Hamburg: Baustopp bei Auto Wichert

Anzeige
Am Donnerstag ist Richtfest für die Wichert-Welt in Ochsenzoll Foto: Biehl
 
Setzten sich in der ersten Instanz durch: Rechtsanwalt Mathias Frommann (l.), Anwohner Karin und Dr. Alfred S. erreichten, dass ihr Widerspruch eine aufschiebende Wirkung hat Fotos: Biehl

Verwaltungsgericht gibt Anwohnern Recht und bemängelt Verkehrslärmgutachten

Von Bert C. Biehl
Hamburg. Es soll ein beschwingtes Richtfest werden. Am Donnerstag feiert Auto Wichert mit zahlreichen Honoratioren aus Politik und Wirtschaft den Baufortschritt des neuen Audi-Zentrums an der Ecke Langenhorner Chaussee und Stockflethweg. Doch die Freude dürfte getrübt sein. Grund ist ein Beschluss des Verwaltungsgerichts, der am vergangenen Freitagnachmittag zugestellt wurde.
Darin wird in der ersten Instanz einem Anwohner-Ehepaar Recht gegeben, das gegen die Baugenehmigung für das 30-Millionen-Projekt angeht. Die 20-seitige Begründung des Gerichts ist für juristische Laien schwer verständlich. Nicht so das Ergebnis: „Die aufschiebende Wirkung des Widerspruchs gegen die Baugenehmigung wird angeordnet“, beschied das Verwaltungsgericht. Im Klartext: Die vom Bezirksamt Nord Ende 2012 erteilte Genehmigung darf vorerst nicht umgesetzt werden. Laut Gerichtsentscheid gründet sie auf einem fehlerhaften Verkehrslärm-Gutachten. Dabei ist durch die lange Verfahrensdauer das Kuriosum entstanden, dass der Bau quasi schon steht. Pikanterie am Rande: Das Ehepaar wird von dem Hamburger Rechtsanwalt Mathias Frommann vertreten. Frommann war früher Leiter des Bezirksamts Nord, unter seiner Ägide von 1996 bis 2008 hatten die Planungen zum Wichert-Bau begonnen. Wichert-Geschäftsführer Bernd Glathe sieht jetzt das Bezirksamt am Zug und signalisert den Anwohnern gegenüber Gesprächsbereitschaft. Das Verfahren schwelt bereits seit längerem. Das Bezirksamt Nord hatte die Baugenehmigung am 7. Dezember 2012 erteilt und elf Tage später die Anlieger informiert. Das Ehepaar S. legte am 16. Januar 2013 beim Amt Widerspruch ein. Einen Bescheid gebe es bis heute nicht, so Frommann. Im Juni 2013 verklagte er seine früheren Mitarbeiter wegen Untätigkeit. Wegen Überlastung der Gerichte ist diese Klage noch nicht entschieden. Im September beantragten die Anwohner beim Verwaltungsgericht, die aufschiebende Wirkung ihres Widerspruchs anzuordnen.
Dabei haben Karin und Dr. Alfred S. aus dem Stockflethweg grundsätzlich gar nichts gegen das Projekt von Wichert. Das geplante Konzept mit Autohaus und Werkstatt, Geschäften sowie Büro- und Praxisräumen stört sie nicht, wie die beiden betonen. „Es geht uns aber um ein vernünftiges Verkehrskonzept - und das gibt es hier nicht“, sagt Karin S. Ihr Wohnhaus liegt direkt gegenüber der künftigen Stichstraße, über die der gesamte Verkehr vom Wichert-Gelände abfließen soll. Zulieferfahrzeuge, Werkstattkunden und die Nutzer der vorgesehenen P+R-Anlage sollen hier ein- und ausfahren. Das bringe unzumutbar mehr Lärm, Gestank und blendendes Scheinwerferlicht, vermuten die Anwohner.
Zumindest in puncto Fahrzeuglärm geht das Verwaltungsgericht davon aus, dass das Lärmgutachten, das der Baugenehmigung zugrunde liegt, falsch ist. Denn der von der Stichstraße ausgehende Lärm sei nicht mit einberechnet worden. Der Beschluss liegt dem Wochenblatt im Wortlaut vor. Darin verlangt das Gericht eine „neue schalltechnische Untersuchung“.
Ausdrücklich betont das Gericht, dass es sich bei der Entscheidung nur um einen vorläufigen Rechtsschutz handelt, damit nicht durch den Bau zwischenzeitlich vollendete Tatsachen geschaffen werden. Ob eine Klage in der Hauptsache Erfolg habe, sei offen. Auf Nachfrage erklärte das Bezirksamt Nord, Mitarbeiter der Bauprüfabteilung hätten die Baustelle am Dienstag, 1. April, aufgesucht. "Nur Arbeiten, die aus statischen Gründen dringend erforderlich sind, dürfen noch ausgeführt werden. Darüber hinaus wird die Baustelle stillgelegt", sagte Bezirksamts-Sprecherin Katja Glahn.
Wichert-Geschäftsführer Bernd Glathe betonte, das Richtfest werde auf jeden Fall stattfinden. Er hoffe auf Verhandlungen: „Wir sind nach wie vor bereit, uns mit den Nachbarn zu einigen.“
In einem Punkt wird das wohl schwierig. Denn die laut Frommann „unverständliche, komplette Verlagerung des zusätzlichen Verkehrs aus der Wichert-Welt’ in den Stockflethweg“ wurde von den Lokalpolitikern durchgewinkt. Und das, obwohl viele Anwohner schon vor Baubeginn gefordert hatten, dass zumindest ein Teil des Verkehrs über die alte Auffahrt zum früheren, jetzt überbauten Güterbahnhofsgelände geführt wird. Die Politiker hatten diesen Vorschlag jedoch nicht aufgegriffen. (bcb)
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige