Gemeindegespräche in St. Lukas oder: Wie man einen Konflikt wegmoderiert

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Als Gemeindemitglied fühlt sich Susanne Neuffer St. Lukas verbunden und verpflichtet. Als Autorin der Bücher ‚Frau Welt setzt einen Hut auf‘ oder ‚männer in sils-maria‘ zeigt sie, dass genaue Beobachtung eine ihrer ganz großen Stärken ist Foto: Krause
Von Susanne Neuffer
Etwa fünfzig Gemeindeglieder hatten sich am Dienstagabend im Gemeindesaal von St. Lukas in bester Absicht und mit großem Schwung eingefunden, um der Einladung des Kirchenkreises zu folgen:„Sie möchten die Vergangenheit aufarbeiten und die Zukunft Ihrer Kirchengemeinde gestalten“. Neue Gesichter waren zu sehen, auch erfreulich jüngere Gemeindeglieder im besten Kindergarteneltern-Alter, aber auch viele Ältere, die noch einmal den Versuch wagen wollten, frische Luft nach St. Lukas hereinzulassen. Mindestens fünf frühere Kirchenvorsteher waren da, der Initiativkreis Gemeindeversammlung „Turmkrähe“, die Mitarbeiterinnen der Gemeinde und der etwas geschrumpfte Kirchengemeinderat.

Rüder Umgangston

Sieger des Abends war eindeutig die Technik – die Technik des Wegmoderierens von Konflikten, Problemen, Forderungen. Problemanfragen sollten zunächst in Kleingruppen ermittelt, dann vorgetragen und in einer späteren Sitzung bearbeitet werden, drei große Blätter waren auszufüllen.
Was in den Kleingruppen erzählt, beredet wurde, war heftig und konkret: Geschichten von Einschüchterung und Einengung von Mitarbeitern, „rüdem“ Umgangston und atmosphärischer Kälte im und ums Gemeindehaus, Geschichten darüber, wie man Pastoren los wird, Ehrenamtliche und interessierte Gemeindeglieder abwimmelt und langfristig vertreibt. Bei der Vorstellung im Plenum verwandelten sich diese Geschichten in Überschriften wie „Umgangston“, „Information“, „Transparenz“, „Übergang“, sogenannte Problemanfragen, die inzwischen seit Monaten bekannt sind.

Dienst nach Vorschrift

Wäre nicht immer wieder durchgeklungen, dass dies nicht mit dem alten, sondern nur noch mit einem neuen Kirchengemeinderat umsetzen sei, hätte man sich fühlen können wie auf einem Wochenendseminar zur Auffrischung des Gemeindelebens. Eisern schwieg der amtierende Kirchenvorstand, nur bei der von mehreren Gemeindegliedern geäußerten Beobachtung, dass die Kirchenvorsteher zur Zeit wenig präsent seien und offenbar Dienst nach Vorschrift an der Untergrenze machten, gab es eine schwache Replik, dies sei nicht so. So ganz nebenher kam heraus und wurde abgehandelt, dass auch die Pastorin Oldenburg-Luckey (die eine Viertel-Stelle innehatte) die Gemeinde St. Lukas verlässt – keine Erwähnung im Gemeindebrief, keine Verabschiedung. Ein Schelm, wer sich dabei etwas denkt…
Die Moderatoren gaben ihr Bestes um die gefundenen Überschriften zu ordnen. Viel Zeit wurde mit der Frage verbracht, wie denn diese Erkenntnisse an die Gesprächsteilnehmer, aber nicht an die Öffentlichkeit zu bringen seien. Nur nicht auf die Homepage der Gemeinde – dort könne man ja dann etwas Unausgereiftes lesen, gab Propst Dr. Claussen zu bedenken, dem wohl vor allem ein ruhiger Prozess am Herzen lag. So darf man sich nun eine Kopie der ausmoderierten Ideen im Gemeindebüro abholen. Nur nicht an die Lokalpresse…Und die „Turmkrähe“, das bisschen Gegenöffentlichkeit, das die Kontroversen und die rechtlichen Möglichkeiten immer wieder aufzeigt, mochte man auch nicht fragen.
Dass der Konflikt schon längst in der „Welt“, in diesem Fall im Stadtteil ist, dass man so die erfreuliche neue Bereitschaft von Gemeindegliedern zum Engagement (auch in einem erneuerten Kirchengemeinderat) lähmt und ihre Geduld über die
Maßen strapaziert (auch durch den erst für Ende August angesetzten nächsten Termin) und dass diesen Kirchengemeinderat eigentlich niemand mehr will, verklang unter den beschwichtigenden Schlussworten des Propsten in der lauen Abendluft. Da war der Kirchengemeinderat schon längst zu seiner unaufschiebbaren ordentlichen Sitzung abgezogen…
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