Erinnerungen an Loki

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„Für meinen Freund Reiner Lehberger“ - dies Foto widmete Hannelore „Loki“ Schmidt“ dem Autor ihrer Biografie im Jahr 2009 Foto: Gehm
 
Reiner Lehberger hat die Biografie geschrieben Foto: Gehm

Autor Reiner Lehberger liest am Montag aus Biografie über die Langenhornerin

Von Dagmar Gehm
Langenhorn
Am kommenden Montag, 19. Januar, veranstaltet der Langenhorner Bürger- und Heimatverein eine Lesung. Autor Reiner Lehberger liest aus der von ihm verfassten Loki-Schmidt-Biographie. Mehr als 15 Jahre lang war der Autor mit der berühmten Langenhornerin bekannt, fast drei Jahre lang hat er für diese erste Biographie recherchiert und geschrieben. Das Wochenblatt sprach mit ihm.

„In meinen 90 Lebensjahren war Platz für mindestens drei Leben.“ Loki Schmidt

„In meinen 90 Lebensjahren war Platz für mindestens drei Leben“, hatte Loki Schmidt dem Biographen offenbart. Fast drei Jahre lang hat Reiner Lehberger die drei Leben der Langenhorner Kanzlergattin recherchiert – als Lehrerin, Naturforscherin und als „Angeheiratete der Politik“.
Viele Quellen hat der Uhlenhorster angezapft, als Vertrauensbeweis von Altkanzler Helmut Schmidt den Zugang zu ihrem Nachlass im Privatarchiv der Schmidts und in der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn erhalten. Er hat Dokumente über sie und Briefe von ihr mit Hunderten von Kontakten, die sie ihr Leben lang aufrecht erhielt, studiert, sich um Gesprächs- und Telefontermine mit mehr als 60 Freunden, Weggefährten, mit Helmut Schmidt und Tochter Susanne bemüht.
Herausgekommen ist Erstaunliches. Bewegende Hintergründe, verborgene Gedankengänge, unbekannte Ereignisse, unerwartet Intimes, garniert mit bislang noch nie veröffentlichten Privatfotos.
Reiner Lehberger ist Professor für Erziehungswissenschaft an der Uni Hamburg, Mitbegründer des Hamburger Schulmuseums und Leiter des Zentrums für Lehrerbildung.

Kaffee im Doppelhaus


Kennengelernt hatte er Loki Schmidt bei einer Ausstellung über die Lichtwarkschule, wo vor über acht Jahrzehnten die damalige Hannelore Glaser und Helmut Schmidt die Schulbank drückten. „Man war sich sympathisch“, erinnert sich der aus Bochum stammende Pädagoge, der seit 1970 in Hamburg lebt. „Es folgten Einladungen zum Kaffee ins Langenhorner Doppelhaus, um über Gott und die Welt zu reden.“ Wertvolle Inhalte, die es lohnte festzuhalten. „Lass uns das mal mitschneiden“, sagte er irgendwann.
Zwei Gesprächsbücher resultierten aus den regelmäßigen Treffen: „Mein Leben für die Schule“ und „Auf einen Kaffee mit Loki Schmidt“, letzteres erschien acht Wochen nach ihrem Tod am 21. Oktober 2010. So umfangreich war sein Wissen
über Lokis Leben schon zu diesem Zeitpunkt, dass der Wissenschaftler und enge Vertraute beschloss, eine Biographie über sie schreiben. Zwar gab es bereits eine Autobiographie über ihre Tätigkeiten und Reisen, doch ihre ganz persönliche und private Geschichte blieben darin ausgeblendet.

Höhen und Tiefen


„Ich habe das geschrieben“, sagt Lehberger, „was mir wichtig erschien, um ein realistisches Bild von Loki Schmidt zu schaffen. Mit allen Höhen, aber auch Tiefen.“ Er zeichnete ein verletzlicheres Bild von Loki, als man es von ihr als scheinbar kriegs- und krisenresistente Frau bisher kannte. Bei seinen Recherchen stieß Lehberger auf Bereiche, die Loki Schmidt selber nie angesprochen hatte: „Die Phase nach 1945 war für sie ganz schwierig, weil sie beim Ausfüllen des Entnazifizierungsbogens einige Punkte, wie einen Antrag auf Parteimitgliedschaft und die Zugehörigkeit zum BDM (Bund deutscher Mädel), wahrheitsgemäß angekreuzt hatte. Das Resultat war eine einjährige Suspendierung vom Schuldienst. Dass Loki Schmidt ein Entnazifizierungsverfahren
zu durchlaufen hatte, ist eine durchaus bemerkenswerte Neuigkeit“, sagt der Autor.
Nur wenige Vertraute wussten zudem von der jahrzehntelangen Beziehung zu einem Pastorenehepaar in Bernau, die sie in den 70er- und 80er-Jahren aufgebaut hatte, um es mit der Grabpflege ihres im Kriegswinter 44/45 verstorbenen Sohnes
Helmut Walter zu betrauen.

„Ich habe das geschrieben“, sagt Lehberger, „was mir wichtig erschien, um ein realistisches Bild von Loki Schmidt zu schaffen. Mit allen Höhen, aber auch Tiefen“

Zwar entwickelte sich eine wunderbare Freundschaft zwischen Loki und dem Ehepaar einerseits, doch andererseits wachte die Stasi über ihre DDR-Besuche, akribisch dokumentiert in einer Stasi-Akte, die Lehberger entdeckte: „Bis zur Teesorte, die sie sich mit einem Tauchsieder im Hotelzimmer zubereitete, war darin alles festgehalten.“
Selbst das sensibelste Kapitel – die fast 70-jährige Ehe mit all ihren Höhen und Tiefen – lässt Lehberger nicht aus. Er zitiert den Altkanzler, der einmal zugab, dass dieses lange Bestehen der Ehe hauptsächlich seiner Frau Loki zu verdanken sei. Spricht unverblümt dessen saloppe Einstellung zur Treue an und zaubert sogar zwei weitere Jugendlieben von ihr vor der Ära Helmut aus dem Hut.
Ob die Offenlegung so mancher Geheimnisse Loki zu Lebzeiten erfreut hätte? Lehberger ist sich da ganz sicher. Zumal Helmut Schmidt ihm für die Biographie seine Anerkennung ausgesprochen hat. Summa cum laude für den Professor sozusagen.

Lesung: 19. Januar, 19.30 Uhr, Bürgerhaus, Tangstedter Landstraße 41

Reiner Lehberger: Loki Schmidt – Die Biographie. Erschienen bei Hoffmann und Campe, ISBN 978-3-455-50285-5, 512 Seiten, 24 Euro
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