Dokumentation über das „Ehrenfeld“

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Ursula Suhling ist stolz, nach der langen Recherche-Arbeit endlich das fertige Buch in der Hand zu halten. Foto: Lublov
 

Zwei Hamburgerinnen schreiben über die Schicksale der Verfolgten der NS-Herrschaft

Von Sylvana Lublow
Ohlsdorf. Im Juni 1961 stellte der Hauptfriedhof Ohlsdorf der Geschwister-Scholl-Stiftung ein 7500 Quadratmeter großes Areal zur Bestattung ehemals Verfolgter des Nazi-regimes zur Verfügung.
Im November des selben Jahres übergab der Hamburger Senat das „Ehrenfeld“ der Öffentlichkeit. Bis 2011 wurden auf dem Ehrenfeld in der Nähe des Eingangs Bramfeld 495 Grabstellen eingerichtet. In fast allen wurden zwei Personen beigesetzt.
Seit wenigen Tagen gibt es nun ein Buch über das Ehrenfeld, herausgegeben von der Willy-Bredel-Gesellschaft/Geschichtswerkstatt e. V. und dem VVN-Bund der Antifaschisten e. V. Hamburg. Ursel Hochmuth und Ursula Suhling sind die Autorinnen. Das Besondere an der Dokumentation mit dem Titel „Ehrenfeld für Verfolgte der NS-Herrschaft“ ist die tabellarische Übersicht über die 889 dort bestatteten Menschen.
Die Tabelle bildet den Hauptteil des Buches - und sie hat auch die meiste Zeit in Anspruch genommen. „Wir haben fünf Jahre an dem Buch gearbeitet und die meiste Zeit wurde in die Recherche der Bestatteten gesteckt“, sagt Ursula Suhling. Die 79-Jährige hat mit Hilfe von Petra Fabig etliche Stunden in Archiven verbracht – auf der Suche nach den Menschen, die hinter den Namen auf den Begräbnissteinen stecken. Fündig wurden sie vor allem im Staatsarchiv, in dem viele Akten der Verfolgten aufgrund der Entschädigungsanträge archiviert sind. „Es war oft sehr erschütternd, über die Schicksale der Menschen zu lesen, was sie durchgemacht haben, wie sie gelebt haben“, sagt Ursula Suhling, deren Eltern Carl und Lucie Suhling ebenfalls Verfolgte der Nazis waren und auf dem Ehrenfeld begraben sind. „Mein Vater war Seemann und meine Mutter Stenotypistin. Sie lebten in Langenhorn und waren Mitglieder der KPD“, erzählt Suhling.
Beide Elternteile wurden wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ verurteilt und mussten mehrere Monate in Haft verbringen. Diese Informationen erhält der Leser des Buches. „Mir war es sehr wichtig, auch den Beruf der Menschen zu nennen. Denn das zeigt, dass der Widerstand von der Basis der Arbeiterbewegung ausging“, sagt die 79-Jährige.
Neben Namen, Geburts- und Sterbedatum, Beruf, Verfolgungs- und Haftgrund steht in der Tabelle auch die Grabnummer. Denn der zweite Teil des Buches enthält ausführliche Lagepläne des Ehrenfeldes. Ihnen ist zum Beispiel auch das Gemeinschaftsgrab von zehn Frauen und Mädchen zu entnehmen, die Opfer der NS-Euthanasie wurden. Sie waren Pfleglinge der Alsterdorfer Anstalten und wurden nach Wien in eine Nervenklinik deportiert und dort zwischen 1943 und 1944 getötet. Das jüngste Mädchen war fünf Jahre alt. Ihre sterblichen Überreste sind 1996 auf dem Ehrenfeld bestattet worden.
„Wir haben das Buch geschrieben, um nochmals zu verdeutlichen, dass das Ehrenfeld einen überparteilichen Charakter hat. Die Bestatteten waren Gewerkschafter, Mitglieder der KPD, SPD, SADD und des ISK“, sagt Ursula Suhling, die seit 1989 wieder in ihrer Geburtsstadt Hamburg lebt. Auch antisemitisch und politisch-rassistisch Verfolgte, Emigranten, Deserteure und Opfer von Zwangsarbeit haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden. (sl)
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