dann entschlossen unsere Heimat zu verlassen“, ergänzt der Familienvater, „das war keine leichte Entscheidung. Denn einige sagten uns, dass wir auf Ablehnung und Behördenwillkür stoßen würden.“
Amer Al Naqib, in Damaskus bei einer Zeitung tätig, ist dennoch mit seiner Familie nach Deutschland gekommen – am 28. Mai hatten sie ihre Heimat Syrien verlassen. Über den Libanon und die Ukraine führte der Weg nach Deutschland. Erst in die „Zentrale Anlaufstelle und Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in der Sportallee“ und dann in den Jugendpark - „mitten im Wald“, wie es die aus dem weitgehend waldlosen Syrien stammende Familie empfindet.
„Wir sind hier mit Respekt und Höflichkeit aufgenommen worden“, berichtet das Ehepaar übereinstimmend, „unsere Probleme werden ernst genommen – die Mitarbeiter im Jugendpark stehen uns hilfsbereit zur Seite. So haben sie unter anderem Arzttermine für uns vereinbart. Für all das sind wir von ganzem Herzen dankbar!“
Die Eheleute sprechen neben Arabisch auch „not to bad“ Englisch; ein großer Vorteil, um sich in einer fremden Großstadt zurechtzufinden, um erste Kontakte zu knüpfen. Im Jugendpark gestaltet sich das schwieriger. Hier leben zurzeit 123 Asylsuchende aus Afghanistan, dem ehemaligem Jugoslawien und Tschetschenen und nur wenige Flüchtlinge aus Syrien zusammen. Beengt, denn der vierköpfigen Familie stehen nur zirka 14 Quadratmeter zur Verfügung. Noch gibt es keine individuelle Kochmöglichkeit – auch die sanitären Einrichtungen werden von vielen Bewohnern gemeinsam benutzt. „Das ist wirklich nicht einfach“, findet die junge Mutter „es gibt hier ganz unterschiedliche Hygienevorstellungen, die zu Problemen führen; besonders an Wochenenden.“
Regina Barthel und Torsten Grube, Bereichsleitung Mitte / Nord / Eimsbüttel von „fördern und wohnen“, dem Betreiber der Einrichtung, wissen darum. „Es ist leider so, dass sich daraus Probleme ergeben – es reicht eine Person, die sich nicht an die notwendige Sorgfalt in Toiletten und Waschräumen hält oder halten will – wir können nur immer wieder an alle Bewohner appellieren!“ Noch erhalten die Bewohner Frühstück, Mittag- und Abendessen im großen Speisesaal. Gut wäre es, wenn möglichst schnell individuelle Kochstellen vorhanden wären. Selbst dann hätte noch nicht jede Familie einen „Herd für“ sich. Aber die Elektroleitungen des Jugendparks geben selbst das kurzfristig nicht her, nicht einmal für einen kleinen Kühlschrank im Zimmer. Feuerwehrauflagen, die der Jugendpark nicht kannte, bringen zusätzliche Verzögerungen.

Fluglärm macht Angst

Nicht abzustellen ist, direkt neben einer Start- und Landebahn, der Fluglärm. „Das
war das Geräusch, ehe die Bomben fielen“ erzählt Rema Alsalti, die junge Mutter „die Kinder haben noch immer Angst davor, besonders, wenn sie im Bett liegen!“ Ein anderes Problem ist der Platzmangel. „Wenn es trocken, ist können die Kinder draußen spielen – aber wie lange noch, wo spielen sie dann?“ fragt sich Amer Al Naqib, der Familienvater. Die Frage beschäftigt auch „fördern und wohnen“. Michael Kolmann,
der gemeinsam mit Grazyna Klauza vor Ort tätig ist, sucht bisher vergeblich nach einer befriedigenden Antwort. Viele Fragen, nicht immer eine Antwort. Der „Runde Tisch“, der am 27. November erstmalig um 17.30 im Jugendpark zusammenkommt, hat ein breites Aufgabenfeld.
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