Pfingsten werden sie geläutet

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Pfingsten werden die alten Schlesierinnen aus Peicherwitz, (li. ‚cis‘) und aus Weicherau (‚dis‘) gemeinsam mit der neuen, in Maria-Laach gegossenen Glocke (‚fis‘) in Langenhorn erklingen. Für Pfarrer Dietmar Wellenbrock und viele Gemeindemitglieder ein erhebender Moment. Foto: Krause
 
Der ‚Glockenfriedhof‘ auf der Veddel nach Kriegsende. Die Vernichtung von Glocken war keine ‚Erfindung‘ der Nazis. Immer waren sie in Gefahr. Nicht so das Glockengießer-Handwerk. Dort galt der Spruch: „Im Krieg Kanonen – im Frieden Glocken“ Foto: Bundesarchiv

Historische Glocken für „Die Heilige Familie“

Von Franz-Josef Krause
Langenhorn. Paulinus von Nola, um 354 in Bordeaux geboren, beschrieb erstmalig ihren Gebrauch in der christlichen Liturgie. Ihr Name leitet sich aus dem irischen ‚clog‘ und dem althochdeutschem ‚clochon – klopfen‘ ab. Die älteste Kirchenglocke Deutschlands besteht aus drei Eisenplatten, die von Kupfernieten zusammengehalten werden. ‚Saufang‘ ist der Name dieser Kölner Glocke. Glocken haben nicht selten ungewöhnliche Namen. Das ‚Bleichermädchen‘ erklingt in Rostock, die ‚Dicke Susanne‘ in Bern, die ‚Faule Anna‘ in Stendal und in Trier informiert die ‚Lumpenglocke‘ die Zecher über den Beginn der Sperrstunde. Eine profane Glocke, ‚Die Stimme Britanniens‘, die ‚Big Ben‘ im Uhrturms am ‚Palace of Westminster‘ in London ist wohl die bekannteste Glocke der Welt.
Nicht alle Glocken haben Namen; fast alle aber tragen Inschriften. Ein im Mittelalter häufiges Glockenmotto lautet: „O REX GLORIAE VENI CVM PACE – O, König der Herrlichkeit komme in Frieden“. Dieses Motto tragen beide aus dem ausgehenden Mittelalter stammenden Glocken, die Pfingsten erstmalig in Langenhorn erklingen werden. Das WochenBlatt hat recherchiert, welche Geschichte sich hinter den Glocken verbirgt. Sie beginnt in Schlesien, im heutigen Polen. Das war in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts Teil des Königreichs Böhmen. Die Hussitenkriege hatten es arg verwüstet. Als es danach wieder aufwärts ging, wurde in einem kleinen Dorf zwischen Legnica/Lignitz und Wroclaw/Breslau, in Peicherwitz/Pichorowice, im Jahr 1450 eine Glocke für die dortige St. Nikolaus Kirche gegossen. Nur wenige Kilometern entfernt, in Weicherau/Wichrów, erhielt die St. Marienkirche 1494 ebenfalls eine Glocke. Beide läuteten fast 450 Jahre ihrer Bestimmung gemäß – riefen die Lebenden und beklagten die Toten. Beide Kirchen überdauerten Religionswirren und Kriege letztlich als ‚katholische‘ Kirchen. Die Glocken läuteten, bis selbst sie nicht Frieden künden, sondern siegen helfen sollten. Wie überall im ‚tausendjährigen Reich‘ mussten sie ihre Türme verlassen, um als kriegswichtiges Metall auf ‚Glockenfriedhöfen‘ auf den Schmelzofen zu warten. Im Zweiten Weltkrieg wurden nach unterschiedlichen Zahlen rund 42.600 deutsche Kirchenglocken aus Bronze verhüttet. Hinzu kamen unzählige Glocken aus den besetzten Gebieten. Nach Kriegsende lagerten auf dem Glockenfriedhof Hamburg (Norddeutsche Affinerie) sowie in Harburg, Oranienburg, Hettstedt (Mansfelder Kupferschieferbergbau AG), Ilsenburg und Lünen (Hüttenwerke Kayser AG) noch rund 13.500 beschlagnahmte, aber nicht eingeschmolzene Bronzeglocken. Auch die beiden Schlesierinnen. Es oblag dem ‚Ausschuss für die Rückführung der Glocken‘, diese möglichst an ihre Heimatgemeinden zurück zu geben. Das gestaltete sich bei den ‚Deutschen Ostgebieten‘ und bei Gemeinden in der ‚DDR‘ problematisch. Daher ließ man sich von dem Gedanken leiten, diese Glocken an neue Kirchengemeinden im Westen zu vergeben, die durch den Zuzug von Heimatvertriebenen aus den Ostgebieten neu entstanden waren. Sorgsam getrennt nach ‚Konfession‘ der Glocken. So zogen die beiden schlesischen Glocken von der Veddel ins nahe Barmstedt bei Pinneberg, wo 1953 eine neue katholische Gemeinde ‚Heilige Familie‘ entstanden war. Mobilität und Priestermangel setzte dieser Gemeinde im letzten Jahr ein Ende. Wieder waren die gewichtigen Schlesierinnen heimatlos. Pfarrer Dietmar Wellenbrock, der Mecklenburger mit westfälischen Wurzeln, hörte von ihrem Schicksal und informierte seine Gemeinde. Ein Sturm der Hilfsbereitschaft erhob sich. Ob große und kleine Einzelspenden oder Geschenkzuwendungen bei Geburtstagsfeiern – viele wollten den historischen Glocken in Langenhorn eine neue Heimat geben. Die Glocken waren kostenlos. Aber rund 15.000 Euro wurden für Logistikkosten, Umrüstarbeiten am Turm, Geläut Mechanik und das klangtechnisch notwendige Umschmelzen der bisherigen einen Glocke gespendet. Der Neuguss erfolgte im Kloster Maria-Laach, wo der Benediktinermönch Michael Reuter seit 1999 bereits mehr als 1.000 Glocken gegossen hat. Nun auch die rund 135 kg schwere, auf ‚fis‘ gestimmte Glocke für die Langenhorner Kirche. Von deren 17 m hohen Turm wird sie am Pfingstsonntag erstmalig mit den über 500 Jahre alten Glocken aus Schlesien „Die Lebenden rufen und Christus, den König der Herrlichkeit und seinen Frieden“ künden. (fjk)
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